Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Christian Thielemann: MEINE REISE ZU BEETHOVEN

07.12.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Buchcover Thielemann Beethoven X

Christian Thielemann:
MEINE REISE ZU BEETHOVEN
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey
271 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2020

Das durch die weltgeschichtlichen Ereignisse (diesmal kein Krieg, aber, schlimm genug, eine Pandemie) so beschädigte, an sich so glorios gedachte Beethoven-Jahr 2020. das immerhin auf den 250. Geburtstag des Genies verweist, neigt sich vor dem Ende noch seinem Höhepunkt zu. Denn der am 17. Dezember 1770 getaufte Junge ist wohl am 16. (oder vielleicht auch 15.) Dezember in Bonn zur Welt gekommen.

Rechtzeitig zum Geburtstag nun noch ein wichtiger Beitrag zum Thema: Christian Thielemann meldet sich zu Wort.
Auch er ist einer jener Musiker, die nicht nur in Aufführungen „schaffen“, sondern reflektierend ihre Gedanken niederlegen, wie er es auch 2013 zum Wagner-Jahr getan hat. Zu Beethoven hat jeder Musiker, der etwas auf sich hält, Entscheidendes zu sagen, man kommt, wie Thielemann schreibt, nicht um ihn herum. (Soll man ja auch gar nicht!)

Es ist tatsächlich eine lebenslange Reise geworden – und ein sehr persönliches Buch, in dem sich Christian Thielemann nicht scheut, heikle Themen anzugreifen oder unpopuläre Meinungen zu äußern. Wer würde schon so offen sagen, dass er „Fidelio“ für ein durch und durch misslungenes Werk hält (der Text!) und dass Beethoven (das Urteil gilt auch für die „Neunte“) eigentlich nichts von menschlichen Stimmen verstanden hat? Weil „Fidelio“ nach Thielemanns breit begründeter Meinung gar nicht gelingen kann, lässt er die Finger davon – wie oft man ihm das Werk auch anbieten mag.

Er hat seine Reflexionen zu Beethoven in vielen Gesprächen mit der kompetenten Klassik-Moderatorin Christine Lemke-Matwey formuliert, und das Ergebnis ist dramaturgisch überzeugend. Es geht um Beethovens neun Symphonien, die im Zentrum von Thielemanns Überlegungen stehen. Er hat „alle Neune“ auch schon „gebündelt“ hintereinander dirigiert, die Erste, Zweite, Dritte am ersten Abend, die Vierte und Fünfte am zweiten, die Sechste und Siebente am dritten, die Achte und Neunte am letzten Abend, mit einem spielfreien Abend dazwischen, ist das ein gewaltiges Fünf-Tage-Unternehmen.

Wichtig ist für Thielemann dabei, dass man sich nicht – wie es das Publikum leider tut – auf „Eroica“, „Schicksalssymphonie“, „Pastorale“ und „Neunte“ konzentriert, wie es von der Popularität der Werke her oft geschieht. In den genauen und faszinierenden Analysen, die er jedem einzelnen Werk angedeihen lässt, arbeitet er die Bedeutung der scheinbar zweitrangigen Stücke deutlich heraus. Es ist so interessant, seinen Ausführungen zu folgen, dass man Lust bekommt, sich die Symphonien anzuhören – und dazu parallel seine Bemerkungen zu lesen.
Wobei er immer wieder die verschiedenen Aufführungen großer Dirigenten heranzieht (mit dem „apollinischen“ Klang Karajans wurde er zuerst konfrontiert, dann pendelte er zu Furtwängler zurück) und damit klar macht, wie sehr Musik „Interpretation“ ist. („Das Abenteuer Musik besteht in der Unterschiedlichkeit der Interpretationen.“)

Er erklärt, wie schwierig es für einen Dirigenten (für ihn beispielsweise) ist, immer die im Moment gerade richtigen Entscheidungen zu treffen – jenseits der Vorgaben großer Vorgänger. Und immer auch in Hinblick auf den Klang der Säle, in denen man spielt, und den Klang des Orchesters, mit dem man es zu tun hat. Dass die Wiener Philharmoniker in diesem Buch besonders viel Lob bekommen – den Wiener Leser freut es (und er findet es natürlich selbstverständlich und hoch gerechtfertigt…).

