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CD JOHANNES BRAHMS – Symphonie Nr. 1, Tragische Ouvertüre – KIRILL PETRENKO leitet die BERLINER PHILHARMONIKER; Berliner Philharmoniker Recordings

21.11.2025 | Allgemein, cd

CD JOHANNES BRAHMS – Symphonie Nr. 1, Tragische Ouvertüre – KIRILL PETRENKO leitet die BERLINER PHILHARMONIKER; Berliner Philharmoniker Recordings

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Was haben Kirill Petrenko und Fritz Steinbach gemeinsam? Beide hatten musikalische Spitzenpositionen in Meiningen inne. Steinbach war ab 1886 Hofkapellmeister als Nachfolger von – ungeachtet des kurzen Intermezzos von Richard Strauss – Hans Bülow, der wiederum 1887 erster Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wurde. „Mit ihm übernehmen die Philharmoniker innerhalb kürzester Zeit die Meininger Interpretationsansätze, Qualitätsstandards und das bewährte Repertoire“, weiß Autorin Maren Goltz in ihrem Aufsatz „Musikalischer Kulturtransfer als Erfolgsmodell: die Meininger Hofkapelle und die Berliner Philharmoniker“ zu berichten. Kirill Petrenko war 1999 bis 2002 Generalmusikdirektor der Meininger Hofkapelle am Meininger Theater.

Brahms selbst kam 1881 nach Meinigen. Herzog Georg II., dessen den Komponisten besonders umsorgende Ehefrau Ellen von Heldburg und Bülow luden ihn ein. Brahms war ab da an 15 Jahre lang eng dem Meininger Hof und der Musikszene als eine Art „Artist in Residence“ in produktiver Schaffenskraft, natürlich auch als konzertierender Pianist und Dirigent u.a. seiner eigenen Werke, verbunden. In diese Zeit fiel das Engagement des jungen Fritz Steinbach, ein Probenberserker und Brahms-Verehrer der Sonderklasse. M. Goltz: „Steinbach gelingt es, eine eigene Interpretationstradition zu begründen. Die suggerierte authentische Verbindlichkeit lässt ihn als ‚Propheten‘ des brahmsschen Werkes bzw. als ‚Brahms-Apostel‘ erscheinen.“

Und auf Steinbachs von Brahms übernommene Aufführungshinweise, die Walter Blume später in „Brahms in der Meininger Tradition“ festhielt, baut Petrenkos Annäherung an Brahms auf. In Blumes als Kernpunkte bezeichneten Interpretationsansätzen finden sich Flexibilität des Tempos, feines elektroskopisches Gefühl für Tempo-Modifikationen, metrische Nuancen durch wechselseitiges Taktieren, klare Akzentuierungen zur Verdeutlichung von Brahms’ wütendem Kampf gegen den Taktstrich und die Hervorhebung motivischer Einheiten. Alles treffliche Zuschreibungen, die sich auch in Petrenkos Lesart wiederfinden.

Das alles ist musikhistorisch von großem Interesse, aber sagt noch nicht alles darüber aus, wie sich das Ergebnis als sich schließender Kreis von Meinigen nach Berlin nun präsentiert. Die Aufnahme der Ersten Symphonie in c-Moll, Op. 68, entstammt einer Konzertreihe zur Saisoneröffnung 2025/26 vom 17.-19-September in der Berliner Philharmonie, diejenige der „Tragischen Ouvertüre“ in d-Moll, Op. 81, Pendant zur Akademischen Festouvertüre („die eine weint, die andere lacht“) einer Konzertreihe vom 14.-16. Februar 2024.

Nach dem Anhören finde ich Kai Luehrs-Kaisers Befund interessant, der in der ARD-Sendung „Meine Musik“ vom 23.09.2025 festhielt, dass die Berliner Philharmoniker bei Brahms „Erster“ noch einmal zum ‚Karajan-Orchester‘ geworden sind. Obwohl die Klangvorstellungen und Temperamente der beiden Maestri doch sehr unterschiedlich sind.

Kirill Petrenko, der vor allem bei Beethoven (vor allem 9. Symphonie) nicht immer emotional frei schien, hat nun eine echte Geschmeidigkeit im unverwechselbaren, muskulös sehnigen Klang des Orchesters gefunden. Im Gegensatz zu den Wiener Philharmoniker finden wir bei Petrenko keine sinnenbetörende Opulenz, im Gegensatz zu den Einspielungen mit Kammerorchestern (Robin Ticciati, Paavo Järvi) weniger federnde, kontrastreich artikulierte Elastizität. Wie vom Erdboden verschluckt scheint hingegen alle Furcht, eine sterile „Internationalisierung“ des Orchesterklangs könnte greifen.

Petrenko pflegt mit diesem „Brahms“ eine nonchalante Präzision eher als eine eherne Strenge, als auch die Freiheit, im Einvernehmen mit dem Orchester Tempi organisch zu formen, die Balance der Stimmgruppen und Instrumentalfarben (welch herrlich tabakduftendes Holz, welch silberpoliert glänzenden Geigen) im Sinne des historischen Wissens nach eigenem Maßstab zu montieren und sich an den polyphonen Vertracktheiten wie der klassisch romantisierenden Orchestersprache der Brahms’schen Invention mit Bedacht zu erlaben. Zu Petrenko, dem Animator wie nüchtern Artikulierenden, auf einen stromschnellen musikalischen Fluss bedachten Maestro, kommt Petrenko, der – jeglichem Monumentalismus abhold – Impulsive und tektonisch Zielstrebige, der sein Orchester und seine Kunst gerade im so gefährlichen klassischen Repertoire erst nach und nach Spannung und Drive gewinnen lässt. Das ist gewöhnungsbedürftig, legitimiert sich aber vom Ende her auf das Natürlichste.

A propos Karajan: Bald wird es eine weitere Vergleichsmöglichkeit geben: In der Box „Herbert von Karajan & die Berliner Philharmoniker Vol.2 – Live in Berlin 1970-1979“ auf 20 SA-CDs“ werden die Zweite Symphonie von Johannes Brahms und dessen „Konzert für Violine, Violoncello und Orchester“ in a-Moll op. 102 in bislang unveröffentlichten Live-Mitschnitten (voraussichtlich ab Ende Jänner 2026 erhältlich) publiziert werden.

Was noch wichtig ist? Im Booklet der Edition ist viel Wissenswertes über die Entstehung der Symphonie und die auf Berlin abfärbende Meininger Orchesterkultur zu lesen (Essays von Maren Goltz und Peter Gülke).

https://www.berliner-philharmoniker-recordings.com/petrenko-brahms.html

Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko Dirigent

Johannes Brahms: Tragische Ouvertüre d-Moll op. 81, Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68

Begleitbuch, Hardcover, 88 Seiten

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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