Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD NOCTURNO – Lieder und Klavierstücke von Strauss, Debussy, Chopin, Dvořák, Zemlinsky, Schumann, Schubert, Mozart, Szymanowski, Martinů und Barber. SIMONA ŠATUROVÁ, Sopran, MAREK KOZÁK, Klavier, ARS Produktion

27.03.2026 | Allgemein, cd

CD NOCTURNO – Lieder und Klavierstücke von Strauss, Debussy, Chopin, Dvořák, Zemlinsky, Schumann, Schubert, Mozart, Szymanowski, Martinů und Barber. SIMONA ŠATUROVÁ, Sopran, MAREK KOZÁK, Klavier, ARS Produktion

Wenn die Ohren das Sehen übernehmen: Ein Liederalbum als nächtliche Gesamterfahrung

saturn

Manche Alben erledigen ihre Sache Stück für Stück. Dieses hier nicht. „Nocturno“ zieht vom ersten Akkord an einen Kreis um den Hörer, innerhalb dessen sich die Gesetze des Tages aufheben. Richard Strauss‘ „Die Nacht“ setzt ein, und Simona Šaturová legt mit ihrem Sopran feinste Regungen frei – tastende Gefühle im Zwielicht, subtile Zustandswechsel.

Die gebürtige Bratislavaerin hat sich bis dato auf der Opernbühne und im Oratorienfach profiliert. Dass sie nun mit einem kammermusikalischen Liedprogramm hervortritt, mag überraschen, erweist sich aber als zwingend – und genau diese Kausalität macht das Album, erschienen auf dem Label ARS hörbar. Ihr lyrischer Sopran verfügt über Qualitäten, die auf der großen Bühne manchmal untergehen: eine Mittellage von berührender Wärme, ein Pianissimo, das nicht ausdünnt, sondern verdichtet, und eine textliche Durchdringung, die jede Silbe wie von innen beleuchtet wirken lässt.

Ihr Partner Marek Kozák verdient weit mehr als die übliche Erwähnung als „sensibler Begleiter“. Sein Klavierspiel besitzt eine gläserne Klarheit, die aus der Masse heraussticht – jeden Ton möchte man einzeln gegen das Licht halten, und doch fügt sich alles zu einem Gewebe von bestechender Durchhörbarkeit. In Debussys Nachtliedern lässt er die Akkorde schweben, als hätten sie kein Gewicht; bei Dvořák setzt er die Bässe erdiger, substanzieller, ohne den Gesamtklang zu trüben. Die beiden Klaviersoli – Chopins Des-Dur-Nocturne und Schumanns fiebrig pulsierende Fantasie „In der Nacht“ – offenbaren einen Pianisten von eigenständigem Format, der Stille ebenso beherrscht wie rhythmische Zuspitzung. Diese instrumentalen Einschübe wirken nicht als Ruhekissen, sondern machen als Schlüsselstellen die Architektur des Ganzen erst sichtbar.

Elf Komponisten, fünf Sprachen, knapp zwei Jahrhunderte Musikgeschichte: Was nach enzyklopädischem Sammelsurium klingt, hält als Gesamterzählung zusammen. Strauss‘ dramatischer Nachteinbruch gleitet bruchlos in Debussys schillernde Harmonik, diese mündet organisch in Chopins Nocturne, und wenn Dvořáks tschechische Volkspoesie einsetzt, wirkt auch dieser Wechsel wie der natürliche Fortgang einer einzigen nächtlichen Wanderung. Zemlinskys toskanisch gefärbte Walzer-Gesänge bringen einen überraschend tänzerischen Impuls, Schumanns Mondnacht vertieft die Stimmung ins Visionäre, und über Schubert und Mozart führt der Weg zu Szymanowskis polnischen Wiegenliedern, die Šaturová mit fast beängstigender Zerbrechlichkeit ausstattet. Barbers „Sure on This Shining Night“ bildet die stille Brücke zum abschließenden „Morgen!“ von Strauss, das nach all den nächtlichen Schatten wie ein erstes Atemholen in der Morgendämmerung wirkt.

Šaturovás sprachliche Wandlungsfähigkeit verdient besondere Hervorhebung. Ihr Französisch klingt dunkel timbriert und wie in der Muttersprache gesungen – genau die richtige Mischung für Debussy. Ihr Tschechisch bei Dvořák und Martinů wirkt ebenso authentisch wie Szymanowskis Polnisch, die deutsche Diktion bleibt tadellos und stets im Dienst der musikalischen Linie. Kozáks hellhörig reagierender Anschlag und Šaturovás flexible Tongebung verschmelzen dabei zu einem kammermusikalischen Organismus von jener intimen Transparenz, die man sonst nur aus den besten Liederabenden kleiner Säle kennt.

Nach gut 55 Minuten hat man das Gefühl, eine Nacht durchlebt zu haben. Dass ein derart mosaikhaft angelegtes Programm nicht in seine Bestandteile zerfällt, sondern als geschlossener Erlebnisraum bestehen bleibt, ist die eigentliche Meisterleistung dieser Aufnahme. Šaturová und Kozák haben kein Potpourri zusammengestellt, sondern ein akustisches Nachtstück komponiert, das seinesgleichen sucht.

Stefan Pieper

 

Diese Seite drucken