Strawinsky, entstaubt: Die Camerata Salzburg in neoklassischer Hochform

Was passiert, wenn eines der traditionsreichsten Kammerorchester der Welt auf den kühlen Geist von Igor Strawinsky trifft? Die Camerata Salzburg gibt unter der Leitung von Giovanni Guzzo ihr Debüt beim Label Channel Classics und liefert mit „Muses“ eine Liebeserklärung an die Klarheit. Ein Album, das beweist, dass Strawinskys Neoklassizismus weit mehr ist als bloße Rückwärtsgewandtheit – es ist eine hochelektriesierende Suche nach dem idealen Klang.
Igor Strawinsky und Salzburg – das ist eine Verbindung, die historisch tief verwurzelt ist. Doch statt der großen Ballett-Partituren konzentriert sich die Camerata Salzburg in ihrer neuen Aufnahme auf die feinen, sehnigen Strukturen der mittleren Schaffensperiode des Komponisten. Unter dem Titel „Muses“ vereint das Ensemble drei Schlüsselwerke, die zeigen, wie Strawinsky die Formen des Barock und der Klassik wie durch ein Prisma zerlegte und in brillantem, neuem Licht wieder zusammensetzte.
Das Programm eröffnet mit dem Konzert in D-Dur, auch bekannt als „Basler Konzert“. Geschrieben für Paul Sacher und dessen Basler Kammerorchester, ist es eine Tour de force für Streicher. Die Camerata Salzburg präsentiert sich hier in Bestform: Die energischen Rhythmen des ersten Satzes werden mit einer Präzision serviert, die niemals akademisch wirkt, sondern stets einen unbändigen Vorwärtsdrang besitzt.
Besonders faszinierend gelingt das Arioso. Hier lassen die Salzburger die Streicherfarben sanft schweben, doch unter der Oberfläche brodelt es ständig – eine typisch strawinskysche Unruhe, die Giovanni Guzzo mit feiner Hand kontrolliert. Das abschließende Allegro gerät zur rasanten Machtdemonstration eines Ensembles, das jeden Akzent punktgenau zu setzen versteht.
Einen reizvollen Kontrast bildet das Konzert in Es-Dur „Dumbarton Oaks“. Strawinsky komponierte es im Stil der Brandenburgischen Konzerte von J.S. Bach, doch wer hier eine sanfte Hommage erwartet, wird herrlich enttäuscht. Es ist ein Werk, das förmlich über „Stock und Stein“ geht.
Die Bläser der Camerata Salzburg agieren hier mit sarkastischem Charakter: Sie „schnattern“, unterbrechen und kommentieren das Geschehen mit einer Spielfreude, die den Witz der Partitur voll auskostet. Im Allegretto stellt das Ensemble Strawinskys Meisterschaft in der feinen Charakterzeichnung zur Schau – jede Frage in der Musik scheint mit einem ironischen Unterton beantwortet zu werden. Es ist Kammermusik auf höchstem Niveau, bei der das individuelle Engagement jedes Musikers zu einem organischen Ganzen verschmilzt.
Den Gipfelpunkt und emotionalen Anker des Albums bildet das Ballett „Apollon musagète“. Diese Hommage an den Gott der Musen ist ein Werk von vollkommener harmonischer Reinheit. Hier zeigt die Camerata Salzburg ihre wohl klangschönste Seite. Giovanni Guzzo überzeugt in seinen Violinsoli durch eine noble Zurückhaltung und eine prägnante Formgebung, die der Musik eine fast skulpturale Qualität verleiht.
Besonders der hingebungsvolle Pas de deux entfaltet eine melodische Perfektion, die man Strawinsky oft fälschlicherweise abspricht. In der abschließenden Apotheose führt die Musik unweigerlich nach oben – ein klanglicher Aufstieg, den das Ensemble mit einer Hingabe gestaltet, die den Hörer fast atemlos zurücklässt.
Die Zusammenarbeit zwischen der Camerata Salzburg und Channel Classics beginnt mit einem Paukenschlag der feinen Töne. Giovanni Guzzo führt das Orchester zu einem schlanken, farbenreichen Klang, der durch die hervorragende Aufnahmetechnik des Labels (bekannt für seine audiophile Transparenz) vorbildlich eingefangen wird. „Muses“ ist kein Album für das bloße Nebenbei-Hören; es ist eine Einladung, tief in die Strukturen und Schichten dieser neoklassischen Meisterwerke einzutauchen. Strawinsky hätte an dieser rhythmischen Schärfe und klanglichen Reinheit seine wahre Freude gehabt.
Dirk Schauß, im Februar 2026
Muses Stravinsky
Camerata Salzburg
Giovanni Guzzo, Violine und musikalische Leitung
Channel Classics, CCS48426

