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CHEMNITZ: FIDELIO. Premiere

In einer modernen Mietskaserne mit Bratwurstgeruch

25.05.2019 | Allgemein, Oper

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Siyabonga MAQUNGO, Magnus PIONTEK, Pauliina LINNOSAARI. Foto: Nasser Hashemi

„Fidelio“ Premiere am 25.Mai 2019 am Opernhaus Chemnitz

In einer modernen Mietskaserne mit Bratwurstgeruch

 Diese Inszenierung von Regisseur Robert LEHMEIER verursachte einiges Kopfschütteln, ebenso auch Kopfschmerzen, und stieß auf Unverständnis einiger Premierenbesucher. Wo sich allein die Frage stellt: Was wollte der Regisseur mit dieser abstrusen Regiearbeit uns überhaupt verdeutlichen? Versucht uns hier Robert Lehmeier doch darüber aufzuklären, was die neue Gesellschaftsordnung im Grunde genommen bedeutet, wo Konzerne die keinerlei demokratischer Kontrolle mehr unterliegen, hier die heutige Werte – Gemeinschaft doch sehr infrage gestellt wird, und wo jedes einzelne Individuum unterdrückt, ebenso auch in einer Zeit nach der Wende. Obwohl bedrohlich und politisch angehaucht, so blieb auch dieses Thematik in dieser Inszenierung unbeantwortet. Also was sollte diese Inszenierung wirklich bezwecken,wo in erster Linie die Protagonisten auszusagen in einem leeren Raum des Unbehagens standen, und sich hier künstlerisch wohl kaum entfalten, geschweige denn der charakteristischen Rollenprofile entsprechend, sich darstellerisch sich hätten profilieren können. Weil bedauerlicherweise dieses so großartige Werk szenisch derart verzerrt, doch eher oberflächlicher Bedeutung, derart zerstört wurde. „Gott, welch’ Dunkel hier“ – wo Beethoven sich hier wahrlich im Grabe umdrehen würde!

Dabei hatte alles so gut begonnen – denn die Ouvertüre unter dem Dirigat von Guillermo Garcia CALVO erklang wie ein musikalisches Feuerwerk. Er hatte Beethovens Musik voll in den Griff, brillierte im Allegro, Adagio, Presto, dirigierte mit Tempo und zeigte eine sehr gute Führung in Rezitativ und Arie Leonores „Abscheulicher, wo eilst du hin…“, aber auch in den Duetten, Quartetten und Finalen. Obwohl leider auch hier die Hörner und Trompeten einfach zu laut, und auch die Verursacher einiger falscher Töne waren. Doch ansonsten musikalisch gesehen, war dieser Abend zumindest ein kleiner Lichtblick in dieser abscheulich, statisch dargestellten Mietskaserne, wo in einem düsteren Kellerverlies im 2.Akt Florestan (Viktor ANTIPENKO) mit seiner Hauptarie „ Gott, welch Dunkel hier…“ zwar gesanglich durchaus passabel, aber darstellerisch total untergegangen ist. Ebenso unzumutbar der Auftritt von Don Pizarro, wo der ausgezeichnete Sänger Kriszitián CSER seine Sache zwar gut machte, aber aufgrund dieser Inszenierung in der Figur des rachsüchtigen Pizarros keinerlei Persönlichkeit zeigen konnte.  Denn wie kann man so einen herrlichen Auftritt nur zunichte machen, indem man den Sänger auf einen weißen Gartenstuhl verpflanzt, und ihn zumutet, eine Bravourarie im Sitzen zu singen, statt hier schöne Bewegungsabläufe einzubauen. Und warum muss Marzelline (Guibee YANG) während ihrer so zauberhaften Arie „O wär ich schon mit dir vereint…“ hier auch zunächst sitzen, oder  ständig um das halbe Haus herumlaufen? Als störend empfand ich auch die vom Band ablaufenden Gedanken von Marzelline, gesprochen von Christine Gabsch. Denn Sänger können heutzutage sehr wohl Dialoge sprechen und was brauchen wir da Monologe vom Tonband? Missglückt waren ebenso die Auftritte Jaquino (Siyabonga MAQUNGO) der hier mit Bierkästen die Szene betrat, und beim Quartett Rocco (Magnus PIONTEK) hier mit einer Kochschürze bekleidet, am Gartengrill stand um Würste zu grillen, die bis in den Zuschauerraum hinaus stanken. Da stellt sich doch wirklich die Frage, wie kann man ein derartiges Meisterwerk nur so verhunzen? Diese Art von dekadenten Regieeinfällen ist durchaus bei einer modernen Oper erlaubt aber bitte doch nicht bei einem Klassiker, und schon gar nicht bei Beethovens Fidelio. Wenn man hier schon Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verdeutlichen möchte, dann sollte man doch eher versuchen dieses Thema, dem Werk angepasst, etwas geistreicher in Szene setzen. Außerdem passten die Gesangstexte überhaupt nicht zu den hier dargestellten Szenenabläufen. Somit hätte man auch hier textlich, aber ebenso dramaturgisch alles neu bearbeiten müssen um dem Werk nicht nur Sinn, sondern neues bühnenverständliches Leben einzuhauchen. Statt für eine totalitäre Regimes -Geschichte Beethovens Musik zu missbrauchen.


