CD MARIA JAELL: Kammermusik; La Boîte á Pépites
Zum 100. Todestag der Komponistin: Fulminante Weltersteinspielungen

„Ich bin kein Weib, ich bin ein dunkler, feuerspeiender Vulkan,“ Marie Jaëll über sich selbst
Die französische Pianistin, Komponistin und Pädagogin Marie-Christine Jaëll, geb. Trautmann, ist u.a. dank der Bru Zane-Box „Compositrices“, der ihr von diesem rührigen Verlagshaus gewidmeten Edition „Klavier- und Orchestermusik“ und nicht zuletzt der bei Querstand erschienenen Gesamtaufnahme aller Klavierwerke einem breiteren Publikum bekannt.
Die aus dem nördlichen Steinselz stammende Elsässerin war schon früh eine gefragte Klaviervirtuosin. Ausgebildet in Stuttgart, Strasbourg und Paris, konzertierte Marie mit Werken von Bach, Mozart, Beethoven, Chopin, Liszt, Mendelssohn und Schumann vor allem in Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Neugierig und vielseitig wissbegierig, wie sie war, beschäftigte sich Marie Trautmann außer mit Musik intensiv mit Mathematik, Literatur und Philosophie.
In Baden-Baden lernte sie den österreichischen Pianisten Alfred Jaëll, Sohn des ersten Geigers im Theater an der Wien, kennen. Mit 20 Jahren heiratete sie den bis nach New York Weitgereisten, der u.a. die Stellung eines Pianisten des Königs von Hannover bekleidete. 1868, also mit 22 Jahren, begegnete sie erstmals Franz Liszt, dessen immenses Künstlertum sie wie ein Blitz traf. Da hatten sich zwei verwandte Seelen getroffen, die Freundschaft der beiden sollte ein Leben lang anhalten.
Es war die sensitive Transformation der Musik durch Liszt, die durch das Hören seiner Meisterschaft ausgelöste Intensivierung des musikalischen Erinnerungsvermögens, die Jaëll so faszinierten und bei ihr eine Verfeinerung des Anschlags aus daktilem Experimentieren bewirkten. 1890 spielte sie im Konzert das pianistische Gesamtwerk von Liszt und als erste Solistin überhaupt alle Beethoven-Sonaten in einer Serie von sechs Konzerten.
Kompositionsunterricht erhielt sie von bei keinen Geringeren als César Franck und Camille Saint-Saëns. Unter den ca. 80 verbürgten Werken finden sich die Oper „Runéa“, Klavierkonzerte, ein Cellokonzert, Quartette, Trios, Sonaten, Mélodies und Romantisches für Klavier solo, zwei Klaviere und vier Hände. Camille Saint-Saëns soll Jaëlls Musikalität mit einem „über die Ufer tretenden Wildbach, der mit der Zeit seinen eigenen Weg finden würde“, beschrieben haben.
Aber auch die Politik hinterließ in Jaëlls Leben Spuren. Nach der Niederlage Frankreichs in der Schlacht von Sedan 1870 weigerte sie sich fortan, in Deutschland aufzutreten und hinderte ihren Mann daran, einen Posten im Konservatorium von Leipzig anzunehmen. Mitte der 1890-er Jahre hörte die 50-jährige Musikerin, die nach und nach merklich von der Komplexität der musikalischen Sprache und der Ausdrucksmittel abrückte und einer späten Einfachheit huldigte, abrupt mit dem Komponieren und konzentrierte sich von da an auf Ihre Aufgaben als Musikpädagogin.
Auch als Mensch beginnt sich Marie Jaëll, noch verstärkt durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, zurückzuziehen. Musiktheoretisch schrieb Jaëll elf Bücher über Technik und pädagogische Aspekte des Klavierunterrichts. Titel wie „Le toucher, enseignement du piano … basé sur la Physiologie“, „La musique et la psychophysiologie“ oder „Le toucher musical par l’éducation de la main“ bezeugen Jaëlls Interesse an neurophysiologischen und physiologischen Vorgängen in der Anschlagskunst.
Auf dem vorliegenden Album ist Marie Jaëlls groß angelegtes, 1875 entstandenes Klavierquartett in g-Moll sowie als Weltersteinspielungen ihr „Dans un rêve“ für Violine, Cello und Klavier (1881), eine Romanze für Geige und Klavierbegleitung aus dem Jahr 1882 sowie zum Abschluss eine Ballade für Klavier und Violine (1886) zu hören.
Célia Oneto Bensaïd Klavier, Manon Galy Violine, Léa Hennino Bratsche und Héloïse Luzzati Cello beschwören über gleichbleibenden rhythmischen Mustern die vulkanische Textur, das seelenlandschaftliche Brokatgeflecht der Stimmen, den üppig lustwandelnden melodischen Drive, am Ende das farbenlichte Changierenlassen der Motive der generösen, erst 2010 editierten Partitur des Klavierquartetts. Spätestens im an Brahms erinnernden Rondo des Vivace con brio gibt es kein Halten mehr: Da finden das Klavier und die Streicher zu einem berauschenden konzertierenden Austausch, sich in der Hitze des Diskurses, ihrer exaltierten Leidenschaft beinahe überschlagend. Halb Kind der deutschen Romantik, halb der salongeborenen französischen Motiv- und Verzierungseleganz weiß Jaëll in diesem Stück mit ihrer ungestümen musikalischen Sprache und der Beherrschung der Formen bis zu kontrapunktischer Bravour zu begeistern.
Mit welch nachtwandelnder Sehnsucht fliegender Träume und süßer Fantastereien parlieren Violine, Klavier und Cello im erst 2023 publizierten „Dans un rêve“. Klavier und Geige erzählen in der Romanze (von der es auch eine orchestrierte Version gibt) und besonders in der Adolphe Samuel, dem Direktor des Konservatoriums von Gent, gewidmeten Ballade von wunschumrankten elegischen als auch tragischen Empfindungen.
Fazit: Ein Jubiläumsalbum comme il faut. Neues, feurig dargeboten. Das temperamentvoll gestaltete Klavierquartett markiert als Höhepunkt eine Kompositionskunst, die sich mit den renommiertesten Kollegen ihrer Zeit messen kann.
Dr. Ingobert Waltenberger

