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CÉCILE CHAMINADE: CALLIRHOE

19.06.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0765387733926

CÉCILE CHAMINADE: CALLIRHOE Ballet Symphonique; Concertstück für Klavier und Orchester; BBC Concert Orchestra –  DUTTON EPOCH SA-CD

Die Pariser Komponistin Cécile Chaminade hatte Musikunterricht nur zu Hause, bei ihrer Mutter und später Lehrern aus dem Konservatorium. Der Vater ließ die Tochter nicht offiziell studieren, weil sich das seiner Meinung nach für wohlerzogene Ladies nicht gezieme. Aber auch der dünkelhafte Upperclass-Papa konnte nicht verhindern, dass die Tochter eine erfolgreiche Tonsetzerin wurde, die über 400 Werke schuf; die meisten davon Salonminiaturen für Klavier solo und Lieder/Mélodies. Auf der Jaroussky CD „Opium“ sind die Interpretationen des frz. Countertenors der Lieder „Sombrero“ und „Mignonne“ nachzuhören. Chaminade schrieb auch eine Opera comique (La Sévillane), Kammermusik  (von den Klaviertrios gibt es sogar mehrere Einspielungen) und Orchesterwerke.

1888 entstanden sowohl die Ballettmusik Callirhoe (Uraufführung Marseille 16.3.) als auch das Concertstück (Uraufführung Antwerpen 18.4.). Immerhin konnte sie nach dem Tod ihre Vaters mit den Einnahmen aus der Aufführung ihrer Werke einen entschiedenen Anteil zum Familienbudget beitragen. Ende des 19. Jahrhunderts tourte Chaminade als Konzertpianistin durch Frankreich, die Schweiz, Belgien und Holland, später auch durch die USA. 1913 wurde sie als erste Komponistin Mitglied der Ehrenlegion im Rang eines Chevaliers. Nach dem ersten Weltkrieg fiel ihr Werk dem Vergessen anheim. 

Dank der Neugier von Martin Yates und dem großartigen BBC Concert Orchestra kann dem ausladenden Ballet Symphonique Op. 37 (62 Minuten Spielzeit) jetzt als Weltersteinspielung auf CD mit Bewunderung gelauscht werden. Die typische Balletthandlung, die Vorwand für allerlei Tanznummern ist, geht so: Callirhoe („die Schönfließende“) ist Gefangene in Alcmaeons Garten nahe dem Meer. Sklaven führen mehrere Tänze auf. Ein Sturm zieht auf, der Held Alcmaeon spielt mit Selbstmordgedanken, weil Callirhoe ihn nicht beachtet. Nach einem Opfer an die Liebesgöttin Venus, taucht dieselbe mit Entourage bei Sonnenaufgang im Garten auf. Klar, dass Venus sich der Sache annimmt und nach allen möglichen Divertissements, Variations, Danses Orientales alles auf ein Happy End zusteuern soll. Doch die an Heimweh leidende Callirhoe widersteht noch immer und wird dafür von Venus in eine Statue am Brunnen verwandelt. Nach allerlei Hin und Her mit dem Hirtenpaar Myrtha und Lycidas  erwacht die Statue wieder zum Leben. Callirhoe hat alles vergessen, sie liebt nun Alcmaeon. In einem  Walzerfinale, das es mit Tschaikovskys schönsten Inspirationen aufnehmen kann, verehren alle die Göttin Venus in einer Apotheose mit Cupidos, heiligen Jungfrauen, Soldaten und Priestern. Auch eine Jakobsmuschel à la Botticelli darf nicht fehlen. 

Chaminade pflegt einen hochromantischen Stil, ihr Gespür für dramatische Situationen, Instrumentierung, Effekte, und tänzerische Vielfalt sind enorm. Es fehlen weder Leidenschaft wie in Prokofievs Romeo und Julia noch dessen wilde Rhythmen. Anhand des einsätzigen Concerstücks für Klavier und Orchester Op. 40, gewidmet der Pianistin Louise Steiger kann nachvollzogen werden, was für eine formidable Virtuosin Cécile Chaminade gewesen sein muss. Der in Sizilien geborene Victor Sangiorno spielt auf dem neuen Album den anspruchsvollen Klavierpart comme il faut. Stilistisch sind Ähnlichkeiten  mit dem Klavierkonzert von Delius auszumachen. Exotisch klingende Harmonien weisen auf Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Bloch hin. Das Concerstück ist so wie das Ballet Symphonique jedenfalls ein bedeutneder Beitrag zur romantischen Schule des 19. Jahrhunderts. Erfreuen wir uns ohne jedes „was wäre wenn“ an der melodiösen Eingebung, der pianistischen Tour de Force, der hohen Erzählkraft dieser Musik. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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