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CD: JEAN_BAPTISTE LULLY: ARMIDE 1778 – Le Concert Spirituel, Hervé Niquet

15.09.2020 | Allgemein, cd

CD: JEAN_BAPTISTE LULLY: ARMIDE 1778 – Le Concert Spirituel, Hervé Niquet

Lully: Armide 1778 - Alpha: ALPHA973 - 2 CDs + Book or download | Presto  Classical

Die seltene Möglichkeit Wirkungsgeschichte am lebendigen Objekt zu studieren

Die von Alpha Classics vorgestellte Aufnahme von Jean-Baptiste Lullys „Armide“ bietet, zumal mindestens zwei Aufnahmen der Uraufführungsfassung auf dem Markt sind, die seltene Möglichkeit, Wirkungsgeschichte am lebendigen Objekt zu studieren.

Die Uraufführung von „Armide“, der letzten Oper, bei der Lully und der Librettist Philippe Quinault zusammenarbeiteten, fand am 15. Februar 1686 im Théâtre du Palais-Royal der Pariser Oper statt. Das Werk galt rasch als Meisterwerk der französischen Vokalmusik und Krönung der Karrieren von Lully und Quinault. Zwischen 1688 und 1766 erlebte „Armide“ acht Neuinszenierungen und war eine der tragenden Säulen des Repertoires der Académie royale de musique, der späteren Opéra. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eroberte eine neue Generation von Komponisten wie Philidor, Gossec, Grétry und später Gluck die Bühne der Académie royale de musique und revolutionierte die französische Oper.

Freizügige Umarbeitungen waren, in einer Zeit ohne historisches Aufführungsbewusstsein und ohne Autorenrechte selbstverständlich und an der Tagesordnung – auch bei Lullys „Armide“ sollten sich Instrumentalisten und Sänger von ihrer besten Seite zeigen können und so wurde das Werk mindestens 1745 und 1761 entsprechend überarbeitet.

Am 23. September 1777 fand an der Académie Royale de musique in Paris die Uraufführung von Glucks eigener „Armide“ statt – Gluck arbeitete dafür nicht mit einem neu entstandenen Libretto sondern jenem von Philippe Quinault. Für die Traditionalisten war dies ein Sakrileg und so kam es zu einem der zahlreichen Opern-Streite jener Zeit, dem zwischen Lullisten und Gluckisten. Am 1. April 1778 hatte der ehrgeizige Anne-Pierre-Jacob Devismes de Valgay die Direktion der Académie Royale de musique übernommen. Auch wenn er sich vorgenommen hatte die Sitten und Bräuche der über hundertjährigen Institution radikal in Frage zu stellen: es sollte kein Privileg für eine einzelne Musikgattung geben, also altes neben neuem Repertoire bestehen. So erhielt Louis-François Francoeur den Auftrag Lullys Partitur zu überarbeiten und wieder aufführungsfähig zu machen. 1778 war diese der einzige Weg dem Publikum das Werk zugänglich zu machen und das Erbe Lullys zu vermitteln. Da das historische Aufführungsverständnis fehlte, wären Francoeurs Eingriffe für das Publikum kein Problem gewesen. Wäre, denn wie viele andere Projekte Francoeur blieb auch dieses unvollendet, so dass die vorliegende Aufnahme der Fassung von 1778 letztlich einer Uraufführung

Der Vergleich der Armide 1778 mit der Armide 1686 zeigt, dass Francoeur alle Bereiche in die Überarbeitung miteinbezog: Melodie, Harmonie, Rhythmus, Ornamentierung und Instrumentierung. Er überarbeitete die Gesangsbegleitung, liess die Rezitative vom gesamten Orchester statt dem (zu dieser Zeit an der Académie für solche Zwecke nicht mehr gebräuchlichen) Cembalo begleiten, bereicherte die Instrumentierung durch solistische Verwendung einzelner Instrumente und verwendete auch „fremde“ Musik. Von Armide 1686 ist also wenig übrig geblieben. Umso besser kann man nun die Hörgewohnheiten zweier Jahrhunderte

Chor und Orchester Le Concert Spirituel musizieren unter ihrem Gründer Hervé Niquet einen spannenden, enorm farbenreichen Lully. Die Riege der Solisten ist mit Veronique Gens als Armide Reinoud van Mechelen als Renaud, Tassis Christoyannis als Hidraot und Hass, Chantal Santon Jeffery als Phénice und Lucinde, Katherine Watson als Sidonie, Najade und das Vergnügen, Philippe-Nicolas Martin als Aronte, Artémidore und Ubalde und Zachary Wilder als dänischem Ritter schlicht perfekt, so dass weder stimmlich noch sprachlich oder stilistisch Wünsche offen

14.09.2020, Jan Krobot/Zürich

 

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