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Christian Sepp: LUDOVICA

14.05.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Christian Sepp:
LUDOVICA
Sisis Mutter und ihr Jahrhundert
496 Seiten, August Dreesbach Verlag, 2019

Man kommt nicht darum herum. Wer „Ludovica in Bayern“ sagt, denkt an Magda Schneider, wie sie um ihre Sisi / Romy Schneider-Tochter besorgt ist, während ihre „böse“ Schwester Sophie als Schwiegermutter versucht, den Wildfang zu zähmen. Was wüsste man mehr von Ludovica, bestenfalls, dass sie von ihrem fröhlichen Gatten vernachlässigt wurde, aber dennoch neun Kinder gebar, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten und zumindest die Mädchen interessantere Schicksale hatten als die Mutter?

Autor Christian Sepp, der schon ein Buch über eine ihrer Töchter geschrieben hat (nein, nicht über die berühmteste von allen, Kaiserin Elisabeth von Österreich, sondern über jene bedauernswerte Sophie Charlotte, die Ludwig II. hätte heiraten sollen), nimmt sich nun in wunderbarer Ausführlichkeit eines Schicksals an, das interessanter ist, als man je angenommen hätte. Und doch: Um das Buch verkäuflicher zu machen, muss es im Untertitel auf „Sisis Mutter“ hinweisen. Und auf „ihr Jahrhundert“ – und da erfährt man ungemein viel.

Das hat auch mit den verwandtschaftlichen Verstrickungen zu tun – man ist faktisch dauernd unter den sechs Stammtafeln unterwegs, die man im Anhang findet, so eng vernetzt ist diese Wittelsbacherin – und die Schicksale der über ganz Europa verstreuten Verwandtschaft spielen in Ludovicas Leben hinein.

Ihre Tanten (die Schwestern ihrer Mutter, Karoline von Baden, verheiratete Königin von Bayern) waren Zarinnen, Königinnen und Fürstinnen in Russland, Schweden, Hessen und Braunschweig-Wolfenbüttel, ihre Schwestern und Halbschwestern heirateten den Stiefsohn Napoleons, den Kaiser von Österreich, die Könige von Sachsen und Preußen und einen österreichischen Erzherzog: Als Ludovica zur Hochzeit ihrer Schwester Sophie mit Erzherzog Franz Karl nach Wien fuhr… wer hätte sich in den verwegensten Träumen vorstellen können, dass beider Kinder, jene von Ludovica und Sophie (Cousin und Cousine ersten Grades solcherart!) einmal ein Paar werden würden?

Zu erzählen ist jedoch von Anfang an, von der glücklichen Familie des sehr bürgerlichen König Maximilian I. Joseph (den bayerischen Königstitel verdankte er mit Hilfe einiger politischen Schwankungen Napoleon). Er hatte aus erster Ehe mehrere Kinder, als er verwitwet Caroline von Baden ehelichte, die ihm sechs weitere Töchter schenkte (ein Sohn starb im Kindesalter). Alle ihre Stiefkinder liebten sie mit Ausnahme des Ältesten, was schlimme Folgen haben sollten.

Ludovica, geboren am 30. August 1808, die zweitjüngste Tochter des Paares (die geliebte Jüngste, das Nesthäkchen, starb jung) wuchs in einer großen, liebevollen Familie auf, wurde gut ausgebildet, aber nicht in Schlössern eingesperrt – ihre Vorliebe für lange Spaziergänge hat ihre Tochter „Sisi“ geerbt. (Die egozentrische Rücksichtslosigkeit Elisabeths kam dann von ihrem Vater…)

Als es ans Heiraten ging, wurden Königstöchter nicht gefragt, aber mit Herzog Max, aus der Nebenlinie der „in Bayern“, bekam Ludovica (weil die Väter es so ausgemacht hatten) eigentlich die schlechteste Partie ab. Auch, weil sie selbst schon – in Wien übrigens – ihr Herz an Dom Miguel von Braganca verloren hatte, der später (nach Napoleon) König von Portugal wurde. Diese Ehe hatte der Vater verwehrt. Und was Herzog Max betraf – der war ohnedies immer anderwärts interessiert. „Wir haben uns beide nicht heiraten wollen“, sagte Ludovica später sehr oft, und so war keine Voraussetzung für eine glückliche Ehe gegeben.

Aber ihr Leben hatte nach dem Tod des Vaters und die Regierungsübernahme durch ihren ältesten Halbbruder, den nunmehrigen König Ludwig I., bereits eine schlimme Wendung genommen – besonders Stiefmutter und Halbschwestern fanden sich aus ihrem bisherigen glücklichen, wohlhabenden Leben gerissen, das der neue König nicht mehr zu finanzieren gedachte. So war die Ehe noch die „beste“ Lösung, wenn das Paar auch so wenig für einander empfand, dass sich das erste Kind, ein Sohn, erst drei Jahre nach der Hochzeit einstellte. Ein zweiter Sohn starb und hinterließ Ludovica in schwerer Melancholie.

Das Paar lebte zuerst in einem aufwendigen Palais in München, die Kinder kamen in rascher Folge, über ihr 40. Jahr hinaus war Ludovica schwanger, neben einer Totgeburt kamen noch zwei Söhne und fünf Töchter nach den beiden ersten Buben zur Welt (obwohl Herzog Max, reisefreudig, auch in weite Fernen, gar nicht so oft zuhause war). Ludovica hielt sich allerdings schon bald lieber in Possenhofen am Starnberger See als in München auf. Hier spazierte sie stundenlang in praktischer Kleidung um den See herum (Tochter Marie wäre fast im Freien zur Welt gekommen), während ihr Gatte lebenslang Wert auf elegante Garderobe legte… (so ganz anders als der rustikale Typ im „Sissy“-Film…) Das Weihnachtskind, das schon mit einem Milchzahn das Licht der Welt erblickte, war Elisabeth, die spätere Kaiserin von Österreich.

Eine Frau, die sich vom offiziellen Leben fernhält, ist mit dem Aufziehen mit acht Kindern voll beschäftigt, zumal der Gatte nicht oft da ist: Wohlergehen, Erziehung und Unterricht ihrer Schar lag ganz bei ihr. München raunt damals über die schöne „Lola Montez“, die dem König (Ludovicas Halbbruder) den Kopf verdreht, der mit seiner Gattin bereits für vier Söhne und vier Töchter gesorgt hatte. Das Jahr 1848 bringt seinen Thronverzicht – und im benachbarten Österreich einen neuen Kaiser: Franz Joseph, den Sohn ihrer Schwester Sophie. Als Ludovica 1848 mit einigen Kindern, darunter der 10jährigen Elisabeth, nach Tirol reist, ist es vor allem Franz Josephs jüngerer Bruder, der 14jährige Karl Ludwig, der von Cousine Elisabeth begeistert ist. Sie von ihm nicht.

Ein paar Jahre später, im Sommer 1853, kommt die Herzogin in Bayern nach Ischl – um eine Ehe einzufädeln? Der Autor bezweifelt es (mit vielen Argumenten) stark und besteht darauf, dass die Legende, Ludovica und Sophie hätten beschlossen, Franz Joseph und die älteste Bayernprinzessin Helene zusammen zu führen, durch nichts bewiesen ist (zumal das Argument greift, dass eine bayerische Prinzessin aus der Nebenlinie für einen österreichischen Kaiser keine „Partie“ war – und jegliche familiäre Sentimentalität lag Erzherzogin Sophie zweifellos fern).

An der tausendfach romantisierten Geschichte (die Ludovica und Sophie zu Kupplerinnen machen würde) stimmt zweifellos nur eines: Für Franz Joseph war die kleine Sisi Liebe auf den ersten Blick. Man weiß, was daran geworden ist. Und dass, wie ein Brief beweist (diese Biographie ist mit so vielen Dokumenten untermauert wie nur möglich), Ludovica von „ungeheurem Glück“ sprach, zumal sie keinen Zweifel hatte, dass die Tochter den Cousin liebte. Aber leicht war es für das bayerische junge Mädchen nicht, auf einmal die geballte Aufmerksamkeit der Mitwelt zu ertragen… Und Ludovica musste ihre Tochter, die damals etwas über 15 Jahre alt war, „auf die Schnelle“ auf ihre Kaiserinnenrolle vorbereiten.

