Alim Beisembayev bürstet die Perücken glatt

In der Welt der jungen Pianisten, da sind sie viel unterwegs: die Sorte Virtuose, die den Flügel wie eine Festung stürmt – mit viel Kraft, Schweiß und Effekt. Alim Beisembayev macht es hörbar anders. Der Kasache, Gewinner des Leeds International Piano Competition 2021, nähert sich Mozart ohne erhobene Waffe. Auf dem 14. Teil der Reihe „Next Generation Mozart Soloists“, erschienen bei Alpha Classics, spielt er die beiden letzten großen Klavierkonzerte des Meisters: KV 503 und das „Krönungskonzert“ KV 537.
Beisembayevs Weg ist bemerkenswert. Ausgebildet in Kasachstan und Russland, später an der Royal Academy of Music in London, hat er bereits Carnegie Hall, Concertgebouw und BBC Proms erobert. Dennoch spricht er mit einer erfrischenden Demut über Mozart. Lange sah er dessen Musik als Kindersache – etwas, das man hinter sich lässt, sobald man sich an Liszts Etüden die Zähne ausbeißt. Heute sucht er genau das Gegenteil: die unschuldige Klarheit wiederzufinden, ohne naiv zu klingen. Er will Mozart nicht interpretieren, er will ihn freilegen.
Im C-Dur-Konzert KV 503 zeigt sich diese Haltung besonders schön. Das Werk ist ein symphonischer Dialog auf Augenhöhe, majestätisch und doch transparent. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Howard Griffiths legt einen warmen, dichten Klangteppich aus, auf dem Beisembayev am warm klingenden Bösendorfer Flügel souverän und zugleich zurückhaltend agiert. Er dominiert nicht, er korrespondiert. Man hört einen Musiker, der die Stille zwischen den Tönen ebenso ernst nimmt wie das gespielte Notenmaterial.
Noch reizvoller wird es beim „Krönungskonzert“ KV 537. Mozart notierte den Solopart nur skizzenhaft – für ihn selbst eine Selbstverständlichkeit, für spätere Generationen eine Herausforderung. Beisembayev hat die Kadenzen selbst geschrieben und beweist dabei ein feines Gespür für Mozarts improvisatorischen Geist. Das Larghetto besticht durch kristallklare Artikulation und eine Zärtlichkeit, die nie ins Sentimentale abrutscht. Hier wird nicht romantisch geschwelgt, sondern mit hellwacher Präzision musiziert.
Howard Griffiths erweist sich einmal mehr als der ideale Begleiter für junge Solisten. Er fordert und unterstützt zugleich, ohne je aufdringlich zu werden. Die Zusammenarbeit mit der Orpheum Stiftung und Alpha Classics trägt hier echte Früchte: Man spürt ein gemeinsames Anliegen – Mozart vom Staub der Tradition zu befreien, ohne ihm seine Würde zu nehmen.
Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Einspielung. Alim Beisembayev besitzt bereits ein eigenes, klares Profil. Er stellt sich in den Dienst der Musik und zwingt ihr nicht seinen Willen auf. Wer diese CD hört, begegnet einem Pianisten, der technische Souveränität mit echter Musikalität und intellektueller Bescheidenheit verbindet. Mozart hätte an diesem kasachischen Wirbelwind, der die Ruhe bewahrt, vermutlich wirklich seine helle Freude gehabt.
Dirk Schauß, im Mai 2026
Wolfgang Amadeus Mozart
Klavierkonzerte Nr. 25 und Nr. 26
Alim Beisembayev, Klavier
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Howard Griffiths, musikalische Leitung
Alpha Classics, Alpha1184

