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CD W. A. MOZART „Messe in c-Moll“, KV 427 – JORDI SAVALL, La Capella Nacional de Catalunya und Le Concert des Nations; AliaVox

04.12.2025 | Allgemein, cd

CD W. A. MOZART „Messe in c-Moll“, KV 427 – JORDI SAVALL, La Capella Nacional de Catalunya und Le Concert des Nations; AliaVox

Neu komplettierte und rekonstruierte Version von Luca Guglielmi

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Mozarts c-Moll Messe dankt ihre Entstehung dem jugendlichen Ungestüm eines wahnsinnig verliebten jungen Mannes. Für den Fall einer ehelichen Bindung mit Constanze hat der Jungspund nämlich seiner Verlobten eine Messe versprochen, natürlich auch diese exzeptionelle Koloratursopranistin als Solistin im Auge. Dass es dabei bei einem unvollendeten Torso blieb, ist ungeachtet der aus den besonderen Lebensumständen Mozarts destillierten Erklärungsversuche eines der ungelösten Rätsel der Musikgeschichte.

Von Mozart stammen das Kyrie, Gloria, zwei Teile des Credos, die den halben Text abdecken, das Sanctus mit Benedictus und das Osanna da capo. Der italienische Cembalist, Komponist und Musikologe Luca Guglielmi, der für Jordi Savall u.a. als Assistenzdirigent und Korrepetitor tätig ist, geht für seinen Ansatz der Vervollständigung von folgenden Entscheidungen aus: Der erste fehlende Satz des Credos wurde durch die Arie ‚Tra le oscure ombre funeste‘ aus der Kantate „Davide Penitente“, KV 469, ersetzt. Guglielmi kommt zum Schluss, dass es sich tatsächlich um das ‚Crucifixus /Er resurrexit‘ der Messe in c-Moll gehandelt haben könnte. Für den Schlusschor konnte Guglielmi auf „einen Originalsatz zurückgreifen, der ungefähr zur selben Zeit wie die Messe komponiert wurde“, ein Credo im Tempo di Giacone, ursprünglich für die Messe KV 337 von 1780 geschrieben. Beim Sanctus genügte es, die ursprünglichen Vokalstimmen zu restituieren, die aus der Verdoppelung der existierenden Instrumentalstimmen eruiert werden konnten. Auch für die Chöre des Agnus Dei und Dona nobis pacem konnte Guglielmi auf eine Menge an Originalmaterial zurückgreifen. Beim Agnus Dei wandelt Guglielmi auf den Spuren Franz Xaver Süßmayrs: Er entnahm die Musik dem Christe eleison und dem zweiten Kyrie. Für das finale Dona nobis pacem galt es, eine Doppelfuge zu vollenden, von der Mozart 40 Takte in Skizzen hinterlassen hat. „Die Orchestrierung hält sich eng an die Schlussfuge des Gloria, nimmt sich aber die Freiheit die Verdoppelung der Posaunen colla parte an einigen Stellen auszusetzen, um eine bessere Wirkung zu erzielen.“

Mit diesem Modell beschritt Gugliemi andere Wege als etwa Aloys Schmitt, dessen vervollständigte Fassung aus dem Jahr 1901 oft verwendet wurde, bis andere mit ausgefeilteren, weniger romantisierenden Konzepten kamen, wie Helmut Eder oder Robert Levin. Schmitt adaptierte vor allem frühere Kompositionen Mozarts. Dass dessen Fassung nichtsdestotrotz gelungen war und vor allem erlaubte, die gesamte Messe in vielen liturgischen und konzertanten Aufführungen zu präsentieren, stellen Fakten dar, die Guglielmi gerne anerkennt.   

Der katalanische Alte Musik Guru Jordi Savall, der sich wie einst Nikolaus Harnoncourt langsam die Musikgeschichte hinaufarbeitet, ist mit dem Originalklang-Orchester Le Concert des Nations und dem von der Stimmabmischung und Energie her unüberbietbaren Chor von La Capella Nacional de Catalunya eine besonders archaisch mystische (Kyrie), enthusiastisch jubelnde (Gloria) und opernhaft virtuose, mit einem Wort stilistisch passend vielfältige Wiedergabe gelungen. Die Solisten Giulia Bolcato (Sopran I), Elionor Martinez (Sopran II), Marianne Beate Kielland (Mezzo), David Fischer (Tenor) und Matthias Winckler (Bass) fügen sich in leuchtender Stimmpracht und verzierungsfreudig in dieses effektvolle überzeugende Konzept.

Die vollständige Erarbeitung und Aufnahme der c-Moll messe ist Ausfluss des Projektes YOPCA (Youth and Choir Professional Academies), das sich der Ausbildung und Förderung neuer Musikergenerationen in Fortbildungsakademien und Konzerten in ganz Europa verschrieben hat. Im besonderen Fall wirkten in den Instrumental – und Vokalensembles erfahrene und junge Berufsmusiker sowie neue Talente aus 15 verschiedenen Ländern mit. Konzerte mit der neu erarbeiten c-Moll Messe fanden in Lleida, Salzburg, Hamburg, Budapest, Barcelona, Valencia und Paris statt. 

Das Schlusswort überlasse ich dem Musiker, Philosophen, Pädagogen und gläubigen Menschen Jordi Savall: „Dank des persönlichen Engagements, der Exzellenz und Verbundenheit des gesamten Teams konnten wir spüren, wie sehr die tiefe Spiritualität und Ausdruckskraft des genialen Komponisten halfen, einen Raum des inneren Friedens zu finden…. In der Strahlkraft der Arien und Fugen der Messe, die in der wunderbaren Akustik der alten Stiftskirche von Cardona erklangen, fanden wir die Harmonie in unseren Herzen und das Gefühl tiefer Hoffnung wieder und spürten, dass eine bessere Zukunft für die Menschen möglich ist.“  

Fazit: Glorios! Eine der besten Einspielungen Savalls der letzten Jahre.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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