CD LIZA LEHMANN „A BRILLIANT DESTINY“: SONGS – LUCILE RICHARDOT, Alt, ANNE DE FORNEL Klavier; La boîte á pépites
Was für ein reiches, erfülltes Leben! Und dennoch mühte sich Liza bis zu ihrer Verehelichung mit 32 Jahren mit Herbert Bedford, sich von den artistischen Übererwartungen ihrer Eltern zu lösen. Die Mutter unterrichtete nämlich Gesang und komponierte, der Vater war Porträtmaler und beide dachten, dass es das Beste für Liza wäre, in ihre jeweiligen Fußstapfen zu treten.
Dass das abwechslungsvolle und gesellschaftlich überaus aktive Leben der Familie aber nicht nur angenehm für Liza Lehmann, geborene Elisabeth Nina Mary Federica, gewesen sein dürfte, meine ich aus manch bittersüßen, melancholisch verhangenen Gesängen der Komponistin herauszuzuhören.
Auf die Welt kam Liza im Juli 1862 in London. Die ersten Jahre verbrachte sie in Italien zwischen Rom und Sorrent. Als sich die Familie 1867 endgültig in London niederließ, waren Besuche etwa von Franz Liszt, der am liebsten „bacon and eggs“ verzehrte und am Flügel improvisierte, das Normalste auf der Welt.
Liza schrieb schon als Kind kleine Lieder auf große Texte (Percy Bysshe Shelley: ‚To the Moon‘). Klavierunterricht erhielt sie von Alma Haas. Die Mutter gab ihr Gesangsunterricht und wollte, dass die Tochter das auslebt, was ihr selbst wegen übermäßigen Lampenfiebers verwehrt war: Nämlich eine professionelle Karriere als Sängerin. Also nahm Liza, selber von Auftrittsängsten geplagt, Unterrichtsstunden bei Jenny Lind am Royal College of Music in London.
Sie durfte Giuseppe Verdi in Genf schottische Volksweisen vorsingen und in Rom, öffentlich als Konzertsängerin debütieren, erkannte aber bald, dass die lyrische Stimme schon vom Volumen und der allgemein physischen Konstitution her keine Opernlaufbahn erlaubten. Gleichzeitig drängte sie der Vater, immer ein Skizzenbuch bei sich zu tragen. Von 8 bis 18 übte sich Liza gehorsam in der Zeichenkunst von Engeln, Feen und Landschaften, bevor die Musik wieder Oberwasser bekam und Liza ihre Studien jm Gesang und in Komposition bei verschiedenen Pädagogen in Rom und Wiesbaden wieder aufnahm.
Als Sopranistin dürfte Liza Lehmann im Konzertfach sehr begabt gewesen sein, denn es wird von einem Auftritt der 25-Jährigen mit den Berliner Philharmonikern unter der Stabführung von Joseph Joachim mit einem Händel-Brahms-Massenet-Programm berichtet. Keine Geringere als Clara Schumann wurde auf Liza aufmerksam, holte sie für drei Wochen nach Frankfurt, wo sie gemeinsam an der Interpretation von Liedern arbeiteten. Liza Lehmann wurde bald zu einer fixen Größe im Londoner Konzertbetrieb, wo sie das Publikum mit Musik von der englischen Renaissance über Romantik bis zu Populärerem begeisterte.
Infolge einer Grippe verlor Liza vorübergehend ihre Stimme und war heilfroh, als sie am 14.7.1894 nach einem Abschiedskonzert dem Konzertbetrieb Lebewohl sagen und sich von nun an ganz der Komposition, ihrer eigentlichen Berufung, widmen konnte. Dazu passte, dass Liza Lehmann am Lande ganz in Harmonie mit den Interessen ihres Mannes, der sich ebenfalls der Komposition, dem Schreiben und der Miniaturmalerei verschrieben hatte, lebte. Zudem pflegte Liza mit der Komponistin Maude White eine enge, sich beidseitig künstlerisch befruchtende Freundschaft.
Ein 22 Lieder-Zyklus „In a Persian Garden“ für vier Stimmen und Klavier wurde 1896 publiziert. Zwei Titel daraus, ‚Ah! Moon of my Delight‘ und ‚Ah! Not a drop‘, sind auf der vorliegenden Auswahl zu hören. Hunderte Lieder sollten folgen und bauen in der typisch britischen Gangart eines George Butterworth oder später Gerald Finzi nicht zuletzt auf eingängige Melodien in volkstümlichem Ton.
Auf dem vorliegenden Album präsentieren die französische Mezzosopranistin Lucile Richardot und ihre Pianistin Anne de Fornel 24 Songs aus den Jahren 1896 bis 1926. Humorvolle Titel wie ‚Good Morning, Brother Sunshine‘ und ‚If no one ever marries me‘ (..dann kauft sie sich halt ein Chalet, ein Eichhörchen, ein Lamm und ein Pony..) nach einem witzigen Text von Laurence Alma-Tadema weichen bald stilistisch an die englische Renaissance (‚How sweet the moonlight sleeps upon this bank‘ W. Shakespeare) bzw. bretonische Volksweisen (‚I dreamt my love was singing‘) anknüpfende Songs.
Was bei Liza Lehmanns Liedern sofort auffällt und für sich einnimmt, ist die harmonisch einfallsreiche und ausgefeilte Behandlung der Klavierparts, die bisweilen impressionistische Farbtöne anschlagen. Eine tragisch persönliche Note trifft Lehmann im Song ‚The Lily of a day‘ (Text Ben Johnson), das dem Andenken ihres mit 18 Jahren in Militärdiensten an einer Lungenentzündung verstorbenen, älteren Sohnes Rudolf gewidmet ist. Ähnlich in großer Zartheit trauerumflort erklingen ‚Love, if you knew the light‘, ‚When the shadows fall tonight, und ‚When I am dead my dearest‘. Letzteres Lied komponierte Lehmann sechs Wochen vor ihrem Tod.
Außer ihren kompositorischen Tätigkeiten sind auch ihr glühendes Engagement für die Gleichbehandlung von Künstlerinnen im Kampf gegen den absurden Gedanken, dass Frauen unfähig seien, im Abstrakten zu wirken, bezeugt. Dazu gehörte auch, dass Liza Lehmann ab März 1914 an der Guildhall School of Music Gesang zu unterrichten begann und ihre Erfahrungen in dem Manual „Practical Hints for Students of Singing“ festhielt.
Lucile Richardot, französische Mezzosopranistin mit üppig erdigem Kontraalt-Timbre in der Nachfolge einer Marilyn Horne, interpretiert diese überwiegend romantischen Lieder mit unnachahmlicher vokaler Feinzeichnung. Mit Charme und sensitivem Feeling für die in Klang gegossene Poesie berührt sie in jeder Sekunde des Vortrags. Für jeweils zwei (Duo)-Nummern hat sie sich den Bariton Edwin Crossley-Mercer (‚How sweet the moonlight sleeps upon this bank‘, ‚The beautiful Lady‘) und die Sopranistin Marie-Laure Garnier (‚The guardian angel‘, ‚The Lily of a day‘) ins Boot geholt. Die Geigerin Manon Galy spielt gemeinsam mit Anne de Fornel eine Transkription des Liedes ‚Ah! Moon of my delight‘ für Violine und Klavier.
Fazit: Das vorliegende Album erlaubt sowohl eine intensive Beschäftigung mit der außergewöhnlichen Person (Texte in französischer und englischer Sprache) als auch der vielschichtigen Musik von Liza Lehmann. Sanglich und von der einfühlsamen Begleitung her gibt das Album schillerndes Zeugnis davon, was der Gattung Lied an zahllosen melodisch intimen Facetten noch abzugewinnen ist. Zahlreiche Weltersteinspielungen.
Hinweis: In der verdienstvollen Reihe „La Boîte á Pépites“ sind bereits lohnende Alben der Komponistinnen Rita Strohl, Charlotte Sody und Jeanne Leleu erschienen.
Dr. Ingobert Waltenberger