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Christian Gerhaher: HALB WORTE SIND’S, HALB MELODIE

08.03.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

 

BuchCover Gerhaher, Halb Worte sinds

Christian Gerhaher:
Halb Worte sind’s, halb Melodie
Gespräche mit Vera Baur
176 Seiten, Verlag Henschel Bärenreiter, 2015  

Auf Wiens Bühnen kennt man Christian Gerhaher noch gar nicht so lange. 2009 kam er als Henzes „Prinz von Homburg“ in das Theater an der Wien, 2010 war er an der Staatsoper der Wolfram im „Tannhäuser“, seither hier keine weitere Rolle – aber seine Bühnenkarriere kam ohnedies spät, begann erst 2005 sozusagen auf zweiten Anhieb, ist jetzt erst so richtig am Laufen, auch mit den zentralen Rollen des Repertoires wie dem Don Giovanni. Selbst einen Posa hat er versucht, nachdem er schon Papageno und Conte Almaviva, Pelleas (seine Alptraum-Partie) und Eisenstein war.

Aber wenn sich an den Namen Christian Gerhaher  automatisch die Superlative der Journalisten knüpfen, meint man im allgemeinen den Lied- und Konzertsänger. Sein Prestige ist jedenfalls – auch nach einem Fernsehporträt des Bayerischen Rundfunks, dem der 1969 geborene Bayer besonders verbunden ist – groß genug, um auch das Interesse an einem Buch zu tragen.

Dieses liegt nun vor und trägt ein  Eichendorff-Zitat im Titel: „Halb Worts sind’s, halb Melodie“ („was mir durchs Herz zieht / Weiß nicht woher, wozu und wie / Mit Einem Wort: ein Lied“), wobei man erfährt, dass der Sänger zu diesem Dichter ein schwankendes Verhältnis hat. Brecht hingegen schätzt er sehr… Das Buch ist neben seinem starken theoretischen Impakt auch „privat“ genug, um vieles über die Vorlieben, Freuden, Leiden und Ängste des Künstlers Gerhaher zu erzählen. Und etwa von seinen Ambitionen, moderne Komponisten (vor allem Rihm und Holliger) immer wieder zu neuem Schaffen (natürlich für seine Bariton-Kehle!) anzuregen…

Im Klappentext wird der Sänger als „Zweifler“ bezeichnet, ein Attribut, das er sich auch in vielen Interviews schon ehrlich erworben hat. Und als für die heutige Zeit geradezu mutiger Querdenker mit Meinungen „gegen den Strich“ erweist er sich auch in den Gesprächen mit der BR-Redakteurin Vera Baur, wobei sich diese Gesprächsform wieder einmal (wie schon in anderen Sänger-Büchern) sehr bewährt. Man erspart dem Künstler, seinen Lebensweg herunterzubeten, sondern kann gleich nach Schwerpunktaspekten in die Diskussion einsteigen.

Dass ein besonderer Schwerpunkt natürlich beim Lied liegt, wobei – bei aller Bewunderung für Schubert und Mahler (weniger für Schönberg) – Schumann „sein“ Komponist ist (mit einer langen Interpretation von dessen „Szenen zu Goethes Faust“), versteht sich. Und Gerhahers Interpretationen werden zumal das Liederabende-Publikum sehr faszinieren (wobei er sich ironisch als Fischer-Dieskau-Epigone mit Bewunderung für Hermann Prey bezeichnet). Aber es gibt auch Handgreiflicheres, etwa seine ausgesprochene Neigung zum Regietheater, die er an vielen Beispielen erläutert, wobei man von ihm auch ausführliche Rolleninterpretationen aus seiner Sicht (etwa den Don Giovanni) erhält.  

„Regietheater“ (mit seiner besonderen persönlichen Bewunderung für Peter Sellars), das was Briten und Amerikaner als „Euro-Trash“ bezeichnen, steht bei Gerhaher, der viel mit Loy und Guth gearbeitet hat, hoch im Kurs (wobei ihm die Parodie des Regietheaters, wie Woody Allen sie in seinem Film „To Rome with Love“ auf die Leinwand brachte – mit Fabio Armiliato als Canio unter der Dusche – Lachtränen entlockte).

„Ich finde, in der Oper muss weiterhin alles möglich sein. (…) Der Respekt vor dem Stück kann schon eingefordert werden, aber nicht vor dem Willen des Autors. Es gibt eben keine eindeutige Sicht eines Schöpfers auf sein Werk, und vor allem keine, die eingeklagt und reproduziert werden könnte.“

Am Opernbetrieb hat Gerhaher, der in seiner Jugend kurz in Würzburg begann, sich dann ganz dem Konzertsaal zuwandte und erst später wieder die Bühne suchte, manches auszusetzen. Aber es gibt auch positive Beispiele. Besonders gute „Presse“ erhält bei ihm Franz Welser-Möst, mit dem er 2010 den Wolfram im „Tannhäuser“ an der Wiener Staatsoper machte und der „uns mit einer Sängerfreundlichkeit durch dieses Werk geleitete, die sagenhaft war.“

Echte Provokationen liefert Gerhaher gleich in den Anfangspassagen der Gespräche: Sein dezidiertes Bekenntnis zur Hochkultur, seine Ablehnung einer „Event-Kultur“, die alles nur verbilligt, seine Angriffe auf ungebildete Politiker, die von sich auf die Menge schließen und dort auch kein Bedürfnis nach echter Kultur orten, sein Einforderung des Bildungsauftrags des Fernsehens, da der Unterhaltungsauftrag überstrapaziert werde (da kommt ihm manches hoch, übrigens auch gegen das Überborden des Sportes in den Medien), kurz, Gerhaher plädiert heftig dagegen, dass man sich die Dinge leicht macht.

Aber ist denn nicht das die Tendenz unserer Zeit? Nun, vielleicht ist er doch kein Rufer in der Wüste. Sonst kämen nicht so viele Menschen in seine Liederabende…

Renate Wagner

 

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