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CD RICHARD STRAUSS „ARIADNE AUF NAXOS“ – Live Mitschnitt aus dem Teatro della Pergola Florenz vom Juni 2022; Dynamic

24.04.2023 | Allgemein, cd

CD RICHARD STRAUSS „ARIADNE AUF NAXOS“ – Live Mitschnitt aus dem Teatro della Pergola Florenz vom Juni 2022; Dynamic

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Daniele Gatti mit einer rhetorisch-klangdramaturgisch singulären Interpretation in einer sängerisch nicht restlos überzeugenden Aufführung

Warum bringt die Firma Dynamic keine technisch hochwertigen Live-Aufnahmen zustande, wie das bei anderen Verlagen längst selbstverständlich ist? Unverständlich. Das ist in diesem Fall ein besonderes Ärgernis, zumal mit Daniele Gatti einer der interessantesten und profiliertesten Dirigenten der Gegenwart am Werke ist und der Mitschnitt aus Florenz die einzige verfügbare Ariadne Aufnahme unter seiner Stabführung ist. Ein Händchen für Strauss hat er: 2017 hatte er Strauss’ „Salome“ mit dem Concertgebouw Orkest Amsterdam (RCO) in detailreiche und dennoch unendlich sinnliche Klänge getaucht. Bald wird er seine vielseitigen Talente auch mit einem der historisch wichtigsten Orchester für das Werk des Richard Strauss teilen können: Ab 2024/25 wird Gatti den Chefdirigentenposten bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden von Christian Thielemann übernehmen. Eine weiteres Karriere-Highlight: 2025 wird Gatti in Bayreuth eine neue Produktion von Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ dirigieren. 

Gatti mischt in den kammermusikalisch geformten, dennoch so spezifisch spätromantisch opulenten Orchesterklang der Ariadne unendlich viel an instrumental aufgeladenen Sinn und Witz, die den Text der Bühnenfiguren nicht bloß untermalend ausleuchten, sondern eigenständig kontrapunktisch ergänzen. Gatti ist ein ähnlicher Typus von Musiker wie Mariss Jansons einer war. Mit seiner ihm eigenen, sich jeden konkreten Worts entziehenden Musikalität findet er für jedes zu interpretierende Werk einen persönlichen, dennoch ganz aus der Partitur gereiften Schlüssel. So auch für „Ariadne“. Gatti lässt den flotten Komödienton des Vorspiels pointiert moussieren, während er für die große Oper einen erstaunlich individuellen und dramaturgisch treffsicheren Mix aus parfümiert französischer Tragödie, frivolem frou-frou und heroischer Liebes-/Befreiungsstück findet. Dazu stimmt er die Temporegie genau auf das Libretto ab, gewinnt aus der hybriden Anlage der Ariadne heraus aber einen durchgehenden Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Note. Das rauschhafte Schlussduette krönt dieses musikalische Soufflée in bester Musikantenlaune. „Kommt der neue Gott gegangen, hingegeben sind wir stumm!“

Der gegenständliche Live-Mitschnitt vom Maggio Musicale Fiorentino 2022 liegt in drei Formaten vor: DVD, Blu-ray und bloße Audio-CD. Ich habe mich für die dritte Variante entschieden, um ganz bei der Musik und den Stimmen zu sein, zumal der Besetzungszettel ja wirklich einen Operngenuss von Feinsten verspricht. Und großteils auch hält, aber eben nicht ganz. 

Im Vorspiel lassen Kaliber und „Bühnentiere“ wie der Schauspieler Franz Tscherne als Haushofmeister und Markus Werba als Musiklehrer alle Ironie der Hofmannsthalschen Vorlage prächtig wienerisch goschert zur Geltung kommen. Auch der Tanzmeister des begabten jungen spanischen Tenors Antonio Garés trifft den markant spitzen Ton des gewieften Höflings. Sophie Koch, einst eine der berührendsten und stimmlich vorzüglichsten Interpretinnen des Komponisten, hat ihre besten Zeiten in der Partie schon hinter sich. Die Höhen klingen nun oft verquollen und in der Mittellage stört der allzu breite, wenig fokussierte Ton. Jessica Pratt, Vorzeige-Belcantistin in unzähligen Rossini-, Donizetti- und Verdi-Aufführungen, ist mit ihrem weit ausschwingenden Vibrato in der Mittellage, eigentümlichen Portamenti und geringer Textverständlichkeit stilistisch alles andere als eine ideale Zerbinetta, obwohl ihre Höhe nach wir vor bewundernswert funktioniert. Ihr commedia dell’arte Trupp ist mit Livio Holender (Harlekin), Luca Bernard (Scaramuccio), Jacoub Eisa (Truffaldin) und Paul Schweinester (Brighella) gut besetzt. Aufhorchen lassen besonders die beiden Vertreter der hohen Stimmlage: der spielfreudige junge lyrische Schweizer Tenor Luca Bernard als Scaramuccia und der Tiroler Paul Schweinester als markant quirliger Brighella.

Krassimira Stoyanova, in dieser Rolle bereits in Dresden erfolgreich,  ist mit ihrem purpur-samtigen, in allen Lagen sicheren und ausgeglichen anspringenden Luxussopran eine sehr sehr gute, wenngleich nicht meine beste Ariadne, wenn man in dieser Partie sowohl die Extreme einer launisch überkandidelten Primadonna als auch die etwas ironisch-schwermütige, final doch ganz lustige Verlassene hören will. Stoyanovas dunkler gewordener Sopran blüht in den Höhen strahlend auf, bisweilen fehlt es aber doch an Glanz und sprachlicher Akkuratesse. Wie schon eingangs moniert, treffe ich diese Einschätzung bei der gegebenen flauen Tonqualität. 

Ganz klar als stimmlicher Überflieger der Aufführung erweist sich AJ Glueckert in der Rolle des jungen Gottes Bacchus. Der gerade einmal 31-jährige amerikanische Allrounder mit Zug hin zum Heldentenor ist Mitglied des Ensembles der Frankfurter Oper. Als Bacchus singt er so topsicher und selbst in ausgesetztesten Lagen so unverschämt spielerisch leicht wie einst Johan Botha oder Stephen Gould dies taten. Seien es die Circe-Rufe auf einen lupenreinen „i“ oder furchtbar unangenehm liegende Phrasen wie  „Circe, was war dein Wille, an mir zu tun?“, „Weh! Bist du auch solch eine Zauberin?“, Glueckert meistert all diese Klippen sensationell gut mit seinem perfekt fokussierten, silbern strahlenden Tenor.

Das Trio Najade, Dryade, Echo ist mit Maria NazarovaAnna Doris Capitelli und Liubov Medvedeva vor allem in den hohen Sopranstimmen erstklassig besetzt.

Das Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino leidet besonders unter der suboptimalen Aufnahmetechnik, folgt aber den Anweisungen des Chefdirigenten Daniele Gatti mit hörbarer Lust am Fabulieren und am Ausschöpfen der atmosphärischen Kontraste. Diese „Ariadne auf Naxos“ findet künstlerisch insgesamt – bei manch besetzungsbedingt oder der Abendverfassung geschuldeten sängerischem Erdenrest – auf erklecklichem künstlerischen Niveau statt.

Wer sich die Inszenierung von Matthias Hartmann ansehen möchte, der greife zur DVD oder Blu-ray.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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