CD JOHANN SEBASTIAN BACH: Französische Suiten mit FRANCESCO TRISTANO auf einem modernen Yamaha Flügel, naïve
Bach-Wagnis „intothefuture“, viertes Album: Strukturell klar, kontrapunktisch kristallin, rhythmisch pointiert

Nicht nur die Tempi sind ungewöhnlich: Braucht etwa Richard Egarr für seine Einspielung bei harmonia mundi für den zwischen 1722 und 1725 entstandenen Suiten-Zyklus an die 98 Minuten, so ist das Abenteuer dieser so urwüchsig archaischen Suiten bei Francesco Tristano nach 72 Minuten wieder vorbei. Ein Zeitunterschied, der teils auch auf den Verzicht von Wiederholungen zurückzuführen ist.
Was besonders auffällt, ist, dass der luxemburger Musiker Bach diesen Suiten mit unterschiedlichen Sätzen wie Allemande, Courante, Sarabande, Gavotte, Bourrée, Gigue, Loure, Menuet, Air auf dem obertonreich licht gestimmten Yamaha wenig tänzerischen Elan zugesteht. Bach hat nach dem logischen Dafürhalten Tristanos die Tanzformen stilisiert und nicht als ureigene Tanzmusik angelegt.
Tristano belebt die Idee einer unendlichen Melodie mal kantig, mal mit dem für Bach so typisch synkopierten Groove. Natürlich verzichtet Tristano nicht auf Charme, Liebreiz und Flow in den melodisch langsamen Sätzen. Mit Verzierungen und Ornamentierungen geht er sparsam um, das heißt, er fügt keine eigenen zu den von Bach ursprünglich notierten hinzu. Besonders flott inszeniert Tristano die Courante- und Gigue-Sätze. Als Kontrast dazu zelebriert Tristano die schwebschrittigen Sarabandes in völliger stoischer Ruhe. So, als fiele jeder Ton aus den Sternen, traumumflort bis melancholisch von bläulichem Schimmer umhüllt.
Stilistisch lässt seine Interpretation kaum Parallelen zu historischen Vorbildern zu. Unbeschadet der Tatsache, dass Francesco Tristano an der Juillard School in New York studierte und eine Masterclass bei der legendären Rosalyn Tureck besuchte, ist sein Anschlag überwiegend von quellklar umrissenen Tönen geprägt. Das lässt bisweilen an Glenn Gould denken. Die gläserne Transparenz hinterlässt einen architektonisch eigenwilligen Eindruck von Intimität und Nüchternheit zugleich.
Die sogenannten sechs „französischen Suiten“, die mit dem Wort ‚französisch‘ in keinem inhaltlichen Zusammenhang stehen und deren Beiname auf eine allgemeine Bezeichnungssucht des 19. Jahrhunderts zurückgeht, werden selten aufgeführt und im Vergleich zu den beliebteren, weil bewegteren „Englischen Suiten“ noch weniger oft aufgenommen.
Bach hat sie wahrscheinlich als pädagogische Vorlagen für die vielen Anwärter auf musikalische Studien und Übungen seiner Familie konzipiert. Sie klingen in der Lesart von Francesco Tristano tatsächlich wie Kinder eines barocken Minimalismus, wenn es so etwas gäbe, reduziert, zyklisch gedacht und nicht virtuos auftrumpfend. Insgesamt zeichnen meditative Schönheit und Gelassenheit Tristanos Spiel aus. Der Dialog zwischen der erstaunlichen Modernität Bachs und zeitgenössischer Musik interessiert ihn jedenfalls mehr als ein Remix der Werke Bachs an sich.
Das Album bildet den vierten Wegabschnitt eines großen Projektes des Pianisten, genannt „intothefuture“ bei naïve. Im Rahmen dieses 2022 in Japan gestarteten, groß angelegten Rahmens will Tristano alle Werke Bachs für Tasteninstrument (Cembalo) aufnehmen. Aber nicht nur das, Tristano mischt auch beim Artwork von CD-Hülle und Booklet (in englischer, französischer, spanischer und japanischer Sprache) mit. So ziert kein Foto des Pianisten das Cover, sondern der Fotograf Breno Rotatori hat in sechs Schwarz-Weiß-Aufnahmen von unbelebten Motiven aus „Himmel und Erde“ in monochromer Ästhetik die Seele der Musik zu visualisieren versucht.
Anmerkung: Der heute in Barcelona lebende Francesco Tristano spielt die überarbeitete Fassung der Suite Nr. 6 BWV 817, die er mit dem Präludium in E-Dur aus dem ersten Teil von „Das Wohltemperierte Klavier“ startet.
Dr. Ingobert Waltenberger

