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CD: Soleis de septembre L’achéron François Joubert-Caillet, musikalische Leitung Fuga Libera, FUG845

12.06.2026 | Allgemein, cd

Mademoiselle bittet zum Tanz

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Es gibt diese Momente in der Musikgeschichte, bei denen man gerne Mäuschen spielen würde. Paris, fünfziger Jahre: Ein junger, ehrgeiziger Argentinier namens Astor Piazzolla sitzt am Klavier der strengen, aber genialen Nadia Boulanger. Er will die europäische Kunstmusik meistern, die Fuge beherrschen, den Tango hinter sich lassen – jene Musik, die er selbst für minderwertige Jahrmarktsware hält. Mademoiselle hört sich seine akademischen Fingerübungen geduldig an, blickt ihn dann kühl an und fragt, was er denn sonst noch im Köcher habe. Zögernd spielt er einige eigene Tangos. Boulanger unterbricht ihn sofort, sieht ihm in die Augen und sagt den Satz, der Musikgeschichte schrieb: „Das ist Ihre Wahrheit. Werfen Sie die bloß nicht weg.“ Die Geburtsstunde des Tango Nuevo.

Das französische Label Fuga Libera feiert diese legendäre Begegnung nun auf einer bemerkenswerten CD (FUG845). Wer eine brave Aneinanderreihung von Tangos und klassischen Etüden erwartet, wird angenehm enttäuscht. Unter dem poetischen Titel „Soleils de septembre“ wagen der Gambist François Joubert-Caillet und sein Ensemble L’Achéron zusammen mit dem Bandoneonisten Jean-Baptiste Henry ein klangliches Experiment, das auf dem Papier wie ein historischer Unfall wirkt. Die Gambe – dieses zarte, aristokratische Barockinstrument – war längst ins Museum verschwunden, als das Bandoneon im 19. Jahrhundert in den rauchigen Hafenspelunken von Buenos Aires erfunden wurde. Die beiden Instrumente sind sich in der Realität nie begegnet. Auf dieser Einspielung jedoch flirten sie miteinander, als hätten sie dreihundert Jahre lang denselben Salon geteilt. Das Atmen des Bandoneons verschmilzt mit dem sonoren Schnurren des Gamben-Consorts auf eine Weise, die immer wieder verblüfft.

Das Programm spannt über fünfundsiebzig Minuten einen weiten Bogen, der die Einflüsse beider Welten kunstvoll verwebt. Piazzollas Pariser Kompositionen von 1955 mit ihrer neuen, offensiven Helligkeit stehen neben Werken Nadia Boulangers, die für Gambe und Bandoneon neu gedacht wurden. Das Bandoneon zieht den Hörer sofort in eine intime, melancholische Stimmung, während die Instrumente in Stücken wie „Preparense“ elegant durch die Sehnsucht tanzen. Auch Lili Boulanger, die früh vollendete Schwester, kommt zu Wort: Ihr „Soleils de septembre“ paart ostinate, wie Regentropfen fallende Streicherklänge mit dem ziehenden Gesang des Bandoneons.

Das verbindende Glied zwischen dem weiten Argentinien und dem intellektuellen Paris ist jedoch ein alter Bekannter aus Leipzig: Johann Sebastian Bach. Für beide, Boulanger wie Piazzolla, bildete der Thomaskantor das unerschütterliche Fundament. Wenn das Ensemble Auszüge aus der Matthäus-Passion oder das Choralvorspiel „O Mensch, bewein’ dein Sünde gross“ anstimmt, entfaltet sich ein ganz eigener, berührender Zauber – Bach im Gewand südamerikanischer Sehnsucht.

Die Musiker spüren den feinen Verästelungen dieser Lehrer-Schüler-Beziehung mit spitzbübischer Lust nach. Sie nehmen die Musik ernst, verfallen aber nie in akademische Trockenheit. Selbst Igor Strawinskys kantiger Tango von 1940 und Gabriel Faurés berühmte Pavane fügen sich organisch ein. Letztere wird zu einem der innigsten und eindringlichsten Momente des Albums. Man hört förmlich, wie französische Eleganz und argentinische Erdschwere im Geiste Nadias einander die Hand reichen.

Den Schlusspunkt setzt das berühmte „Oblivion“, in dem alle Beteiligten zu einer dichten, einenden Klanglichkeit finden.

François Joubert-Caillet und seine Mitstreiter zeigen mit dieser Veröffentlichung, dass Tradition kein Aschehaufen ist, den man bewachen muss, sondern ein lebendiges Feuer, das durch den richtigen Windhauch zur Explosion gebracht wird. Ein klug konzipiertes, glänzend ausgeführtes Album, das ohne jede Volkstümelei auskommt und eine echte Metamorphose vor Ohren führt: Herkunft wird nicht verleugnet, sondern veredelt. Mademoiselle hätte an dieser intelligenten, humorvollen Grenzüberschreitung ganz sicher ihre helle Freude gehabt.

Dirk Schauß, im Juni 2026

 

Soleis de septembre

L’achéron

François Joubert-Caillet, musikalische Leitung

Fuga Libera, FUG845

 

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