So locker, wie sie gerne dargestellt wird, war Ludovica (auch wenn sie sich in ihrem Landleben selbst als „etwas verbauert“ beschrieb) keinesfalls. Sie sorgte für die Erziehung und auch die richtige Gesellschaft der Kinder. Es folgte, wie der Autor es nennt, die „Traumhochzeit mit Alptraum-Potenzial“, zumal Ludovica bald erfahren musste, wie wenig Tochter und Schwester in Schönbrunn mit einander auskamen. Und wie man weiß, waren die Schicksale aller ihrer Kinder bewegt genug, um eine Mutter (Elisabeth machte Ludovica erstmals zur Großmutter) seelisch und leiblich in Bewegung zu halten. Abgesehen davon, dass die Wittelsbacher noch immer im Zentrum vieler Aktivitäten standen, etwa, als Ludovicas Neffe Otto zum König von Griechenland wurde (kein Abenteuer, das erfolgreich endete).

Eine andere Tochter wird Königin – Marie heiratet nach Neapel und wird zur „Heldin von Gaeta“, die gegen Garibaldi um ihr Königreich kämpft. Mathilde wird Gräfin Trani. Helene (laut Sisi-Literatur die Verschmähte, Hässliche) heiratet einen Fürsten von Thurn und Taxis, nicht ranggleich, aber immerhin. Und während Tochter Elisabeth ihr ruheloses Reiseleben aufnimmt, weg von den Pflichten einer österreichischen Kaiserin („Sisis Reise bekümmert mich sehr“, schrieb die Mutter in einem Brief), reist Ludovica ihr einmal nach, ohne etwas bewirken zu können.

Mittlerweile hat Ludovica Mühe, zwischen ihren Kindern zu pendeln. Und da wird auch noch ihr Großneffe als Ludwig II. König. Nun hebt das tragische Kapitel „Sophie Charlotte und der Märchenkönig“ an – das für Ludovicas jüngste Tochter so schlecht ausgeht. Ihr Schicksal kann es an Tragik mit jedem aufnehmen – schließlich (der homosexuelle Ludwig machte zwar Anstalten, wollte aber letztendlich doch nicht heiraten) mit dem Herzog von Alencon verehelicht, landete sie in einer Nervenheilanstalt, wo sie 50jährig starb. Das musste Ludovica nicht mehr erleben: Alle ihre Kinder überlebten sie (wenn auch einige nur knapp). Die morganatische Ehe ihres Ältesten (dessen Tochter, Maria Larisch von Wallersee, war ein Familienärgernis), wurde gewissermaßen durch würdige dynastische Ehen der beiden anderen Söhne aufgehoben.

Im August 1888 feierte Ludovica ihren 80. Geburtstag, zu dem auch die Wiener Verwandtschaft, Kronprinz Rudolf, Erzherzogin Valerie, zu Ehren der Großmutter erschien. Wenig später wurde sie Witwe – Herzog Max, der völlig zurückgezogen lebte und dem seine Bücher lieber waren als Menschen, starb an einem Schlaganfall. Bald darauf nahm Kronprinz Rudolf sich das Leben. Die Tragödien hörten nimmer auf. Umsorgt von ihren Kindern und Enkeln schlief Ludovica 84jährig am 26. Jänner 1892 in einen sanften Tod. Sie hinterließ in der Familie eine große Lücke.

Was hat man nun auf über 400 Seiten gelesen? Ein locker geschriebenes, aber nie oberflächliches Charakterporträt einer über die Erwartungen interessanten Frau, das sich auf die Archive der Wittelsbacher, Habsburger, sogar der Schweden stützt, Briefe aus vielen Archiven holte, sogar handschriftliche Tagebücher entziffern ließ. Ludovica erscheint als wunderbar erdgebundene, pflichtbewusste Frau, die nie – wie Tochter Elisabeth – an „Selbstverwirklichung“ dachte. Ihre lebenslange Empathie galt der Familie, Eltern, Tanten, Onkeln, Geschwister erst, dann die Nachkommenschaft, die ihr viele Seelenschmerzen bereitete. Nur mit dem Gatten wurde sie – trotz der pflichtgemäßen Kinderschar – nie glücklich. Sie gab alle Wärme, die sie in sich hatte, an ihre Umwelt.

Das Buch ist auch deshalb so ausführlich, weil die Riesenfamilie, in die Ludovica eingebettet war und die man „die Welt der Könige im 19. Jahrhundert“ nennen kann, eine entsprechende Rolle spielt. Da werden auch die vielen möglichen alternativen weibliche Schicksale und „Frauenrollen“ klar. Mögen viele um sie – die Töchter, Großneffe Ludwig II. und allerlei schillernde Persönlichkeiten der Epoche – von außen her „interessanter“ gewesen sein als sie: Ludovica verdient ihre Würdigung und hat sie bekommen.

Renate Wagner

 

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