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CHRISTIAN RÄTH: Direkt hinein in Macbeths Seele!

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Foto: Maestroarts

 

CHRISTIAN RÄTH
Direkt hinein in Macbeths Seele!

Christian Räth kennt die Wiener Staatsoper so gut wie das Theater an der Wien oder das Raimundtheater, überall hat er schon gearbeitet. Dennoch steht für den Staatsopern-„Macbeth“ erstmals sein Name als Regisseur auf einem Wiener Theaterzettel. Eine Karriere, die an der Seite großer Kollegen und Vorbilder begann, hebt nun schon seit längerer Zeit eigenständig ab

Das Gespräch führte Renate Wagner

Herr Räth, wissen Sie eigentlich von der letzten „Macbeth“-Inszenierung der Wiener Staatsoper, wo die Regisseurin sich beim Publikum nicht nur die Gunst verscherzt hat, weil sie Simon Keenlyside unter die Dusche stellte, sondern auch sonst noch jede Menge Unsinn produziert hat?

Ich habe es nicht gesehen und weiß nichts davon. Nachdem ich die Laurent-Pelly-Inszenierung von „La Fille du regiment“ vor zwei Jahren an der Staatsoper für die Wiederaufnahme betreut habe, fragte mich Direktor Meyer, ob ich den „Macbeth“ machen wollte. Da gab es natürlich kein Zögern, bei einem solchen Werk ja zu sagen. Ich habe schon einige Verdi-Werke inszeniert, darunter „Falstaff“ in Washington, aber „Macbeth“ ist doch etwas Besonderes.

Sie machen oft Ihre Ausstattungen selbst, aber für diese Premiere haben Sie Gary McCann mitgebracht?

Ja, weil das Bühnenbild sehr schwierig ist, mit vielen Verwandlungen, weil es auch durch den Chor sehr viele Kostüme zu entwerfen gilt, das wäre dann zu viel gewesen neben der Regie, und Gary ist wirklich ein brillanter Ausstatter. Wir haben sehr viel über das Werk gesprochen, es spielt bei uns in keiner definierten Epoche, aber dann doch in der Gegenwart, eine Zeitlosigkeit, die auf unsere Zeit verweist. Die politischen Parallelen von gewaltsamen Umstürzen und Leben in Diktaturen sind ja unübersehbar, dass ein Volk in Angst und Schrecken vegetiert, dass die Menschen sich nicht mehr zuhause fühlen…

Es wird in Ihrer Inszenierung auch Video-Sequenzen geben. Ist das nicht langsam ein bisschen abgeschmackt, dass es in keiner modernen Inszenierung mehr ohne diesen Effekt abgeht?

Ja, es gehört heute wohl dazu wie das Licht, Video ist ein Werkzeug, das sich anbietet, und für „Macbeth“ ist es besonders gerechtfertigt, weil es mir hilft, in die Seelenlandschaft von Macbeth und der Lady einzutreten, und Aufstieg und Fall dieses Paares ist ja nun besonders interessant an diesem Werk. Für mich gehören die beiden untrennbar zusammen wie die zwei Seiten einer Medaille, und es interessiert mich, was in ihnen vorgeht, was sie fühlen. Und durch das Video kann ich vermitteln, wie Macbeth die Welt sieht, auch in seinen Visionen. Das Stück schwankt eben zwischen Realität und subjektiver Wahrnehmung.

Dann gibt es wohl auch keine realen Hexen?

Nun, die sind ja wohl schon bei Shakespeare das Unterbewusstsein Macbeths, ohne Sigmund Freud geht das ja gar nicht. Ich glaube nicht an Geister, aber ein phantastisches Element müssen sie schon sein, damit man merkt: Davon wird Macbeth getrieben.

Sie haben, wie meist in der Oper, eine sehr bunte Besetzung, auch von unterschiedlicher Erfahrung, auch viele Sprachen.

Ja, und es ist der seltene Fall, dass man völlig ohne Englisch auskommt. Ich spreche mit dem Chor und den Technikern Deutsch, mit unserem Dirigenten Alain Altinoglu Französisch, und für die Hauptrollen haben wir eine Russin, einen Rumänen, einen Spanier und einen Italiener, da ist natürlich Italienisch die Lingua Franca. Englisch werde ich dann monatelang sprechen, wenn ich nach der Wiener Arbeit für Inszenierungen nach Portland, Dallas und Washington gehe. Was die Erfahrung betrifft, so hat Tatiana Serjan die Rolle so oft gesungen, dass ich ganz begeistert bin, wie offen sie für jede neue Idee ist, während die Rolle für George Petean ganz neu ist. Da kann er während der Proben regelrecht hineinwachsen, indem man die Situationen auslotet. Wir hatten übrigens gar nicht so viele Proben, fünf Wochen, davon war eine der Technik gewidmet.

Herr Räth, Sie kennen Wien gut. War es für „Rebecca“, als Sie erstmals hier gearbeitet haben?

Ja, damals als Assistent von Francesca Zambello, und dann war ich mit Laurent Pelly für „Pelleas und Melisande“ im Theater an der Wien und für die „Regimentstochter“ an der Staatsoper. Ich kenne also die Häuser und die Stadt. Der dritte Regisseur, mit dem ich auch seit meinen frühen Jahren in Genf zusammen arbeite, ist Robert Carsen. Das sind drei Persönlichkeiten, von denen ich sehr viel gelernt habe und die auch Freunde geworden sind. Wenn sie Unterstützung brauchen, komme ich, wenn immer es geht, es sei denn, ich habe eigene Inszenierungen, was in letzter Zeit immer häufiger geschieht.

Aber mit Francesca Zambello haben Sie wohl eines der wichtigsten Projekte Ihres Lebens gemacht, als Sie Co-Regisseur für den „Ring des Nibelungen“ waren?

Das war zuerst ein Projekt für Washington, wo es allerdings nur bis zu „Siegfried“ gediehen ist, dann ging das Geld aus. Wir sind mit dem Zyklus dann 210 / 2011 nach San Francisco gewandert und haben ihn dort als Ganzes herausgebracht, und jetzt werden wir den „Ring“ endlich auch zur Gänze nach Washington bringen. Unsere Idee war dazu, eine amerikanische Sicht auf das Werk zu bieten, das heißt, dass „Rheingold“ während der Pionierjahre des Landes spielt, die Rheintöchter Saloon-Girls sind, Alberich nach dem Gold schürft, Fasolt und Fafner als Baumeister agieren… „Walküre“ haben wir in der Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts angesetzt, Siegfried in den sechziger Jahren, wo er mit Mime in einem Trailer-Park lebt, und die „Götterdämmerung“ spielt dann schon in der Zukunft in ganz künstlichen Räumen. Wobei es uns auch darum ging, die zunehmende Zerstörung der Natur zu thematisieren – die Rheinfahrt erfolgt dann schon in einem sehr verschmutzten Fluß…

Und wenn man bedenkt, dass sie 2012 in Dallas schon den „Tristan“ gemacht haben, sind das ja bereits die ganz „großen Brocken“?

Ich habe bei „Tristan“ in mancher Hinsicht ähnlich gearbeitet wie hier bei „Macbeth“, indem ich auch eine sehr psychologische Sichtweise wählte. Das Innenleben der Figuren wurde sichtbar gemacht durch Videos, die teilweise interaktiv waren, kurz gesagt, es ging um die Seelenlandschaft.

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 „Tristan und Isolde“ in Dallas

Es wird heute sehr um den Begriff „Regietheater“ gestritten, vielfach wird die Meinung vertreten, jedes Theater sei Regietheater. Für mich ist die negative Definition völlig klar – wenn ein Regisseur „Ideen“ hat und diese rücksichtslos durchzieht, egal, ob sie irgend etwas mit dem Stück zu tun haben oder nicht, egal, ob man dieses noch in irgendeiner Form erzählt oder erkennt, man hat eben Krokodile im „Siegfried“ oder Urinale im „Fidelio“. Wie ist Ihr Selbstverständnis als Regisseur?

Ich bin gebürtiger Hamburger, ich habe dort angefangen, da gab es selbstverständlich eine prägende Tradition bei Götz Friedrich, bei Harry Kupfer, bei dem ich erst Hospitant, dann Assistent war. Für uns alle ist wichtig, die Geschichte einer Oper auf eine Weise zu erzählen, die uns heute angeht, ohne dass wir das Werk vergewaltigen. Aber ich muss als Regisseur die künstlerische Freiheit haben, das Stück so zu „transponieren“, dass es für uns heute sinnvoll erscheint. Trotzdem sind Text und Musik für mich Form gebend.

Zum Abschluß: Wie haben Sie die Arbeitsbedingungen in Wien gefunden?

Das ist jetzt keine Schmeichelei, wenn ich sage, dass die Arbeitsbedingungen an der Wiener Staatsoper exzellent sind. Alle Mitarbeiter sind unglaublich engagiert und freundlich, und man meint zu spüren, dass sie stolz sind, für dieses Haus zu arbeiten. Man stößt als Außenstehender, als Fremder, nie an eine Wand, wie es anderswo passieren kann, man wird einfach super aufgenommen und nach besten Kräften unterstützt. Immer ist klar: Das ist kein starrer, eingefahrener Betrieb, sondern ein ganz lebendiger und flexibler.

Besseres kann man über sein Opernhaus ja wohl nicht hören. Vielen Dank für dieses Gespräch!

 

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