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CD:  PIETRO MASCAGNI: ZANETTO – Live Mitschnitt vom 13.6.2022 aus dem Berliner Konzerthaus; Oehms Classics

21.04.2026 | Allgemein, cd

CD:  PIETRO MASCAGNI: ZANETTO – Live Mitschnitt vom 13.6.2022 aus dem Berliner Konzerthaus; Oehms Classics

Ein weiterer gelungener Coup von Chor und Orchester der Berliner Operngruppe unter Felix Krieger

zanet

Manchmal scheint die Musikgeschichte ungerecht bis ignorant bzw. deren Filter so grobmaschig gestrickt, dass alles, was nicht der Weite des Erwartbaren entspricht, einfach rasch und schmerzlos durchrauscht. Im Falle des Pietro Mascagni könnten nicht Wohlmeinende argumentieren, dass er über den immensen Erfolg seiner „Cavalleria rusticana“ gestolpert ist. Dass sich Mascagni mit diesem genialen Streich quasi selber das Haxl gestellt hat. Dass dieser packende veristische Einakter mit der eingängig saftigen Melodik und der volkstümlich dramaturgischen Schärfe eine so gewaltige unsichtbare Mauer bildet, dass gerade noch Mascagnis Zweitling „L’amico Fritz“ peripher im kollektiven Gedächtnis des Opernpublikums haften geblieben ist.

Dass dieses Netz der musikalischen Erinnerung nun engmaschiger kalibriert wird, verdanken wir solchen Initiativen wie derjenigen der Berliner Operngruppe unter dem findigen und unermüdlich forschenden Dirigenten Felix Krieger, der mit qualitätsvollen Aufführungen, und deren anschließender Veröffentlichung auf Oehms Classics schon manche die Kurzsichtigkeit ausgleichende Opernbrille schärfer stellen konnte.

Dabei widmet sich die Berliner Operngruppe nicht wieder der x-ten und musikalisch oftmals redundanten Ausgrabung aus dem unendlichen Repertoire französischer und italienischer Barockopern, sondern hat den Blick mit Ausnahme von Donizettis „Rita“ oder „Dalinda“ aktuell vor allem auf das reiche italienische Repertoire rund um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert gerichtet. Dabei spielt der Gedanke eine Rolle, Opern abseits des gängigen Opernrepertoires, die in Berlin entweder noch nie oder seit vielen Jahrzehnten nicht mehr zu hören waren, neue Impulse zu verleihen.

So bildeten die Konzerte samt Aufnahmen von Mascagnis „Iris“ oder Ermanno Wolf Ferraris „Il Secreto di Susanna“ zwar keine Novitäten auf Schallplatte, aber doch den gelungenen Versuch, deren künstlerische Qualitäten wieder fester im Bewusstsein und in den Gedanken eines musikalisch interessierten Publikums zu verankern. In diesem Jahr steht am 19. Mai mit Alberto Franchettis „Fior d’Alpe“ eine besondere Rarität auf dem Spielplan des Berliner Konzerthauses.

Unser spezielles Interesse gilt entsprechend der vorliegenden Publikation dem Mitschnitt des Mascagni-Einakters „Zanetto“. Basierend auf einem Libretto von Giovanni Targioni und Guido Menasci geht es in diesem am 2.3.1896 am Liceo Musicale Rossini in Pesaro uraufgeführten Zwei-Personenstück um eine zarte Liebesgeschichte zwischen einem blutjungen Musiker, dem vazierenden Barden Zanetto, und der schönen Silvia, die ein rätselhaftes Traumlicht seiner Fantasie bleiben soll. Vielleicht wird sich Zanetto an Silvia dereinst als das schönste und unschuldigst reinste emotionale Erlebnis in seinem ganzen Leben erinnern.

Originell ist an diesem fantastisch romantisch bis symbolistischen, die Kraft von Musik und die Unwägbarkeiten/(Un)Möglichkeiten menschlicher Bindungen auslotenden Einakter nicht nur die Besetzung der beiden Hauptrollen mit zwei Frauen – die Rolle des Zanetto hat Mascagni einem Mezzosopran anvertraut – sondern auch, dass Mascagni ab der a cappella vom Chor gesungenen „Ouvertüre“ geschickt mit flottierenden Motiven hantiert.

Entsprechend des um erotische Versuchung und ebensolchen Verzicht drehenden Sujets befinden wir uns in einer Mondnacht bei Florenz. Da treffen Silvia und Zanetto aufeinander und suchen in ihren Seelen, gefühlsvollst durchgerüttelt, nach dem Eigentlichen ihres Begehrens, dem Kern ihres Seins. So kommt es, wie es jedem Klischee der Oper widerspricht, dass die beiden nicht rauschhaft über einander herfallen und dann draufkommen, dass sie ohnedies nicht zusammenpassen.

Sondern von Angesicht zu Angesicht dank der musikalischen auf der Höhe seines Könnens befindlichen Gestaltungskraft Mascagnis in unendlich subtilen Zwischentönen zuerst argumentativ alles aufbieten, um das augenblickliche Wollen zu erfüllen, dann instinktiv – getrieben von der Lebensklugheit Silvias – das Jetzt sternenhaft kristallisieren lassen als bloße Möglichkeit. Nichts weiter. Silvia bleibt im Garten zurück, Zanetto geht weiter seines Wegs, jederzeit ein Lied auf seinen Lippen. Beide leben den Moment einer puren Liebe ohne den Frust und den Schmerz einer in Tragödie ausartenden Fremdheit angesichts unvereinbarer Ziele und Bedürfnisse.

Dass Mascagni nach „Cavalleria rusticana“ nicht einfach aufgehört hat, erfindungsreich zu schreiben und in einem anderen Genre als dem blutrünstigen sizilianischen Untreue- und Rachedrama mit einer wunderbaren musikalischen Sprache glutvoll reüssiert, dafür bietet „Zanetto“ den schönsten Beweis. Zumal als Besetzung mit dem sehnsuchtssamtigen Mezzosopran von Yajie Zhang als Zanetto und der ebenso wohlklingend timbrierten, lyrisch verzückten Sopranstimme der Narine Yeghiyan als Silvia zwei Sängerinnen zur Verfügung standen, die die unendliche Bandbreite an Emotionen voller Hingabe und Melancholie herzzerreißend zu verkörpern imstande waren.

Felix Krieger sorgte mit dem exzellenten Orchester der Berliner Operngruppe für den sensitiven, die süßschmerzliche Disposition der Protagonistinnen unterwebenden Klangteppich. Für diejenigen, denen „Cavalleria“ das Non plus Ultra erscheint: Von der Klangcharakteristik ist Mascagni, dem Gegenstand der Oper natürlich angepasst, sich treu geblieben. Auch in „Zanetto“ finden sich diese zum Weinen schönen melodischen Eingebungen und dieses rührende harmonische Raffinement.

Lohnenswerte Empfehlung für alle Neugierigen und Melomanen, die besonders schöne Stimmen lieben!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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