CD JEAN-BAPTIST STUCK „POLYDORE“ – Tragédie lyrique, Paris 1720; von GYÖRGY VASHEGYI prächtig musizierte Weltersteinspielung; Glossa
Koproduktion des Haydneum, des Centre de musique baroque de Versailles und der Orfeo Music Foundation

Alte Musik boomt. In der Wiener Staatsoper ging soeben ein Monteverdi-Zyklus, zumindest musikalisch einhellig akklamiert, ins Finale, während ein All Star „Tannhäuser“ in Salzburg offenbar Teile des Publikums und der Presse gähnen ließ. An der Berliner Staatsoper Unter den Linden gibt es seit Jahren sogenannte Barocktage mit jeweils einer hochkarätigen Premiere. Im November 2023 ist dieser Termin für Marc-Antoine Charpentiers „Médée“, dirigiert von Simon Rattle, in der Regie von Peter Sellars und in Bühnenbildern des Architekten Frank O. Gehry (!) reserviert. Und die Liste kann beliebig fortgesetzt werden. Als Kürzel mögen Orte wie Beaune, Ambronay, Trondheim, Halle oder neuerdings dank der Initiative von Max Emanuel Cencic Bayreuth genügen.
Der Siegeszug von Barockopern weltweit ist auf deren musikalische Substanz, der unpathetischen Kurzweiligkeit, aber auch darauf zurückzuführen, dass in den meisten dieser Musikdramen die Schwächen und Fallstricke der Menschen, ihrer kurzsichtig dummen Intrigen gnadenlos ironisiert aufs Korn genommen und daher als wesentlich „moderner“ empfunden werden als so manch hochromantisch heroischer Schinken. Außerdem entsprechen die in vielen Barockopern herumwuselnden Zauberinnen, Drachen, Ungeheuer, Götter und Nymphen, all die Wunder und übernatürlichen Ereignisse passgenau der hippen Fantasywelt von Netflix&Co ebenso wie derjenigen von Videospielen.
Zum künstlerischen Erfolg sind die zahllosen in jahrelanger Übung geformten Spezialisten vor den Vorhang zu bitten, sei es instrumental oder vokal, die im historischen Bogenstrich wie im kunstvollen Ziergesang gewaltig reüssieren, ohne Vergleichen mit einer unwiederbringlichen Vergangenheit ausgesetzt zu sein. Also ist Vergnügen pur ohne den Kater danach zu genießen.
Initiativen aus Frankreich (Centre de musique baroque de Versailles; Bru Zane), aber auch aus Ungarn (Haydneum, Orfeo Music Foundation), gelten als Speerspitze der Phalanx, wenn es darum geht, dass Opern des 18. Jahrhunderts systematisch erforscht, editiert, aufgeführt und aufgenommen werden. Dieser erfreulichen Entwicklung verdanken wir so manch erfrischende Rarität auf der Bühne, im Konzertsaal oder im Plattenregal. Wer wünschte sich keine derartige Abwechslung, wenn sie anspruchsvoll, kunstreich und unterhaltsam gleichzeitig ist?
Heute ist von der Publikation einer bislang unbekannten Barockoper an der Bruchstelle zwischen italienischer rund französischer Operntradition zu berichten. Der aus Livorno gebürtige Jean-Baptiste Stuck, virtuoser Cellist und Komponist, wirkte zuerst in Neapel beim Grafen von Lemos, bevor er vermutlich 1705 nach Paris ging und dort seine große Karriere startete. Bezeugt ist, dass der musikbegeisterte Philipp d’Orleans ihn in seine Dienste aufnahm und Stuck 1733 die französische Staatsangehörigkeit erlangte.
Musikhistorisch wurde Stuck vor allem mit der Veröffentlichung von wegweisenden Sammlungen italienischer und französischer Kantaten berühmt. In Paris war er nach drei für die Académie Royale de Musique verfassten Opern („Méléagre“ 1709, „Manto la Fée“ 1711, „Polydore 1720“) für seine „melodische Erfindung, seine extravertierte Virtuosität und ausgefeilte Orchestrierung“ (Dratwicki) vornehmlich wieder als Cellist in der Chapelle Royal tätig. Musiktheoretisch interessant ist, dass seine Tragédie lyrique „Polydore“ als Nachzügler einer Kompositionsweise mit fünf Streicherstimmen (Dessus, Haute-contre, Taille, Quinte und Basse de violon) darstellt, während etwa Destouches und Campra schon vierstimmig geschrieben haben.
„Polydore“ basiert auf einem Libretto von Simon-Joseph Pellegrin nach einer Geschichte aus den Fünften Buch der Änais. Im Kern handelt es sich um ein politisches Stück und Liebesdrama mit einer fatalen Verwechslung und dem Selbstmord des thrakischen Königs Polymnestor am Schluss des fünften Akts. Auslöser der Geschichte ist ein Pakt zwischen dem König mit den Griechen. Der sieht vor, dass Polydore, Bruder von Polymnestors Frau Ilione, für ein Menschenopfer ausgeliefert wird. Als Ausgleich soll des Königs Sohn Déiphile die griechische Prinzessin Déidamie heiraten. Der Haken an der Sache ist, dass die Prinzen Déiphile und Polydore als Kinder fern des Hofs vertauscht wurden und Polymnestor somit seinen eigenen Sohn opfert. Den Göttern gefällt die derart arrangierte Ehe nicht. Als Ausdruck ihrer Missbilligung lassen sie die Erde bei der Hochzeit beben, Déidamie soll in ihre Heimat zurückkehren. Um das zu verhindern, zieht Polydore als thrakischer Heerführer gegen die Trojaner in den Krieg. Nach seinem Sieg ist ihm die Prinzessin sicher. König Polymnestor beschwört die Unterwelt und nimmt sich verfolgt vom Geist seines Sohnes mit seinem Schwert das Leben.
Musikalisch ist die Aufnahme hervorragend geglückt. Spannend ist, dass der im Vergleich zu künstlerisch vergleichbaren Barockensembles aus Frankreich vor allem in den Streichern dunklere Klang des ungarischen Orfeo Orchesters und der samtig sinnliche Auftritt des erstklassigen Purcell Chors der Aufnahme eine ganz eigene Note bescheren. Dirigent György Vashegyi, der für das Label Glossa hervorragende Einspielungen von französischem Repertoire, wie Rameaus „Dardanus“, „Nais“ oder „Les Indes galantes“, Mondonvilles „Isbé“ bzw. Monteclairs „Jephté“ vorgelegt hat, steht wieder ein wissendes wie edel timbriertes Solistenensemble zur Verfügung.
Besonders glücklich agieren die Kanadierin Hélène Guilmette mit ihrem sonnenorange-saftigen Sopran als ausdrucksstarke und dramatische Ilione und Tassis Christoyannis (Polydore) mit seinem flauschig bernsteinfarbenen Bass. Judith van Wanroij reüssiert als Vénus und Déidamie mit soubrettenleichtem spitzlyrischen Sopran, während Thomas Dolié die raueren Töne des unglücklichen Königs Polymnestor vorbehalten sind. Die vokale Krone aber gebührt – wie so oft – dem französischen Star-Tenor Cyrille Dubois, der in den besonders virtuosen Arien als Triton, Timanthe, Sthélenus, Thrace und Grec mit seelenvollem Vortrag berührt. In weiteren Rollen erfüllen David Witczak (Néptune, le Grand Prêtre, l’Ombre de Déiphile) und Chloé Briot die Erwartungen eines anspruchsvollen Publikums.
Dr. Ingobert Waltenberger

