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CD JOACHIM RAFF: WELT–ENDE – GERICHT – NEUE WELT, Oratorium nach Worten der heiligen Schrift zumal der Offenbarung Johannis, Op. 212; cpo

03.04.2024 | Allgemein, cd

CD JOACHIM RAFF: WELT–ENDE – GERICHT – NEUE WELT, Oratorium nach Worten der heiligen Schrift zumal der Offenbarung Johannis, Op. 212; cpo

Mitschnitt des Jubiläumskonzerts aus dem Gewandhaus Leipzig vom 6.6.2022 aus Anlass des 200. Geburts- und des 140. Todestages des Komponisten

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Der längeren Eiszeit in Bezug auf Joachim Raffs kompositorischen Schaffens im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wirken u.a. die Labels cpo, Naxos und Sterling seit geraumer Zeit erfolgreich entgegen. Kaum zu glauben, dass der deutsche Romantiker um die 1870-er Jahre einer der meist gespielten Sinfoniker Europas war. In der nun umfangreichen Diskografie findet sich Erquickliches an Kammermusik (Streichquartette, Klaviertrios, Sonaten, Werke für Klavier solo), Symphonien, Suiten, an Konzerten, Chorwerken und Liedern, aber auch die lyrische Oper „Benedetto Marcello“.

2022 hat Gregor Meyer das doppelte Jubiläum des Komponisten zum Anlass genommen, gemeinsam mit dem GewandhausChor und der von ihm seit 2009 geleiteten camerata lipsiensis mit den Solisten Marie Henriette Reinhold (Stimme von oben, Mezzosopran) und Andreas Wolf (Evangelist Johannes, Bariton) das letzte der qualitätsvollen Werke Raffs, nämlich das Oratorium “Welt-Ende – Gericht – Neue Welt“ erstmals im Leipziger Gewandhaus aufzuführen. Der Mitschnitt ist jetzt auf CD erschienen. Anm.: 2022 wurden auch seine Opern „Die Eifersüchtigen“ (3.9., Arth) und „Samson“ (11.9., Weimar, Regie Calixto Beito) posthum uraufgeführt.

Im schweizerischen Lachen geboren und aufgewachsen, verbrachte der streitbare Kritiker, Publizist, Autodidakt, Klavierlehrer und kompositorisch überaus fruchtbare Raff sein künstlerisches Leben in Köln, Stuttgart (wo er auf seinen Förderer Hans von Bülow traf), Hamburg, Weimar (da durfte er als persönlicher Sekretär für den bewunderten Franz Liszt so manche Instrumentierungsarbeit leisten) und Wiesbaden. Ab 1878 erfüllte er die Funktion eines Direktors des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main. Raff holte Clara Schumann als Pädagogin und richtete die erste Kompositionsklasse für Frauen ein.

Der freundlichen Einladung Felix Mendelssohn-Bartholdys nach Leipzig zu folgen, stand zwar der frühe Tod des Kollegen und Gewandhauskapellmeisters entgegen. Aber die stilistische Nähe gerade des vorliegenden Oratoriums zu Mendelssohns Spitzenschöpfungen des Genres sind in der Chor- und Choralbehandlung unüberhörbar. Überhaupt steht Raffs in vielerlei Hinsicht harmonisch und instrumental interessantes Werk in einer direkten Linie von Bach, Händel, Haydn („Die Schöpfung“) über Brahms („Ein deutsches Requiem“) bis zu Franz Schmidts „Das Buch mit sieben Siegeln“.

Das katholische Oratorium “Welt-Ende – Gericht – Neue Welt“ auf deutsche Bibeltexte und eigene Worte des Joachim Raff, in drei Teile und 36 Nummern unterteilt, zerfällt in der Abtheilung „Welt-Ende“ noch in die Kapitel ‚Vision des Johannes‘, ‚Die apokalyptischen Reiter‘, ‚Frage und Dank der Märtyrer‘ sowie ‚Letzte Zeichen in der Natur und Verzweiflung der Menschen‘.

Neun instrumentale Intermezzi und ein Vorspiel (u.a. mit den Bezeichnungen Die Pest, Der Krieg, Der Hunger, Tod und Hölle, die Letzten Zeichen, grandios: Die Auferstehung) belegen den verdammnisdunklen und erlösungshoffenden Doppelcharakter des Stücks; sie weisen formal auf Parallelen zu Liszts Oratorium „Christus“ hin. Wie der Raff-Forscher und Leiter des Joachim Raff Archivs Severin Kolb festhält, schließt Raff an die gestenreiche barocke Figurenlehre an und arbeitet mit Wagner’schen Leitmotiven, wie Gottesoffenbarungs-, Todes- und Höllenmotiv. „Raffs letztes Werk, das mit dem ‚Wilhelminismus‘ zwar Zeitgenossenschaft, aber kaum eine geistige Verwandtschaft teilt, erscheint als ein gewollt disparates, gebrochenes Werk im Zeichen der Synthese.“

In die „Neue Welt“ werden Kenner des Brahms „Requiems“ auf den ebenda verkomponierten Text „Die Erlöseten des Herrn werden kommen, kommen mit Jauchzen, ewige Freude wird über ihrem Haupte sein“ (Nr. 35, Chor) stoßen.

Die interpretatorische Seite des Ehrenrettungs-Unterfangens kann als professionell und überaus solide bezeichnet werden, wobei der traumhaft balsamisch timbrierte Bariton von Andreas Wolf, die üppig orgelnde Marie Henriette Reinhold und das Orchester besonders hervorzuheben sind. Dem technisch und klanglich exzellierenden Chor mangelt es eklatant an Textdeutlichkeit. Wo bitte bleiben die Konsonanten? Dirigent Gregor Meyer zelebriert die harmonischen Finessen der Partitur, bisweilen vermisst man hingegen rhythmische Würze und Spannung.

https://www.youtube.com/watch?v=hGbCN5ciK4s  Trailer der Aufführung von der katholischen Pfarrkirche Heilig Kreuz in Lachen vom 26.5.2022

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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