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CD: Paul Büttner. Sinfonien Nr. 3 und Nr. 4 – Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Christopher Ward, musikalische Leitung Capriccio, C5554

09.04.2026 | Allgemein, cd

CD: Paul Büttner. Sinfonien Nr. 3 und Nr. 4 – Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Christopher Ward, musikalische Leitung Capriccio, C5554

Paul Büttner: Sinfonien Nr. 3 und 4

Eine späte Wiederentdeckung spätromantischer Größe

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Paul Büttner wurde am 10. Dezember 1870 in Dresden geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und studierte am dortigen Konservatorium zunächst Oboe (auf einer Freistelle), später auch Violine und Bratsche. Über Jahrzehnte hinweg machte er sich als vielseitiger Musiker, Chorleiter, Pädagoge und Musikkritiker einen Namen. Als Direktor des Dresdner Konservatoriums und Bundesdirigent des Arbeitersängerbundes prägte er das kulturelle Leben der Stadt nachhaltig – stets mit einem starken sozialen Engagement, das ihn mit linken Kreisen verband.

Der eigentliche Durchbruch als Komponist kam jedoch erst 1915: Unter der Leitung des legendären Arthur Nikisch wurde Büttners dritte Sinfonie (in Des-Dur) mit großem Erfolg uraufgeführt. Die internationale Musikwelt sprach plötzlich von einem verheißungsvollen Erben der großen deutsch-österreichischen Sinfonietradition – als einer der vielversprechendsten Nachfolger von Johannes Brahms und Anton Bruckner. Nur zwei Jahre später, 1917 (in der endgültigen Fassung 1919), erklang die vierte Sinfonie (in h-Moll) ebenfalls triumphierend. Beide Werke machten Büttner in den 1910er und 1920er Jahren zu einer schillernden Figur des späten romantischen Musiklebens.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich alles schlagartig. Wegen seiner politischen Tätigkeit in linken und sozialdemokratischen Kreisen sowie seiner jüdischen Ehefrau wurde Büttner all seiner Ämter enthoben. Seine Werke galten als „entartet“ und verschwanden von den Konzertpodien. Hausdurchsuchungen und Repressalien folgten. Paul Büttner starb am 15. Oktober 1943 in tiefer Armut in seiner Heimatstadt Dresden.

Capriccio bringt nun mit der vorliegenden Aufnahme die Sinfonie Nr. 3 und 4 in glänzender Neuaufnahme heraus – eine willkommene und überfällige Wiederbegegnung mit einem nahezu vergessenen Komponisten.

Die dritte Sinfonie wirkt an manchen Stellen noch etwas suchend und unentschieden, entfaltet aber dennoch eine bemerkenswerte Frische und Kurzweiligkeit. Büttner findet hier bereits zu einer eigenen Klangsprache: spätromantisch in der Emotionalität, doch klar und durchsichtig in der Struktur. Die Themenentwicklung bleibt übersichtlich, die Orchestration farbig und nie überladen.

Noch überzeugender und reifer präsentiert sich die vierte Sinfonie. Sie ist ein opulentes, feierliches Werk von großer bildhafter Kraft. Der dramatische zweite Satz – ein wahres Scherzo – entpuppt sich als Feuerwerk an melodischen Einfällen und brillanter Instrumentation. Büttner hatte offenbar eine besondere Vorliebe für die Schlagzeuggruppe: Die große Trommel, ihre „kleine Schwester“ und faszinierende Tamtam-Einwürfe verleihen dem Satz eine mitreißende Wucht.

Der dritte Satz entwickelt sich aus einer Fülle von Motiven zu einer dichten Klangsprache – leidenschaftlich, farbenreich und von großer erzählerischer Kraft. Das Finale schließlich ist von packender Dramatik, orchestral glänzend und kulminiert in einem triumphierenden, zugleich nachdenklichen Abschluss. Und danach sitzt man staunend und ratlos, ob dieser herausragenden Komposition. Warum wird sie nicht gespielt? Diese Sinfonie besitzt ohne Zweifel echten Repertoirewert und verdient einen festen Platz neben den großen Werken der Spätromantik.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt unter der Leitung von Christopher Ward mit edlem, noblem Klang und großer Sensibilität. Ward erweist sich als idealer Anwalt dieser Musik: Er fühlt ihre spätromantische Wärme ebenso wie ihre strukturelle Klarheit und lässt beide Sinfonien mit Überzeugung und Liebe zum Detail erklingen. Die Aufnahme ist technisch hervorragend und macht Lust auf weitere Entdeckungen aus Büttners umfangreichem Schaffen.

Mit dieser CD leistet Capriccio einen wichtigen Beitrag zur Wiederentdeckung eines Komponisten, der es verdient, endlich wieder im Konzertsaal gehört zu werden. Paul Büttner war mehr als nur ein talentierter Handwerker – er war ein Idealist, dessen Musik von tiefer humanistischer Überzeugung und schöpferischer Kraft zeugt.

Dirk Schauß, im April 2026

 

Paul Büttner
Sinfonien Nr. 3 und Nr. 4
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Christopher Ward, musikalische Leitung
Capriccio, C5554

 

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