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CHEMNITZ: DIE HERZOGIN VON MALFI von Torsten Rasch

06.04.2013 | KRITIKEN, Oper

Deutsche Opern-Erstaufführung in Chemnitz: „Die Herzogin von Malfi“ von Torsten Rasch (Vorstellung: 6. 4. 2013)


Die meisten Szenen der Oper spielen in einem riesigen Schlosssaal (Foto: Dieter Wuschanski)

 Das Opernhaus Chemnitz, das neben den Klassikern nicht nur Raritäten und Ausgrabungen im Spielplan hat, brachte kürzlich die Deutsche Erstaufführung der Oper „Die Herzogin von Malfi“ auf die Bühne. Der deutsche Komponist Torsten Rasch, der in seiner Jugend im Dresdner Kreuzchor sang und Komposition und Klavier studierte, wanderte im Jahr 1990 auf einige Jahre nach Japan aus, wo er etwa fünfzig Filmmusiken schrieb. Seit 2005 lebt er wieder in Europa und komponiert Konzertstücke, Liederzyklen und auch Opern. Seine erste Oper „Rotter“ wurde 2008 in Köln uraufgeführt, „Die Herzogin von Malfi“, ein Auftragswerk der English National Opera, 2010 in London.

Die Oper, deren Libretto Ian Burton verfasste, basiert auf dem gleichnamigen Drama des Shakespeare-Zeitgenossen John Webster, das auf einer wahren Geschichte aus dem italienischen Amalfi gegen Ende des 15. Jahrhunderts beruht.
Ihr Inhalt: Die jung verwitwete Herzogin von Malfi verliebt sich in ihren Haushofmeister Antonio de Bologna und gibt ihm heimlich das Jawort. Eine gewisse Zeit kann sie die Beziehung vor der Welt und vor allem vor ihren beiden Brüdern geheim halten. Bald jedoch schöpfen die Brüder Verdacht und tun alles, um die „Familienehre“ wieder herzustellen. Vor allem wollen sie das Vermögen ihrer Schwester an sich ziehen. Sie engagieren den ehemaligen Söldner Bosola, um der Herzogin nachzuspionieren. Er findet heraus, dass sie ein Kind erwartet.
Doch nicht nur die Herzogin hat ein Geheimnis, sondern auch ihr Bruder Lodovico, Kardinal von Aragon, mit seinen Besuchen bei der Prostituierten Julia. Als die Herzogin und ihre Familie untertauchen, demonstriert der erboste Kardinal an ihrer Zofe Cariola ein strafendes Exempel. – Sieben Jahre später wird die Herzogin, die inzwischen zwei weitere Kinder geboren hat, immer noch von ihren Brüdern verfolgt. Ihr Mann Antonio versucht, mit den Kindern zu fliehen, sie werden aber gefasst und getötet. Der Kardinal enthüllt vor Julia seine Beteiligung am Mord der Familie und tötet auch die Prostituierte. Ferdinand, der Zwillingsbruder der Herzogin, lässt die Liebe zu seiner Schwester wahnsinnig werden und verwandelt sich in einen Werwolf. Das Drama nimmt unaufhaltbar seinen Lauf: Als Henker verkleidet erwürgen die Brüder ihre Schwester. Der als Totengräber auftretende Bosola erschießt seine Auftraggeber, wird aber von dem sterbenden Ferdinand gleichfalls getötet.

 Dietrich W. Hilsdorf inszenierte das zweistündige Werk, das in Chemnitz ohne Pause in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln aufgeführt wird, auf der Drehbühne der Oper als „Sex and Crime-Story“, wobei er den abgründig-grausamen Inhalt – von Vergewaltigungen über Sexspiele des Kardinals und Leichenschändungen bis zu mehreren Morden – sehr realistisch zeigt. Die Gestaltung der Bühne oblag Dieter Richter, der einen Schlosssaal mit eiserner Wendeltreppe, einem riesigen Bett und großem Spiegel für die Herzogin baute, dazu eine schmuddelige Kammer mit Muttergottes-Statue
oberhalb des Torsos einer nackten Schaufensterpuppe, Fernseher und Lotterbett für die Prostituierte und einen mystisch wirkenden Hinterhof mit Galgen als weitere Spielstätte. Die dazu ideal passenden Kostüme – teils elegant, teils klerikal, teils lasziv – entwarf Renate Schmitzer.

 Als Herzogin von Malfi konnte die finnische Mezzosopranistin Tiina Penttinen sowohl stimmlich wie darstellerisch voll überzeugen. Sie spielte eine stolze Gräfin, die sich als junge Witwe zu ihrer Liebe zum Haushofmeister und späteren Ehemann Antonio, aber auch zu ihrem Zwillingsbruder Ferdinand bekennt. Ihr ebenbürtig der junge britische Countertenor Iestyn Morris, der seine Rolle als Zwillingsbruder der Herzogin, die er bis zum Wahnsinn liebt und ihn zu einem Werwolf werden lässt, mit fast beängstigender Intensität. Man darf von einer Idealbesetzung sprechen.

Nicht weniger eindrucksvoll der finnische Bass Kouta Räsänen als Lodovico, Kardinal von Aragon. Durch seine Größe und ausdrucksstarke, dunkel gefärbte Stimme eine Bühnenpersönlichkeit, die seiner Rolle als älterer Bruder der Herzogin voll entsprach. Zwei wichtige Rollen war mit Schauspielern besetzt: Den Haushofmeister und heimlichen Ehemann der Gräfin spielte Dirk Lange und die Zofe Cariola die Schweizerin Muriel Wenger – beide füllten ihre Rollen eindrucksvoll aus, wobei die Darstellerin der Zofe einigen Unbill auf der Bühne zu ertragen hatte.

 Der deutsche Bariton Andreas Kindschuh gab den ehemaligen Söldner Daniele Bosolo sehr hintergründig und verschlagen, was er auch stimmlich auszudrücken verstand. Als Prostituierte Julia bot die amerikanische Sopranistin Sarah Yorke eine ausgefeilte Leistung. Mit hoher Stimme und frivolem Spiel füllte sie ihren erotischen Part hervorragend aus. Die Damen und Herren des Opernchores hatten mehrere Rollen zu erfüllen, die sie alle stimmkräftig bewältigten: die Trauergemeinschaft, die Mönche und die Klageweiber (Einstudierung der Chöre: Simon Zimmermann). Ein großes Aufgebot an Statisten hatte die Insassen eines Tollhauses, Mönche, Prostituierte und Bordellbesucher darzustellen.

 Die Robert-Schumann-Philharmonie unter der Leitung von Frank Beermann gab die teils atmosphärische, teils expressive Partitur des Komponisten routiniert wieder. Das Publikum, das – wie man vernahm – bei der Premiere das Haus während der Vorstellung scharenweise verlassen haben soll, flüchtete an diesem Abend nicht und applaudierte am Schluss der Vorstellung allen Mitwirkenden erstaunlich lange, wobei die Phonstärke des Beifalls für die Darstellerin der Titelrolle merklich zunahm.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

 

 

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