Dass im Schwung des Erzählens Fehler passieren, ist logisch, aber ein so schlimmer wie jener auf Seite 90 schmerzt, wenn es heißt, Mozart war „bereits seit fast zehn Jahren tot, als Beethoven nach Wien kam“. Nun hat jeder Musikfreund im Kopf, dass Mozart im Dezember 1791 gestorben ist – und elf Monate (!) später traf Beethoven in Wien ein. Auch wird ein Opernfreund ihm nicht bei dem Vergleich folgen („Singspiel“ hin oder her), dass Rocco an Osmin erinnere – da doch eher an Daland, beide Väter einer Tochter, beide finanziell über-interessiert…

Man kann den Reichtum dieses im Vergleich zu anderer Beethoven-Literatur geradezu schmal erscheinenden Buches (was sind knapp 300 Seiten gegen die Wälzer, die man zu diesem Thema schon gelesen hat) kaum ausschreiten. Da plädiert Thielemann erst dafür, sich nicht allzu sehr ins Biographische zu stürzen, wenn man einen Künstler erfahren will, und dann tut er es doch – ja, er hätte viele Fragen an Beethoven, obwohl er weiß, dass ein Genie sich für das so geniale Fortschreiten seines symphonischen Werks natürlich kein a priori-Konzept erarbeitet, sondern dass eben das „Genie“ waltet. Aber vieles würde er doch gern wissen, auch wie das war mit der Taubheit, wie die innere Musik hier weiter da war, auch wenn Beethoven von allen Tönen und Klängen gänzlich abgeschlossen war… Jedenfalls: ihm wäre er gerne begegnet, Richard Wagner in seinen seidenen Unterhosen weniger gern. (Wobei natürlich auch Beethoven-Verehrer Wagner immer wieder vorkommt, wie auch Vorgänger Bach, weil ein Mann mit Thielemanns Kenntnis natürlich gar nicht anders kann, als einen Komponisten auch einzuordnen.)

Thielemann umschifft keine heiklen Themen, der Beethoven-Kitsch im Referieren seines Lebens, die Vereinnahmung Beethovens (auch durch den Nationalsozialismus), der schlechte Geschmack, den ein Begriff wie „deutscher Klang“ bekommen hat (dem er sehr klug auf den Grund zu gehen sucht – und den er übrigens auch bei nicht-deutschen Orchestern fand). Und er möchte nicht in die falsche Lade gesteckt werden, weil er Furtwängler und Karajan (letzteren immer mit Zweifeln hier und da) für große Dirigenten hält. Seine Urteile sind übrigens, auch wenn er sagt „das gefällt mir nicht“, immer enorm respektvoll – und stets wird er Künstler und ihre Leistungen in ihre Zeit einordnen.

Und im übrigen ist das Buch ganz persönlich – von seinen eigenen ganz frühen Beethoven-Erlebnissen auf Schallplatte über das, was er sowohl von anderen Künstlern gelernt hat, was er mit Orchestern erarbeitet hat, was er im Dialog mit Beethoven meint, erkannt zu haben. Da stellt sich keiner aufs Podium und predigt seine allgemeinen Weisheiten. Vom Buben Thielemann bis zum heute 60jährigen Dirigenten, der auf seine Qualen und, mit einem Lächeln, auf seine Fehler mit Beethoven zurückblickt (wenn man meint, Beethoven sei vor allem monumental…), führt da ein überaus sympathischer Weg. Und wenn man ihn für altmodisch hält, weil er lieber im Frack dirigiert als im offenen Hemd – so sei es… „Am Ende gibt es immer nur einen Weg, den eigenen.“

„Ein Leben ohne Beethoven kann ich mir bei bestem Willen nicht vorstellen“, sagte Thielemann im Vorwort. Wenn man ihm mit großem Gewinn durch seine Gedanken und Überlegungen gefolgt ist, weiß man, warum.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken