CD: MOZART’S MANNHEIM • Freiburger Barockorchester, Gottfried von der Goltz
Ein Genie und eine «Armee von Generälen»

Auf seiner neuesten Silberscheibe lädt das Freiburger Barockorchester ein, zu entdecken, was Mozart am Hof von Mannheim hörte und was er zu dieser Zeit komponierte und aufführte. Der grosse Verdienst solcher Einspielungen besteht darin, nicht nur die grossen Komponisten und deren Kompositionen (Mozart) bekannt zu machen, sondern auch deren Zeitgenossen und ihr Schaffen. Entdeckungen sind so garantiert, denn es kann ja auch das Bessere im schatten des Besten und nicht nur das Bessere im Schatten des Guten stehen. Oder anders ausgedrückt. Man wird sich der Rolle von Genies (Mozart) bewusst, die ihre Zeitgenossen komplett, unabhängig vom qualitativen Spektrum von deren Schaffen, in den Schatten stellen.
Von 1720 bis 1778 war Mannheim die Residenz der Kurfürsten der Pfalz. Besonders Kurfürst Carl Theodor, der von 1743 bis 1778 regierte, förderte die Hofkapelle mit einem Ausbildungs- und Gratifikationssystem, schuf so die Mannheimer Schule und machte des Orchester zum Besten Europas jener Zeit. Nicht umsonst sprach der englischer Musikhistoriker, Komponist und Organist Charles Burney vom Mannheimer Orchester, in dem Komponisten und Virtuosen Dienst taten, als einer «Armee von Generälen». 1777/1778 war Mozart mit seiner Mutter in Mannheim. Die reiche Korrespondenz dieser Zeit belegt, welche Musik Mozart in dieser Zeit hörte und welche er selbst komponierte und aufführte, aber auch, wie er zu den einzelnen Mitgliedern der Hofkapelle stand.
Ignaz Holzbauer (1711-1783), erster Hofkapellmeister und führender Kopf der Mannheimer Schule, gehörte zu jenen Personen, denen Mozart mit Respekt begegnete («denn das ist nicht zu glauben, was in der Musik für feüer ist»). Die Zeitgenossen feierten seine Oper «Günther von Schwarzburg» als erste deutsche Nationaloper (Günther von Schwarzburg: Ouvertüre).
Christian Cannabich (1731–1798), Konzertmeister der Hofkapelle und ab 1773 der Instrumental-Musik, war eine von Mozarts engsten Bezugspersonen. Seine Symphonie Nr. 55 in C-Dur (als Weltersteinspielung) dürfte zu der Zeit entstanden sein, als Mozart in Mannheim war. Mozarts Symphonie in C-Dur KV 208/212 wurde am 13. Februar 1778 im Hause Cannabichs uraufgeführt.
Carl Joseph Toeschi (1731–1788), seit 1773 Direktor der Kabinettsmusik (Fürstliche Kammermusik) wurde von Mozart immer respektvoll erwähnt (Sextett für Flöte, Oboe, Violine, Bratsche, Fagott und Cello B-Dur als Weltersteinspielung).
Richtiggehend Anlaufstation in Mannheim war für die Familie Mozart die Familie Danner. Schon Leopold Mozart hatte sich 1763 mit Johann Georg Danner angefreundet, dessen Sohn Christian später von Wolfgang Amadeus Kompositionsunterricht erhielt (Violinkonzert F-Dur als Weltersteinspielung).
Abbé Georg Joseph Vogler(1749–1814) war kein engerer Freund Mozarts und von diesem desöfteren mit kritischen oder bösartigen Äusserungen bedacht. War Mozart neidisch auf seinen Posten als Kapellmeister, den er selbst gern gehabt hätte (Ouvertüre zu der Kaufmann von Smyrna als Weltersteinspielung).
Die Konzertarie «Alcandro, lo confesso … Non so d’onde viene” KV 294 würde im März durch Aloysia Weber im Hause Cannabichs uraufgeführt. Mozart hatte sich in Mannheim in die ältere Tochter des Bassisten, Souffleurs und Musikkopisten Fridolin Weber verschaut, heiratete dann aber 1782 die jüngere Tochter Konstanze, Cousine des Komponisten Carl Maria von Weber.
Das Freiburger Barockorchester unter musikalischer Leitung von Gottfried von der Goltz interpretiert die Musik aus Mozarts Mannheim mit der gewohnten Stilsicherheit, Farbigkeit und Verve. Als Solisten der Aufnahme brillieren die Sopranistin Nicole Chevalier und der Violinist Gottfried von der Goltz.
Eine wertvolle Ergänzung der Mozart-Diskographie!
02.07.2023, Jan Krobot/Zürich

