CD: Pomponio Nenna Il primo libro di madrigali Ricerca, RIC488. Pomponio Nenna bittet zum Tanz
Pomponio Nenna bittet zum Tanz

Bevor Carlo Gesualdo die Harmonik sprengte, gab es in Süditalien eine Epoche der Unschuld und des strahlenden Lichts. Im Zentrum dieser Wiederentdeckung steht Pomponio Nenna, 1556 in Bari geboren. Sein „Primo Libro de Madrigali“ von 1582 ist keine schwermütige Beichte, sondern ein sinnliches Fest – und das Ensemble Comet Musicke erweckt es mit Eleganz und Frische zum Leben, wie man sie in der Alten Musik nicht oft findet. Nenna sah sich zeitlebens als Edelmann, als Cavaliere, und genau diese noble Leichtigkeit durchzieht jede Note dieser Aufnahme.
Das Album kreist um ein ganz konkretes freudiges Ereignis: die Geburt des herzoglichen Stammhalters Antonio Carafa. Wenn Nenna hier komponiert, scheinen die Freudenfeuer der neapolitanischen Gassen und das Geläut der Glocken von Andria unmittelbar aus den Noten zu entspringen. Es herrscht eine euphorische Klanglichkeit, die man diesem Komponisten, der später als engster Weggefährte Gesualdos in die Abgründe der Dissonanz hinabstieg, kaum zugetraut hätte. Noch regiert die reine klangliche Wohltat, die das Ohr umschmeichelt, statt es mit experimentellen Schärfen zu fordern.
Unter der Leitung von Francisco Mañalich treffen die Musiker den Tonfall dieser Werke mit verblüffender Sicherheit. Im weiträumigen, atmenden Klang verschmelzen die Stimmen zu einem lebendigen Organismus, ohne ihre individuelle Präsenz zu verlieren. Myriam Arbouz und Sarah Lefeuvre führen die Sopranregister mit einer Klarheit, die nie scharf wird, sondern sich wie feiner Seidenzwirn um die mittleren Lagen schmiegt. In der Polyphonie bleibt jede Phrase durchhörbar: jede Imitation, jeder spielerische Einwurf der Tenöre oder des Basses lässt sich präzise verfolgen. Es ist ein gemeinsames Atmen, das die Architektur der Madrigale elastisch und lebendig erscheinen lässt.
Besonders gelungen ist die Einbettung instrumentaler Zwischenspiele. Orgelwerke von Giovanni de Macque und Giovanni Maria Trabaci, übertragen auf ein Consort aus Violen und Vihuelas, gewinnen eine völlig neue, warme Farbigkeit. Ein wunderbarer Ruhepol ist das elfte Stück der CD: die „Consonanze stravaganti“. Die Gamben entfalten hier ein Spektrum an Obertönen, das beinahe vergessen lässt, dass diese Melodien ursprünglich für die Tastatur gedacht waren. Es entsteht eine meditative Dichte, die den Hörer für einen kostbaren Moment aus der Zeit fallen lässt.
Natürlich schwingt bei Nenna immer schon die Vorahnung des Kommenden mit. Wer die Texte genau liest, entdeckt zwischen den Schilderungen von Blumen und Kräutern die ersten feinen Schatten. In Madrigalen wie „D’ogni ben casso e privo“ mehren sich die Reibungen, wird ein Schicksal beklagt, das schlimmer sei als der Tod. Hier kündigt sich bereits jener neapolitanische Stil an, der wenig später die Musikwelt erschüttern sollte. Die historische Ironie bleibt pikant: Nennas Gönner Fabrizio Carafa war jener Unglückliche, den Gesualdo Jahre später im Ehebett überraschte und ermordete. Nenna selbst trat danach kurzerhand in den Dienst des Mörders. Auf dieser CD aber bleibt die Tragödie noch ein fernes, kaum hörbares Echo.
Comet Musicke gelingt mit dieser Aufnahme das seltene Kunststück, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen, die zugleich faszinierend gegenwärtig wirkt. Die Rhythmen sind verspielt, die Melodien fließen mit einer Selbstverständlichkeit, die an die schönsten Momente Luca Marenzios erinnert. Hier will keine belehrende Historie erklingen, sondern die pure Lebensfreude eines jungen apulischen Kavaliers, der seine Welt noch in den hellsten Farben malt. Wer erfahren möchte, wie Neapel klang, bevor die Schatten länger wurden, findet hier ein absolutes Juwel – einen stilsicheren, sinnlichen Genuss für alle, die das Madrigal als lebendiges Erlebnis lieben.
Dirk Schauß, im April 2026
Pomponio Nenna
Il primo libro di madrigali
Ricerca, RIC488

