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CHEMNITZ: NABUCCO

12.06.2012 | KRITIKEN, Oper

Chemnitz: „NABUCCO“ – 10. 6. 2012

In Zusammenarbeit mit dem Erfurter Theater inszenierte Michael Heinike Verdis ersten grandiosen Opernerfolg. Nachdem die Thüringer Premiere am 26. November vergangenen Jahres stattfand, ist die Produktion nunmehr seit dem 2. Juni auch in unserer Stadt zu erleben, wobei von einem Erlebnis allerdings nur bezüglich der musikalischen Seite der Vorstellung gesprochen werden kann, denn im Hinblick auf die Qualität der Inszenierung schließe ich mich vollauf der Meinung des Rezensenten der Erfurter Aufführung an (Merker 12/11).

Freilich gestehe ich jedem Regisseur zu, für das Werk einen Ansatzpunkt zu suchen, der sich nicht unbedingt sklavisch an die Nacherzählung des biblischen Sujets klammert. Das Ergebnis einer solchen Suche sollte jedoch für den Betrachter nachvollziehbar und logisch sein. Mit einem einzigen Satz deutet des Programmheft an, der Stoff sei zur Uraufführung 1842 ebenso als Erzählung über politische Parteien und Interessen verstanden worden. Und so verlegt Heinicke denn
das Geschehen (das Einheitsbühnenbild und die Kostüme entwarf Peter Sykora) in den Ratssaal einer konstitutionellen Monarchie (?), dessen linke Hälfte das progressive Bürgertum einnimmt, während sich rechterhand die machtbesessenen Königstreuen tummeln. Beide Seiten bedienen sich ideologischer Gemeinplätze, gehen ungeniert einander an die Wäsche, bis schließlich der entweder debile oder stark alkoholisierte Herrscher auftaucht und mit dem Spadi herumfuchtelt. Die dadurch provozierte und von Ismael letztlich verhinderte Geiselnahme Fenenas gleicht in ihrer unbeholfenen Anlage einem schlechten Witz. Immerhin regt sich auch im eigenen, mittlerweile gespaltenen Lager (wer sieht da noch durch) Kritik am König, sodass diesen der Schlag trifft und er fortan mit Hilfe von Krücken eine noch bejammernswertere Figur abgibt. Zum Gefangenenchor finden sich Linke und Rechte Seite an Seite wieder, was ihnen offenbar derart die Sprache verschlägt, dass sie ihr Anliegen von Zetteln ablesen müssen, die ihnen ein gnädiges Geschick vom Schnürboden herab gesandt hat. Als Nabucco bemerkt, wie ihm auch die letzten Felle davon schwimmen, paktiert er mit dem politischen Gegner, der ihm dafür als „König der Könige“ lobhudelt. Abigail, die als einzige (wenngleich fiesen) Charakter bewahrt hat, wird als Bauernopfer verheizt. Friede, Freude, Eierkuchen…

Natürlich kollidiert eine solche Lesart oftmals mit dem italienischen Original, weshalb denn auch die Übertitel tunlichst  alles aussparen, was nur im Entferntesten an „Jehova“ oder den „Gott der Juden“ erinnert. Folglich wird dem gesungenen Text die szenische Entsprechung häufig verweigert. Zum Glück steht dem allem eine musikalische Wiedergabe gegenüber, die einzig und allein den Besuch der Vorstellung lohnt. Hohes Lob gebührt in diesem Zusammenhang Domonkos Heja, dem designierten musikalischen Chef der Budapester Staatsoper. Unter seinem Dirigat bot die Robert-Schumann-Philharmonie eine glutvolle Interpretation der Partitur, imponierte dabei mit prägnanter Rhythmik, die sich jegliches „Rumtata“ versagte, setzte auf prächtige dynamische Steigerungen und musizierte Gefühlvolles an keiner Stelle „gefühlig“. Die das Werk dominierenden Chöre hatte Simon Zimmermann ebenso präzis vorbereitet. Schade, dass sich die Damen und Herren auf der Bühne oft im schreienden Gegensatz zu dem befanden, was sie musikalisch so überaus inspiriert vortrugen.

Als Abigail konnte die Rumänin Arona Bogdan, die die mit etlichen Schwierigkeitsgraden gepfefferte Partie nahezu mühelos meisterte, einen fulminanten Erfolg für sich verbuchen. Leider gingen ihr Kostüm und Maske wenig hilfreich zur Hand. Mit dem Arioso der Fenena steuerte Tiina Penttinen das von der Aufführung ansonsten nahezu verpönte echte, berührende Gefühl bei. Tenorale Verve brachte Richard Carlucci für den undankbaren Part des Ismael ein. Von der Regie in seinen Darstellungsmöglichkeiten arg beschnitten, versöhnte Heiko Trinsingers (vielleicht zu) jugendlich anmutender Bariton, der sich immerhin bemühte, vokal das zu vermitteln, was Verdi für seinen Nabucco vorgeschwebt haben dürfte. Der sonore Bass Kouta Räsänens erfreute als Zacharias, den Heinicke leider zum hohlen Phrasendrescher verformte.

Joachim Weise

 

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