Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD RICHARD STRAUSS JOSEPHSLEGENDE Op. 63; Fabrice Bollon dirigiert die Staatskapelle Halle; Naxos

01.03.2024 | Allgemein, cd

CD RICHARD STRAUSS JOSEPHSLEGENDE Op. 63; Fabrice Bollon dirigiert die Staatskapelle Halle; Naxos

Veröffentlichung: 8.3.2024

jo

Richard Strauss´ Balletteinakter „Josephslegende“ nach einer Handlung von Hugo von Hofmannsthal und Harry Graf Kessler weckt beste persönliche Erinnerungen an eine der opulentesten und anregendsten Ballettproduktionen der Wiener Staatsoper, die ich erleben durfte. Am 11. Februar 1977 war Premiere. In der Choreografie von John Neumeier tanzten Kevin Haigen den Joseph, Karl Musil war der Erzengel, Franz Wilhelm Potiphar und die fantastische Judith Jamison verkörperte die umwerfende Sinnlichkeit von Potiphars Weib. Gekoppelt war diese von Heinrich Hollreiser dirigierte und von den Wiener Philharmonikern mit gleißend flirrendem Klang in musikalische Szene gesetzte Josephslegende mit Schönbergs „Pelleas et Melisande.“ Ein solitärer Höhepunkt meiner gesamten schon über 50-jährigen Musiktheatererfahrung. Die in luxuriöser Schönheit badende Ausstattung besorgte Ernst Fuchs. Eine DVD einer Fernsehaufzeichnung ist 2007 bei der Deutschen Grammophon erschienen.

Auf Tonträgern ist es im Vergleich zu den meisten sinfonischen Dichtungen von Richard Strauss nicht wirklich gut um die „Josephslegende“ bestellt. Außer dem Klassiker mit Rudolf Kempe (leider nur das symphonische Fragment) und einer historischen Aufnahme mit dem Orchester der Bayerischen Staatsoper München unter der künstlerischen Leitung von Robert Heger (1952) sind mir noch Einspielungen mit der Staatskapelle Weimar (Stefan Solyom), dem Royal Scottish National Orchestra (Neeme Järvi) und Ivan Fischer mit dem Budapest Festival Orchestra bekannt. Die bislang beste Einspielung mit der Staatskapelle Dresden unter Giuseppe Sinopoli ist leider längst vergriffen.

Also ist das neue Album der Staatskapelle Halle unter der musikalischen Leitung von Fabrice Bollon schon grundsätzlich willkommen. Nicht zuletzt, weil das Werk, das am 14. Mai 1914 an der Pariser Oper uraufgeführt wurde (Diaghilev Truppe, Léonide Massine als Joseph), in Relation zur kompositorischen Qualität absolut unterschätzt ist. Wie in Salome geht es in der Josephslegende um das Thema Reinheit versus sexuelles Begehren in einem dekadenten Ambiente. Allerdings steht die „Josephslegende“ musikalisch dem „Rosenkavalier“ (mit entsprechenden Zitaten) näher als der Salome, was Hofmannsthal und Kessler nicht goutiert haben sollen.

Zwei Gründe, warum dieser reichhaltigen, melodiensatten wie handlungsplastischen Ballettmusik der ganz große Erfolg versagt blieb, könnten gewesen sein, dass die Uraufführung in Paris kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges stattfand, in dem sich Deutschland und Frankreich im Schlachtfeld plötzlich als erbitterte Feinde gegenüberstanden, und dass der androgyne, für die Rolle des Joseph prädestinierte Nijinski wegen seiner Heirat mit der Ungarin Romola de Pulsky von Diaghilev (aus Eifersucht) ausgebootet worden war.

Fabrice Bollon wird der Farbigkeit der Partitur, den Gegensätzen von orchestralem Rausch und kammermusikalischer Intimität in hohem Maße gerecht. Seine Lehrer Michael Gielen und Nikolaus Harnoncourt kann er nicht verleugnen. Daher ist auch – Ivan Fischer nicht unähnlich – ein Teil an umsichtig kalkulierter Sachlichkeit in seiner Interpretation zu finden. Das tut dem monströs-delikaten fin-de siècle Stück mehr als gut. Die Streichersektion der Staatskapelle Halle kann zwar nicht mit dem gleichen verführerischen Glanz und silbrigen Flimmern der Wiener Philharmoniker punkten, bringt dafür aber mit vibratosparsamerem Strich ein gerütteltes Element artikulatorisch klarer Struktur und trotz wahnsinnig dicker Instrumentierung genügend Transparenz mit ins Spiel. Bollon achtet in Phrasierung und Dynamik auf eine selbstdeutende erzählerische Dichte und animiert vor allem Holz und Bläser zu expressiven Höhenflügen. Von den Tempi her ist Bollon auf der vergleichsweise langsamen Seite: Mit 71,32 Minuten Spielzeit braucht er um 7 Minuten länger als Fischer bzw. 13 Minuten länger als Järvi.

Fazit: Ein wichtiges, dramaturgisch gut durchdachtes und klanglich vorzügliches Album, das hoffentlich viele Bewunderer finden und zur abermaligen Neubewertung anregen wird.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken