Nahuel di Pierro schlägt die Brücke über den Atlantik

Zehn Jahre sind eine Ewigkeit im Musikgeschäft, doch für Nahuel di Pierro und Alphonse Cemin scheint die Zeit vor allem als Reifeprozess gewirkt zu haben. Nach ihrem gefeierten Schubert-Debüt „Winterreise“ auf demselben Label kehren Bassist und Pianist mit Un grand sommeil noir (Live) zurück – einem Programm, das die intime Schnittmenge ihrer Biografien ausleuchtet und Paris mit den staubigen Straßen Buenos Aires kurzschließt. Im Zentrum stehen die Randgestalten beider Welten: vom lasterhaften Poeten François Villon bis zu den zwielichtigen Figuren im Universum Astor Piazzollas. Das Duo begreift das musikalische Erbe Frankreichs und Argentiniens als zwei Seiten derselben melancholischen Medaille – eine kluge Dramaturgie, die weit über bloße Kuriosität hinausgeht.
Der Einstieg mit Igor Strawinskys „Un grand sommeil noir“ setzt sofort die atmosphärischen Eckpfeiler: schwere, unerbittliche Klavierakkorde unter di Pierros weichem, volltönendem Bass. Das Timing ist präzise, die Wirkung unmittelbar. In „La lune blanche“ entfaltet der Sänger eine feine Dynamik, die den Hörer ins nächtliche Szenario hineinzieht. Diese technische Souveränität setzt sich in Claude Debussys „Trois Ballades de François Villon“ fort. Besonders die zweite Ballade zeigt di Pierros Stärken: sonorer Stimmklang trifft auf wissende Textgestaltung, die den archaischen Versen Villons plastische Greifbarkeit verleiht. Cemin ist hier weit mehr als Begleiter – er agiert als ebenbürtiger Erzähler am Flügel.
Alphonse Cemin darf seine pianistische Brillanz in den Solostücken voll ausspielen. Strawinskys „Piano Rag-Music“ wird zur kleinen Tour de force, die vertrackten Rhythmen meistert er mit verblüffender Lockerheit. In Debussys „Fêtes galantes“ perlt das Klavier in „Le Faune“ hochelegant, während di Pierro mit makellosem Legato antwortet. „Colloque sentimental“ wiederum zeigt den Bassisten in schwebender Introvertiertheit – Schöngesang auf hohem Niveau, getragen von einem angenehmen Timbre mit beachtlicher Tiefe.
Den dramatischen Wendepunkt markiert Maurice Ravels „Don Quichotte à Dulcinée“. Der Beginn ist nobel und zurückhaltend, das zweite Lied glänzt durch di Pierros feines Legato und Cemins präsente zweite Stimme. Doch beim abschließenden Trinklied stößt das Konzept an Grenzen: Während Cemin sich herrlich trunken in die Akkorde stürzt und das Taumeln des Ritters klanglich perfekt imitiert, bleibt di Pierro zu brav, zu akademisch beherrscht. Ein Trinklied verlangt nach dem Mut zur Hässlichkeit, nach einem Ausbruch aus der Belcanto-Komfortzone. Hier wirkt es, als hätte der Bass eher zum Mineralwasser als zum schweren Rotwein gegriffen.
Der zweite Teil führt endgültig nach Argentinien. Nach einem exzellent gespielten Tango Strawinskys schlägt Jorge Luis Borges’ „Milonga de Manuel Flores“ die Brücke zum Prosavortrag, bevor das Duo in Piazzollas „Cuatro Canciones Porteñas“ eintaucht. Hier zeigt sich die wahre Stärke: Diese Stücke werden nicht als folkloristisches Beiwerk behandelt, sondern als ernstzunehmende Kunstlieder. Bei Atahualpa Yupanqui und Alberto Ginastera bleibt di Pierro technisch tadellos, sauber intoniert und dynamisch differenziert. Dennoch schleicht sich eine gewisse Gleichförmigkeit ein – etwa wenn in Yupanquis Milongas die raue, erdige Emotionalität der argentinischen Seele durch zu glatte Phrasierung etwas abgemildert wird. Die Farbpalette in der Textgestaltung bleibt begrenzt, was emotionale Spitzen bisweilen abflacht.
Trotz dieser kleinen Einschränkung im interpretatorischen Wagemut ist Un grand sommeil noir ein Gewinn für Liebhaber gesungener Dichtung. Alphonse Cemins fabelhafte Klavierarbeit fängt vieles auf und fordert den Sänger heraus. b-Records hat ein Dokument tiefer musikalischer Freundschaft geschaffen, das durch seine Genrediversität besticht. Wer eine epische Reise zwischen den Kontinenten sucht – klanglich hervorragend eingefangen –, wird hier fündig. Man wünscht sich nur, der Bass hätte öfter die Maske des gepflegten Sängers fallen lassen, um die Brücke über den Atlantik noch ein wenig wilder, noch ein wenig echter zu schlagen.
Dirk Schauß, im März 2026
Un grand sommeil noir
Nahuel de Pierro, Bass
Alphonse Cemin, Klavier
b-records, LBM087

