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CD „THE BERLIN ALBUM“ – ENSEMBLE DIDEROT, Triosonaten von Benda, Graun, Kirnberger, Schulz und Janitsch; Audax Records

22.12.2020 | Allgemein, cd

CD „THE BERLIN ALBUM“ – ENSEMBLE DIDEROT, Triosonaten von Benda, Graun, Kirnberger, Schulz und Janitsch; Audax Records

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 Johannes Pramsohler (Violine) und seine Partner Roldán Bernabé (Violine), Gulrim Choi (Cello) und Philippe Grisvard (Cembalo/Hammerklavier) haben sich auf ihrem neuesten Album dem kammermusikalischen Schaffen in Berlin um die Mitte des 18. Jahrhunderts gewidmet. Damals fand auch der Übergang von einem rein höfischen hin zu einem vilefältigen bürgerlichen Konzertgeschehen statt. 

 

Bis auf die Triosonate in d-Moll von Johann Philipp Kirnberger handelt es sich bei allen vorgestellten Werken um Weltersteinspielungen. Berlin war dank Friedrich dem Großen ein Kammermusikeldorado. Die besten Geiger, als da waren die Pisendel-Schüler Johann Gottlieb Graun und Franz Benda sowie den Kontrabassisten Johann Gottlieb Janitsch, hatte Friedrich II. schon in seine Residenzen nach Ruppin und Rheinsberg gebeten. Das früh angestrebte Ideal war der Dresdner Hof, wo Kurfürst Friedrich August II. mit der Hofmusik neue Standards an musikalischem Prunk in höchster Qualität setzte. 

 

In Berlin gab es – Potsdam mit dem königlichen Flötisten Friedrich und Carl Philipp Emanuel Bach einmal beiseite –  jedenfalls auch genug zu tun. Musiziert wurde abgesehen von erlauchten Ereignissen bei der Königinmutter im Schloss Monbijou, bei Königin Elisabeth Christine im Schloss Schönhausen oder bei Prinzessin Anna Amalia von Preußen, die auf der CD mit einer Fuge in D-Dur geehrt wird und die ihre eigenen Musiksalons im Stadtschloss hatte, an unzähligen privaten Orten. Ein Vorreiter war hier der bereist erwähnte Janitsch, der nach dem Model der Rheinsberger Freitagsakademien in Berlin eine Konzertreihe initiierte, bei der „königliche, prinzliche, markgräfliche Kammer- und andere geschickte Privatmusicis und Liebhaber“ öffentlich auftraten. 

 

Pramsohler charakterisiert das damalige Musikschaffen folgendermaßen: „In Berlin wurde der neue, aufklärerische empfindsame Stil gepflegt und unterrichtet, eine Tonsprache mit subjektiv gefühlsbetonter Melodik auf einem verlangsamten harmonischen Rhythmus. Die strenge Regelhaftigkeit des Barock wich einer einfacheren Musik, die den Hörer mit ihrem expressiven Charakter und typischen raschen Stimmungswechseln direkt berühren sollte.“

 

Eine einigermaßen exzentrische Besonderheit stellt sicher die Triosonate in G-Dur „Melancholicus & Sanguineus“ von Johann Gottlieb Graun dar: Mittels Begleittext präzise getaktete Programmmusik zweier unterschiedlicher Typen, wo ein „hitzköpfiger Sanguineus mit einem depressiven Melancholicus“ ausgiebig und notenreich debattiert. 

 

Das erkundungsfreudige Ensemble Diderot, das schon ein Dresdner, ein Londoner und Pariser Album vorgelegt hat, setzt auch für das „Berliner Album“ zu neuen Höhenflügen an Virtuosität, Ausdruck und spontaner Musizierfreude an. Ob die technisch elend schwer synkopierte Triosonate in d-Moll von Johann Philipp Kirnberger (Zeitzeugen sprechen davon, dass die „Art der Notierkunst den sichersten Spieler beim ersten Anblick verwirren konnte“), ob kontrapunktisch vertrackt Verschachteltes oder die Graun-Sonate in A-Dur, wo die erste Geige in Skordatur (sowohl die G als auch die D-Saite war jeweils einen Ton höher gestimmt) sich mit der zweiten Geige ein flinkes Florettfechten liefert (grandios Track 6), der Hörer taucht in eine wunderbar spielerische Welt barocker Tonkunst. 

 

Für die späteste Komposition des Albums, nämlich der Triosonate in a-Moll von Johann Abraham Peter Schulz, wurde statt der Kopie eines Mietke-Cembalos der Nachbau eines Silbermann Hammerflügels mit einem spezifischen „silbrigen Hackbrett Klang“ verwendet. Wie Pramsohler betont, „erlaubt es dieses Instrument den Streichern die vom Komponisten vorgeschriebenen Pianissimi auf ein Äußerstes zu treiben und lässt eine ganz neue – vielleicht typisch Berliner – Klangwelt entstehen.“

 

Empfehlung! Das großartiges Raritäten-Album mit dem hübsch frisierten Stachelschwein auf dem Cover wird vom dafür unangefochten besten Ensemble mit Feuer, Blitz, höfischem Glanz und nobler Gloria realisiert. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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