CD: Kurt Atterberg: Aladin • Staatsorchester Braunschweig, Jonas Alber
Weltersteinspielung

Märchenoper aus gar nicht märchenhafter Zeit
Mit coronabedingter Verspätung veröffentlicht das Label cpo den Premieren-Mitschnitt (11. März 2017) Kurt Atterbergs Märchenoper «Aladin» (Staatstheater Braunschweig).
Der am 12. Dezember 1887 in Göteborg geborene Kurt Atterberg erhielt schon als Kind Klavier- und Cello-Unterricht. Mit 18 unternahm er erste Kompositionsversuche. Auf Drängen seines Vaters schrieb sich Atterberg, der eigentlich Musikwissenschaft studieren wollte, für das Studium der Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Stockholm ein. Musik war Atterberg ein Bedürfnis und so besuchte er «nebenbei» Vorlesungen und Seminare der Musikwissenschaft und brachte sich das Komponieren durch das Hören von Konzerten und Studium von Partituren selbst bei. Mit der Sinfonie Nr. 3 in D-Dur op. 10 «Västkustbilder» («Bilder der Westküste»; 1914–1916) gelang dem Komponisten der Durchbruch. In der Zwischenkriegszeit entwickelte sich Atterberg zum führenden Komponisten Schwedens, hatte Kontakt mit zahlreichen in- und ausländischen Dirigenten, Musikern und Künstlern, betätigte sich als Musikkritiker (1919-1957) und hatte zahlreiche Ämter inne (1924-1947: Präsident der Vereinigung schwedischer Komponisten). Das Verhältnis zu den Nationalsozialisten wurde dem Komponisten, der neben Schweden vor allem in Deutschland erfolgreich war, nach dem Krieg zum Verhängnis. Atterberg war bereit das Regime billigend und kritiklos hinzunehmen, wenn es dem eigene Erfolg diente. Und als nationalkonservativer Komponist, der avantgardistischen Strömungen gegenüber abgeneigt war und den in Deutschland geschätzten «nordischen Ton» vertrat, war er, auch wenn nie den Organisationen beigetreten, ein begehrter Mann. Auch wenn Atterbergs Kontakte zu Deutschland nach dem Krieg untersucht und der Komponist freigesprochen wurde, wurde er den Makel des Kollaborateurs nicht mehr los und vereinsamte und verbitterte zunehmend. Amt um Amt musste er abgeben und wurde 1968 vom Patentamt zwangspensioniert. Ohne seine Memoiren beenden zu können starb Atterberg am 15. Februar 1974 in Stockholm.
Eine erste Erwähnung des Projekts «Aladin» datiert aus dem August 1936.Bei einem Aufenthalt im oberbayerischen Farchant und Garmisch lernte Atterberg seine späteren Librettisten Bruno Hardt-Warden (1883-1954) und Ignaz Michael Welleminsky (1882-1942) kennen. Bedingt durch Atterbergs immenses Arbeitsaufkommen und den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dauerte es bis zur Beendigung der Partitur am 28. Januar 1941 fast fünf Jahre. Zu Atterbergs Makel des Kollaborateur dürfte beigetragen haben, dass er bereitwillig dem Vorschlag des Regimes folgte, den Namen des jüdischen Librettisten Welleminsky nicht mehr zu nennen. Für die mässig erfolgreiche Uraufführung Aladins im Rahmen der Nordischen Musiktage am 18.03.1941 in Stockholm musste das Libretto ins Schwedische übersetzt werden. Sieben Monate später fand die deutsche Erstaufführung in Chemnitz statt.
Für das Libretto haben die Librettisten Hardt-Warden und Welleminsky Motive aus dem Märchen ausgewählt und neu arrangiert. Aladin ist gefangen von der Schönheit und Pracht der Prinzessin Laila. Lailas Auftreten wird regelrecht inszeniert: Alle müssen von der Strasse fliehen, wenn sie sich auf dem Weg zum Hamam macht. Die Regel ist hart und besagt, dass der, der Laila unverschleiert erblickt, mit dem Tode bestraft wird. Doch Aladin kann nicht anders – er wirft sich der Schönen zu Füßen, und es geschieht, was niemand erwartet hat: Beide verlieben sich ineinander. Aladin wird von der Palastwache festgenommen, weil es ja verboten ist, Laila zu begegnen. Ein blinder Bettler tritt auf und prophezeit dem Grosswesir Muluk, der wie Aladin auch der Faszination der schönen Prinzessin, der Tochter des Sultans von Samarkand, erlegen ist: Wenn Du Aladin freilässt, werde ich dich in ein unterirdisches Schatzgewölbe führen, wo eine ewige Wunderlampe brennt. Die Lampe hat die Eigenschaft, ihrem Besitzer alle Wünsche zu erfüllen. Es kommt zum Happy-End, Muluk stirbt durch das Licht und Leila und Aladin kommen zusammen.
Michael Ha gibt die Titelfigur mit strahlend-hellem, kräftigen Tenor, befähigt zu heldischer Attacke. Frank Blees ist mit prächtigem Bass ein würdiger Nazzredin, Sultan von Samarkand. Solen Mainguené singt die Prinzessin Laila mit feinem, farbenreichem, perfekt geführtem Sopran. Oleksandr Pushniak singt den Großwesir Muluk mit prächtigem Charakter-Bariton, Selçuk Hakan Tıraşoğlu den blinden Bettler Dschababirah mit hellem, ausgesprochen agilem Bass. Justin Moore als Muluks Freund Balab und 1. Ausrufer, Patrick Ruyters als Muluks Freund Derim und 2. Ausrufer, Yuedong Guan als 1. Moslem und Franz Reichetseder als 2. Moslem
Das Staatsorchester Braunschweig unter musikalischer Leitung von Jonas Alber bringt die hochromantische Partitur Atterbergs farbenfroh mit manchmal etwas gar behäbigen Tempi zum Klingen. Tadellos der von Georg Menskes einstudierte Chor des Staatstheaters Braunschweig.
Eine lohnende Entdeckung abseits ausgetretener Repertoire-Pfade!
03.07.2023, Jan Krobot/Zürich

