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CD: ON MODES Anthony Romaniuk Alpha Classics, Alpha1202

19.03.2026 | Allgemein, cd

Anthony Romaniuk sprengt die vertikale Dimension des Klavierklangs

onmod

Manche Instrumente fordern nicht nur das musikalische Können heraus, sondern verlangen nach einer neuen Architektur. Wer sich vor den Klavins-Flügel setzt – jenes monströse Konstrukt von David Klavins, das Anthony Romaniuk für sein drittes Soloalbum „On Modes“ (Alpha Classics) nutzt –, verlässt die gewohnte Horizontale der bürgerlichen Salons. Dieses vertikale Konzertklavier, zwei Stockwerke hoch und mit einem massiven Holzkörper ausgestattet, stammt aus der Sammlung von Nils Frahm. Romaniuk bedient es von einer Galerie aus, schwebt über dem Abgrund der Schwingungen, während unter ihm physikalische Kräfte freigesetzt werden, die ein herkömmlicher Flügel nie erreichen könnte. Diese rohe Wucht bildet das Fundament eines Albums, das weit über eine bloße Repertoire-Schau hinausgeht.

Unter dem Titel „On Modes“ unternimmt Romaniuk eine Expedition zu den sieben Modi – jenen antiken Skalenstrukturen, die bereits in der griechischen Theorie festgeschrieben waren. Doch er ist kein Theoretiker, der staubige Traktate vertont. Er begreift die Kirchentonarten als emotionalen Farbkasten, mit dem er eine klangliche Landkarte zeichnet, die keine Genre-Grenzen kennt. Zwei Welten verschmelzen dabei: die vertraute Eleganz eines Fazioli-Flügels und die archaische Gewalt des Klavins-Giganten. Analoge und digitale Effekte sowie innovative Mikrofonierungen verwandeln das Instrument in eine faszinierende Klanginstallation. Man hört nicht mehr nur ein Klavier – man befindet sich im Inneren einer Maschine, die Träume und Frequenzen verarbeitet.

Der Einstieg mit Romaniuks Eigenkomposition „Sunrising“ bereitet die Ohren vor. Wenn dann Arvo Pärts „Für Alina“ folgt, weicht die gewohnte ätherische Leichtigkeit einer greifbaren Substanz. Romaniuk lässt den Tönen Zeit, sich im riesigen Resonanzraum zu entfalten, bis sie mit der Stille verschmelzen – eine Lektion in Entschleunigung, die nie ins Belanglose abgleitet. Der Hörer sitzt mitten im Geschehen, spürt das Atmen der Filzhämmer, das Nachschwingen der massiven Saiten. Diese Unmittelbarkeit prägt das gesamte Programm und macht die Aufnahme zu einem Erlebnis, das den Körper als weiteren Resonanzraum mit einbezieht.

Romaniuk erweist sich als Kenner mit Gespür für Brüche und Kontinuitäten. Dass er ein Arrangement aus dem 14. Jahrhundert direkt neben einen Radiohead-Song stellt, wirkt bei ihm nicht wie Crossover-Gag, sondern wie logische Notwendigkeit. In „Motion Picture Soundtrack“ nutzt er die modalen Eigenheiten der Vorlage, um eine melancholische Weite zu erzeugen, die nahtlos in die rhythmische Strenge von György Ligetis „Musica ricercata VIII“ übergeht. Hier zeigt sich seine technische Brillanz: Er meistert Ligetis komplexe Strukturen mit scheinbarer Leichtigkeit und hält den Fokus auf den Klangfarben. Die extremen Register des Klavins kommen voll zur Geltung – tiefe Frequenzen lassen den Boden beben, Diskanttöne stechen wie Nadeln durch den Raum.

Ein absoluter Höhepunkt ist die Interpretation von Björks „Army of Me“. Wer hätte gedacht, dass dieser industrielle Pop-Hymnus auf einem vier Meter hohen Klavier eine solche Urgewalt entfalten kann? Romaniuk übersetzt die aggressive Basslinie in ein pianistisches Gewitter, das die statischen Grenzen des Instruments auslotet – ein Moment purer Spielfreude, fern jeder musealen Ehrfurcht. Er nimmt sich die Musik, die ihn bewegt, und transformiert sie durch sein Klangideal in etwas radikal Neues.

In eigenen Stücken wie der „Lydischen Etüde“ oder dem „Locrian Waltz“ zeigt er zudem sein kompositorisches Geschick. Diese Werke fungieren als Brücken zwischen Epochen und Stilen. Den Abschluss bildet „Regina“ aus dem mittelalterlichen Llibre Vermell de Montserrat – ein Blick zurück zu den Wurzeln der abendländischen Musik, der nach der Reise durch Pop, Avantgarde und Minimalismus in völlig neuem Licht erscheint.

Romaniuk hat bewiesen, dass das Klavier weit mehr ist als ein Möbelstück mit 88 Tasten. In seinen Händen wird es zu Laboratorium, Kathedrale und Spielplatz zugleich. Wer diese CD einlegt, sollte darauf gefasst sein, dass sein Hörzimmer für eine Stunde die gewohnten Dimensionen verliert und sich in eine grenzenlose Klanglandschaft verwandelt. Ein starkes Erlebnis.

Dirk Schauß, im März 2026

 

ON MODES

Anthony Romaniuk

Alpha Classics, Alpha1202

 

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