Pauliina LINNOSAARI, Viktor Antipenko. Foto: Nasser Hashemi

Der einzige Glanz in dieser Opernproduktion war die finnische Sopranistin Pauliina LINNOSAARI in der Titelpartie. Als Leonore überzeugte sie als  ausgezeichnete stimmliche Hochdramatische wie man es auch von früheren großartigen Besetzungen der Wiener Staatsoper gewohnt war. Eine bessere Leonore hätten wir uns an diesem Abend nicht wünschen können. Sie war die absolute Krönung des Abends! Umgekehrt aber leider auch im Finale (2.Akt) vonseiten der Regie einiges doch sehr widersprüchlich war. Denn wie grotesk verlief der szenisch musikalische Ablauf: „jetzt nimm ihn seine Ketten ab; doch halt, euch, edle Frau, allein euch ziemt es, ganz ihn zu befrein… hier   Florestan aber nicht einmal gefesselt war, und man im letzten Moment auf offener Bühne ihn schnell ein paar Handschellen anlegte, sodass Leonore „but not least“ ihren Gatten von den Handschellen befreien konnte. Und warum musste bei „Wer ein holdes Weib errungen… hier Florestan statt in enger Umarmung mit seinem Engel Leonore, mit dem Rücken zu ihr stehen, um sich hier irgendwelche Dokumente von Don Fernando anzusehen? Und warum musste sich Pizarro zunächst unter einem Tisch verstecken, welches doch so gar nicht dem Charakter der Rolle entspricht. Bei derart abgehobenen Inszenierungen stellt man sich oft die Frage nach dem Warum? Und eines ist gewiss – das alles für uns neu erscheinende Experimentale nicht viel Neues, sondern nur ein schlechter Abklatsch des Vergangenen ist. Denn wenn man die Behauptung aufstellt, dass freie Seelen und starke Charaktere, in der heutigen Welt am meisten nottut, so bedenke man doch, dass  dieses Problem seit Menschengedenken schon immer existiert hat. Also kann auch insofern diese Inszenierung uns nicht mehr überraschen – im Gegenteil sie ist eher unbedeutend zu dem was uns bisher in der kulturellen Landschaft geboten wurde.

Und doch hätte man wirklich gut daran getan dieses Opernwerk konzertant aufzuführen, nicht zu vergessen was man im Endeffekt sich an Kosten hätte ersparen können. So waren halt leider alle Solisten nur Opfer einer absurden Inszenierung, wo der Chor in fantasielosen Kostümen sein Übriges dazutat, und hier wie Zombies auftraten. Man täte gut daran, hier doch eher zu der klassischen Form des Regietheaters wieder zurückkehren um ein Werk wie „Fidelio“ im Sinne des Komponisten in einem bedeutsameren, besseren Licht wieder aufzuführen. Da hier Beethoven dieses so ungeheure Meisterwerk wirklich mit seinem Herzblut komponierte, und da kann man nicht einfach mit irgendeiner Inszenierung so einfach darüberfahren.

Hier unterschieden sich die Geister was die Regie betraf; aber über die großartige Besetzung bedarf es keiner weiteren Worte. Somit galt auch der gestrige begeisterte Applaus am Schluss den Solisten und dem ausgezeichneten Dirigenten.

Manuela Miebach

 

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