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Clemens Unterreiner: EIN BARITON FÜR ALLE FÄLLE

30.05.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Unterreiner   Bariton für alle Fälle

Clemens Unterreiner: 
EIN BARITON FÜR ALLE FÄLLE
Vom Blindflug zum Höhenflug
Aufgezeichnet von Michaela Brenneis
256 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 

Wir kennen Clemens Unterreiner nicht nur von der Bühne, sondern auch als einen Mann, der die Öffentlichkeit nicht scheut. So erklärt sich auch, dass ein noch nicht Vierzigjähriger (das wird er erst im März nächsten Jahres) schon seine Memoiren vorlegt, „vom Blindflug zum Höhenflug“, wie der Untertitel von „Ein Bariton für alle Fälle“ lautet. Wenn er dann 90 ist wie Lotte Tobisch, deren Memoiren derzeit auch neu am Markt sind, kann er ja den Rest seines Lebens nachschicken. Es wird schon noch eine Menge kommen – künstlerisch und privat…

Immerhin, zu berichten gibt es schon genügend, wobei man bewundern muss, wie sich dieser Mann mit dem Leben gerauft und Widerstände besiegt hat – vor allem die einjährige Blindheit in seiner Kindheit, die es zu überwinden galt. Und mit welcher Entschlossenheit er daran festgehalten hat, Opernsänger werden zu wollen, obwohl die Rückschläge enorm waren.

Nun ist er schon zehn Jahre lang an der Wiener Staatsoper engagiert, und viele bedeutende Kollegen finden sich in diesem Buch zu Gratulationen ein. (Peinlich nur, wenn jemand gratuliert, der dann im Text nicht vorkommt, wie der große Peter Matic.) Geschafft hat es Unterreiner, weil er sich weder vor der Kinderoper noch vor Minirollen gedrückt hat, worauf Ioan Holender beschloß, ihm weitere Chancen zu geben. Wie man weiß, hat Clemens Unterreiner sie genützt.

Er zählt zwar immer noch zu den „Comprimarii“ des Hauses, aber größere Rollen (etwa der Faninal) kommen schon hier und anderswo seines Weges. (Schade nur, dass der Amalthea Verlag mit den ausführlichen Rollen- und Auftrittsverzeichnissen aufgehört hat, die man früher automatisch im Anhang aller Schauspieler- und Sängerbücher fand. Was wann wo gesungen wurde, ist schließlich auch aufschlussreich, wenn man es tabellarisch liest.)

Frisch von der Leber weg erzählt, mit Humor und Selbstironie, bietet Unterreiner auch jene Schnurren, die Opernfreunde so gerne lesen, weil sie den erfrischenden, fröhlichen Blick hinter die Kulissen ermöglichen (oder Dinge berichten, die man kaum glauben möchte, etwa dass auch auf junge Männer, nicht nur auf junge Frauen, die „Besetzungscouch“ wartet… oder es ist nix mit dem Engagement – na, ein Guter, eine Gute schafft es auch ohne das.)

Unterreiner hat sich schon als Statist in der Oper herumgetrieben, als er noch nicht davon träumen durfte, als Sänger auf den Brettern zu stehen – wenn man dann in „Andrea Chenier“ Luciano Pavarotti auf dem Karren zur Hinrichtung schieben soll und das Gefährt sich nicht bewegt, weil der Star und seine Partnerin für die schmächtigen Statisten-Henkersknechte zu schwer sind… ja, das ist so komisch wie der Ärger, den Clemens Unterreiner als einspringender Ministrant, der keine Ahnung hatte, was er tun sollte, dem großen Nicolai Ghiaurov im Autodafé-Akt des „Don Carlo“ bescherte, wo sich König Philipp dann selbst mit dem Weihwasserkessel herumärgern musste.

Aber sein schönstes Erlebnis war vielleicht doch, als er in Massenets „Manon“ (streng im Sinne seiner Rolle) die Hauptdarstellerin befummeln durfte, und das war keine Geringere als Anna Netrebko: „Toller Arbeitsplatz, dachte ich, ich singe nicht nur mit Anna, ich muss sie auf höheren Wunsch sogar begrapschen.“ Also, tief durchgeatmet und hinein ins Bett mit ihr.

„Clemens strahlt immer“, meint Elisabeth Kulman in ihren Gratulationsworten, und das offensive Strahlen, mit dem Clemens Unterreiner dem Publikum entgegenkommt, spricht aus jeder Zeile. Wobei es natürlich nicht nur Anekdoten gibt, sondern auch Reflexionen über die harte Arbeit, die in diesem Beruf geleistet wird. Über das soziale Engagement, das nicht immer so klaglos läuft, wie man es sich erhofft. Und über menschliche Enttäuschungen (wenn man von Jungendfreunden verlassen wird, die mit dem Erfolg des Kollegen nicht zurecht kommen). Und über Kritiken, und und und – alles eben, das keine rosa Brille verschönt.

Aber grundsätzlich ist Unterreiner heiter. Und da er zufrieden ist, wie seine Karriere läuft, hat er auch allen Grund dazu.

Renate Wagner

 

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