CD: Leonardo García-Alarcón La Passione di Gesù Alpha Classics, Alpha1211
Passion à la Argentina

Wer geglaubt hat, die Gattung des Oratoriums sei nach den Großtaten des achtzehnten Jahrhunderts in musealer Starre erstarrt, sieht sich nun eines Besseren belehrt. Leonardo García-Alarcón, der argentinische Magier am Pult und am Cembalo, legt mit seiner Komposition La Passione di Gesù ein Werk vor, das den Hörer nicht nur fordert, sondern ihn regelrecht in einen Strudel intensiver Gefühle und emotionaler Wucht zieht. Es ist keine bloße Vertonung biblischer Verse, sondern eine kluge, mitunter humorvoll-ironische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Verrats. Dieses spannende Werk ist nun als Doppel-CD bei Alpha Classics erschienen
Dabei dient das apokryphe Judasevangelium – bekannt geworden durch den 1976 in Ägypten gefundenen Codex Tchacos – als roter Faden durch ein musikalisches Labyrinth, das García-Alarcón gemeinsam mit dem Librettisten Marco Sabbatini erdacht hat. Hier ist Judas nicht der schurkische Sündenbock der Heilsgeschichte, sondern der treueste Gefährte, der das schwerste Opfer bringt: den Rufmord der Jahrtausende auf sich zu nehmen, um die Erlösung überhaupt erst zu ermöglichen. Diese theologische Volte spiegelt sich in einer Partitur wider, die ständig Haken schlägt und den Zuhörer mit einer Rätselhaftigkeit konfrontiert, die direkt aus den Erzählungen eines Jorge Luis Borges stammen könnte.
Musikalisch erweist García-Alarcón seinem großen Idol Johann Sebastian Bach die Ehre, ohne ihn plump zu kopieren. Die Fuge und der Kanon sind die Grundpfeiler dieses Werkes, doch der Komponist weitet diese strengen Formen mit einer großen Spielfreude aus. Er mischt die Epochen mit einer Souveränität, die jegliche Puristik im Keim erstickt. Wenn die Theorbe auf das Bandoneon trifft, entsteht kein modischer Mischmasch, sondern eine völlig neue, spirituelle Klangwelt. Das Bandoneon, das einst in deutschen Dorfkirchen die Orgel ersetzen sollte und später in den Hafenkaschemmen von Buenos Aires Karriere machte, fungiert hier als Scharnier zwischen dem Sakralen und dem Profanen. Es atmet, klagt und jubelt wie eine menschliche Stimme.
Die Besetzung liest sich wie ein Gipfeltreffen der Alte-Musik-Elite. Das Ensemble Cappella Mediterranea und der Chœur de Chambre de Namur agieren mit einer Hingabe, die jeden Takt mit Leben füllt. Besonders hervorzuheben ist Julie Roset als Engel: Wenn sie in „Il sospiro“ in die Stratosphäre ihrer Sopranstimme aufsteigt, steht die Zeit für einen Moment still. Ihre strahlende Höhe wirkt nie forciert, sondern leuchtet wie ein Fixstern über der komplexen polyphonen Struktur des Orchesters. Auch Mariana Flores als Maria Magdalena verleiht ihrer Rolle eine Sinnlichkeit und Würde, die den Frauen in dieser Passionsgeschichte den Platz einräumt, der ihnen in der offiziellen Kirchenhistorie oft verwehrt blieb.
Andreas Wolf als Christus und Victor Sicard als Judas liefern sich ein psychologisches Duell auf Augenhöhe. Ihre Dialoge sind geprägt von einer Intimität, die weit über das übliche Pathos religiöser Werke hinausgeht. Hier menschelt es gewaltig – und genau das macht diese Aufnahme so nahbar. Man spürt, dass García-Alarcón für Menschen komponiert hat, die er kennt, deren Atempausen und stimmliche Vorlieben er in die Noten eingearbeitet hat. Das ist Musikhandwerk im besten, barocken Sinne.
Die Aufnahmetechnik bei Alpha Classics wagt ein mutiges Experiment: Während das Orchester eine beeindruckende Breite einnimmt, wird der Chor oft in eine räumliche Distanz gerückt, die an die Akustik großer Kathedralen erinnert. Die Solisten hingegen stehen dem Hörer so nah, als würden sie ihm ihre Geheimnisse direkt ins Ohr flüstern. Das mag im ersten Moment ungewohnt wirken und manchen Hörer irritieren, dient aber konsequent der dramaturgischen Idee des Labyrinths: Man verliert die Orientierung, nur um sie in einem strahlenden Choral wiederzufinden.
García-Alarcón nutzt Texte vom Hohenlied Salomos bis hin zu Pier Paolo Pasolini, um den Bogen in unsere Gegenwart zu schlagen. Pasolini, der missverstandene Provokateur, dient hier als moderne Entsprechung des Judas. Solche Querverbindungen zeugen von einer geistigen Beweglichkeit, die in der heutigen Klassiklandschaft oft schmerzlich vermisst wird. Es ist ein Werk, das die Geschichte der Musik in sich aufsaugt und mit einem argentinischen Augenzwinkern neu ausspuckt.
Wer sich auf diese zweistündige Reise einlässt, sollte bereit sein, seine Hörgewohnheiten an der Garderobe abzugeben. Es gibt hier keine billigen Effekte, sondern eine ernsthafte Suche nach Wahrheit in der Kunst des Kontrapunkts. Dass dies am Ende ungemein berührt und sogar unterhält, liegt an der schieren Begeisterung aller Beteiligten. Leonardo García-Alarcón hat bewiesen, dass man die alten Meister am besten ehrt, indem man ihren Geist in die Freiheit entlässt – oder besser gesagt: indem man ihn in einem neuen, wunderbaren Labyrinth tanzen lässt.
Dirk Schauß, im März 2026
Leonardo García-Alarcón
La Passione di Gesù
Alpha Classics, Alpha1211

