Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Crossroads

02.12.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD Crossroads

Crossroads:
Eine kammermusikalische Genussreise von R. Strauss bis Szymanowski
Yuuki Wong & Elizavetha Touliankina
CD ARS Produktion

Das ist ja besser als Oper!

Richard Strauss, Ernest Chausson, Olivier Messiaen und Karol Szymanowski haben nicht nur großartige, richtungsweisende Opern geschrieben, sondern waren auch kammermusikalisch nicht nur aktiv, sondern zu ihrer Zeit auch höchst erfolgreich und angesehen. Wer die kompositorische Quintessenz eines Stücks des musikalischen Weges der vier erleben möchte, liegt mit diesem Ausflug von Bayern nach Polen über Paris goldrichtig. Der Titel der CD ist zwar nicht originell, aber welche Lektion das singapurisch-russische Duo Yuuki Wong & Elizavetha Touliankina an Stil, Dramatik und Atmosphäre erteilt, ist atemberaubend. Vor allem der leuchtende Ton von Wong hat es mir sofort ÿangetan. Er hat in den USA, Wien und der Schweiz studiert und das ist auch zu hören. Von diesen Musikzentren hat er das Beste kondensiert und zu einem eigenen unverwechselbaren Klangcharakter destilliert.

Wie sanglich-irisierend Wong die Geige schon in dem ältesten Stück des Albums, der Sonate für Violine und Klavier in Es-Dur, Op. 18 von Richard Strauss einsetzt, lässt sofort Reminiszenzen an den Konversationston eines Rosenkavalier oder Capriccio, aber auch an das jugendliche Aufbäumen im Finale der Sonate, die den stürmischen Beginn der symphonischen Dichtung „Don Juan“ vorwegnimmt, wach werden. Freilich sollten die genannten Meisterwerke erst viel später entstehen, aber Strauß hat dieses kreative Vermögen wohl schon um die Zeit von 1887 geformt. Wie Yuuki Wong weiß, „erfuhr die frühe Strauss-Sonate schnell eine immense Wertschätzung und wurde als funkelnd geistreiches Stück voller überwältigender Farbigkeit und unbändiger Leidenschaft zu der deutschen Violinsonate des späten 19. Jahrhunderts emporstilisiert.“

Ganz anders das für den Geiger Eugène Ysaÿe 1896 entstandene Poème für Violine und Orchester Op. 25 von Ernest Chausson. Inspiriert von der Erzählung „Das Lied der triumphierenden Liebe“ Turgenjews, ist ein erzählerisch romantisches Standardwerk für den Konzertsaal entstanden. Die Geschichte geht so: Das Ehepaar Fabio und Valeria bekommt Besuch von seinem Freund Muzio, der jahrelang auf Reisen war. Er, der einst um Valerias Zuneigung rang, scheint jetzt über magische Kräfte zu verfügen, betört Fabio und Valeria mit seinem Geigenspiel und bringt sie fast um den Verstand. Also die Macht der Liebe und der Musik bringt unser Duo ja gut über die Rampe und verleiht dem edelsüßen Stück jene Wahrhaftigkeit, die es dem Kitsch entreißt.

Auch für Olivier Messiaen war die Liebe offenbar das ausschlaggebende Moment für die Komposition von „Thème et variations“, die kurz nach seiner Heirat mit der Geigerin und Komponistin Claire Delbos entstand. Das Klavier darf in diesem Stück lautmalerisch Glocken imitieren, rundum ranken sich Messiaensche Arabesken der Violine wie Efeu um altes Gemäuer. Wunderbar.

Den Höhepunkt der CD bildet aber eindeutig das 1915 geschriebene „Notturno e Tarantella“ Op. 28 von Karol Szymanowski. Was Yuuki Wong hier an klanglicher Differenzierung, technischer Meisterschaft, impressionistisch lyrischem Schweifen im Notturno bis hin zu rhythmisch und harmonisch höchst expressionistischer Faktur aus seinem Instrument zaubert, ist reine Magie. Igor Strawinsky lässt grüßen, alle Möglichkeiten geigerischer Spieltechniken von Doppelgriffen bis zu Pizzicati werden ausgelotet. Folkloristische spanische und orientalische Elemente werden ebenso einbezogen wie energiestrotzende Virtuosität und filmmusikreifer Suspense bis zum Äußersten. Elizabetha Touliankin ist auch hier eine feinfühlig assistierende Partnerin, die nur manchmal weniger Gebrauch vom Pedal machen sollte. Parfüm und Stahl müssen gleichermaßen zum Ausdruck kommen.

Eine CD auch für Opernbegeisterte, die schon alles zu haben glauben oder für Freunde von Violinmusik, die Yuuki Wong als wahrlich phänomenalen Virtuosen und begnadeten Musiker auf seinem Instrument kennenlernen wollen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken