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CD JOSEPH HAYDN „“L’ISOLA DISABITATA“ – Akademie für Alte Musik Berlin; BERNHARD FORCK; Pentatone

23.08.2021 | Allgemein, cd

CD JOSEPH HAYDN „“L’ISOLA DISABITATA“ – Akademie für Alte Musik Berlin; BERNHARD FORCK; Pentatone

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Wer wissen will, warum Haydns Opern nicht für die Bühne taugen, nehme als Beispiel die Azione teatrale in zwei Teilen auf Worte des Textbuch-Fließbandproduzenten Pietro Metastasio „L’Isola disabitata“. Nach einer beschwingten sieben Minuten dauernden Ouvertüre müssen erst einmal 10 Minuten trotz sorgfältiger Details kaum interessanter Rezitative absolviert werden, bevor die erste Arie der Costanza mit Dreidreiviertel-Minuten beim Hörer einen stoßseufzenden Befreiungsschlag auslöst. Der dauert allerdings auch nur relativ kurz, denn an diese Arie – ein pathetisches Largo – schließen wieder zwei Rezitative mit über sechs Minuten Geduldsprobe an. Gähnen ohne Ende.

Dabei hat der CD-Konsument noch das Glück, all diese Null-Acht-Fünfzehn Rezitative überspringen zu können, um halt die teils wirklich schönen und originellen Arien zu genießen. Zumal auf dieser technisch fein aufgenommenen Studioproduktion aus der Jesus-Christus-Kirche aus Berlin Dahlem vom September 2020 koloraturreich und höchst animiert tiriliert wird: Anett Fritsch als Costanza, Sunhae Im als Costanzas jüngere Schwester Silvia (bedeutet übrigens Herrin des Waldes) , Krystian Adam als Costanzas Ehegespons Gernando und André Morsch als Enrico, Gernandos Kumpel, geben eine exzellente Besetzung ab. Sie ist derjenigen der ältesten Studio-Konkurrenzeinspielung aus dem Jahr 1977 mit dem Kammerorchester Lausanne unter Antal Dorati mit Norma Lerer, Linda Zoghby, Luigi Alva und Renato Bruson mindestens ebenbürtig. Bernhard Forck mit der Akademie für Alte Musik Berlin dürfen ohnedies als ideal für dieses Repertoire gelten.

Was für ein Plot: Haydns „Wüste Insel“ ist halbtragisch skurril und exzentrisch exotisch zugleich. Verrückter ist nur noch die von Buonafede so geglaubte „Il mondo della luna“.

Offenbar gab es damals schon heftige Stürme. Denn das Schiff, auf denen unsere vier Protagonisten unterwegs zu den Westindischen Inseln waren, musste auf einer verlassenen Insel landen. Während Costanza und Silvia (damals noch ein kleines Kind) in einer Grotte relaxten, wurden Gernando samt Gefährten von Seeräubern verschleppt. Costanza nimmt aber irrwitziger Weise an, dass ihr Gatte sie – der armen Ariadne gleich – wegen einer anderen verlassen hätte. Das war dreizehn Jahre her, bevor die Oper beginnt.

Nun scheint es den beiden Frauen auf dem paradiesischen Eiland gut zu gehen. Die clevere Silvia versteht gar nicht, warum ihre Schwester Männer, die sie als grausame Geschöpfe tituliert, tränenreich vermisst. Ein Schiff mit Gernando und Enrico an Bord nähert sich mit geblähten Segeln. Silvia versteckt sich sicherheitshalber einmal. Grausam findet sie den Typen nicht, den sie erblickt. Und Frau kann er auch nicht sein, weil er keine Kleider trägt. Dafür füllt sich ihr Herz mit Hitze, als sie diesen Enrico trifft.

Als Gernando eine Inschrift findet, auf der Costanza melodramatisch ihren Freitod ankündigt (ohne ihn natürlich in die Tat umzusetzen), geraten die Dinge endlich in Bewegung. Alle tauchen von irgendwoher auf. Enrico verliebt sich ebenfalls in die schöne Silvia, Gernando bekommt nach einer gehörigen Kopfwäsche seine Costanza wieder. Im Schlussquartett „Sono contenta appieno….Andiamo le vele al vento, andiamo a giubilar.“ wehen die Segeln als Kontrast zur g-Moll Ouvertüre im Winde des allgemeinen Glücks. Mit Althörnern und Pauken garniert.

Fast vierzig Vertonungen soll es von diesem Libretto über diese spezielle Robinsonade geben. Zum Lachen und zum Weinen, gibt es genügend Gelegenheit für eine ironische Weltbetrachtung, Natur und Zivilisation, spontane Liebe gegen Irrungen und Wirrungen einer Ehe. Ganz aufschlussreich ist die Anekdote über die erste Silvia Luigia Polzelli, die Till Gerrit Waidelich im Booklet erzählt: „Haydn wollte für seine Darstellerin der Silvia, mit der ihn seit 1780 eine langjährige Affäre verband, (sowie vielleicht ein gemeinsamer Sohn) eine besonders attraktive und anspruchsvolle Rolle gestalten. Ob sie jedoch mit ihrer Mezzo-Tessitura auch die höhen der Silvia souverän meisterte, ist keineswegs sicher. Nachdem sie bereits als 19-jährige ein zweijähriges Kind hatte, war sei auch bei der Premiere der Isola wieder schwanger und musste bei der Wiederaufnahme im Frühjahr durch eine Kollegin ersetzt werden.“

Jetzt wissen wir, warum es diese Oper gibt. Die neue Aufnahme ist musikalisch untadelig, die elendiglich langen Rezitative (insgesamt 36,77 Minuten von 80,55 Spielzeit insgesamt) stellen die Geduld des Hörers allerdings gehörig auf die Probe.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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