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CD TAN DUN: FIRE RITUAL – VIOLINKONZERT mit Eldbjörg Hemsing und dem Oslo Philharmonic Orchestra – BIS Records

13.01.2019 | Allgemein, cd

CD TAN DUN: FIRE RITUAL – VIOLINKONZERT mit Eldbjörg Hemsing und dem Oslo Philharmonic Orchestra – BIS Records

 

Veröffentlichung: 11.2.2019

 

Die junge norwegische Geigerin, die ihr erfolgreiches Debütalbum mit Konzerten von Shostakovich und Borgström (mit den Wiener Symphonikern unter Olari Elts) bestritt, ist schon selber Widmungsträgerin eigens für sie geschriebener Kompositionen. Der chinesische Komponist und Dirigent Tan Dun hat Eldbjörg Hemsing das Konzert mit dem Titel „Fire Ritual – For Victims of War“ zugeeignet. Das Werk ist von zeremonieller chinesischer Hofmusik inspiriert, bei der einige Musiker auf der Bühne sitzen und andere vom Publikum umringt stehend spielen. Das Konzert ist klanglich ein Amalgam aus westlichen und östlichen Traditionen. Spirituelle Elemente einer von schamanistischen Ritualen auf dem chinesischen Land in Hunan geprägten Kindheit mischen sich mit konzeptionellen Parallelen zu Bartók oder Grieg. Zudem sind die Disziplin und die Philosophie der Pekingoper in den Schaffensprozess eingeflossen. Oder wie der Komponist das selber ausdrückt, seien seine Violinkonzerte „Reflexionen von frühen Erinnerungen an die Jugend, durch die Linse der aktuellen musikalischen Klanglandschaften betrachtet.“ 

 

„Fire Ritual“ ist für zwei Orchester komponiert, die die Menschheit und Mutter Natur verkörpern. Ein Ensemble von neuen Bläsern ist im Publikum platziert, während sich der Rest des Orchesters auf der Bühne befindet. Als Ritual und Zeremonie kreist das Werk um den Ton D (im Solfeggio „re“), erbittet die Wiederkehr der Seelen und die Wiedergeburt aller Opfer des Krieges, auf dass sie ein neues Leben leben und erneut lieben können. 

 

Tan Dun ist ein Medienstar, der mit seiner „Internet Symphonie“ ein Millionenpublikum erreicht hat, aber sich auch mit Opern wie „Marco Polo“ oder „The First Emperor“, an der MET 2006 mit Placido Domingo unter James Levine uraufgeführt, einen Namen gemacht hat. Seine Musik ist handwerklich geschickt gemacht, erinnert von der bildhaften Eindringlichkeit oftmals an Filmmusiken. Kein Wunder, hat Tan Dun mit seiner Klangspur zum Film „Tiger and Dragon“ des taiwanesischen Regisseurs Ang Lee verdientermaßen einen Oskar einheimsen können. 

 

Das thematische Material ist eingänglich, bisweilen glatt, gelegentlich mit Dissonanzen und broadwaytauglichen tänzerischen bis hämmernden Rhythmen á la „West Side Story“ gewürzt. Exotische Themen plus extreme Intervallsprünge, melodiöse Esoterik mal Pathos, so könnte seine Musik ebenfalls charakterisiert werden. Tan Dun dirigiert die Aufnahmen selbst und besorgt als „Schamane“ manch vokalen Einwurf. Seine Musik bewegt sich im Cinemascope Format, sie enthält ein Sammelsurium an Rückgriffen auf die Musikgeschichte und vermag final sicherlich Eindruck zu hinterlassen. Überhaupt scheint Tan Dun das Gigantische zu lieben, hat er doch 2016 die Eröffnungsfeier des Disneyland in Shanghai dirigiert. Dass es die Solovioline bei der (zu) dicken Orchestrierung und den Fortissimio-Passagen nicht immer einfach hat, sich adäquat hörbar zu machen, muss in diesem Zusammenhang angemerkt werden.   

 

Eldbjörg Hemsing ist für mich dennoch der eigentliche Grund, mich mit dem Album näher zu befassen. Die sanglichen Qualitäten ihres Tons, die satt aufgetragenen Farben, die dunkle Dramatik, die erstaunliche Glissando-Technik, die gleißende Schönheit des Tons in allen Registern, bieten spannende Hörerlebnisse. Ihre stupenden Qualitäten kommen auch dem 2018 revidierten Violinkonzert „Rhapsody and Fantasia“ zugute. Wie schon öfter erlebt, fällt auf dem vorliegenden Album die herausragende Qualität der Interpretin im Vergleich zur Tiefe und Prägnanz der Komposition doch besonders auf. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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