CD J. S. BACH JOHANNES-PASSION – RAPHAEL PICHON und PYGMALION; harmonia mundi
Bach chorisch, instrumental und solistisch auf Traumniveau

„Das Beben der Ewigkeit: [Diese Passion] ist wie ein leuchtender Pfad, der durch unterirdische Gänge führt; wie ein Geflecht aus Drama, Finsternis und Licht, durch das alsbald die dezente Spur menschlicher Transzendenz durchschimmert.“ Pichon
Raphaël Pichon ist der bedeutendste und aufregendste Bach-Interpret der Gegenwart. Auf dem gleichen obersten Level wie die berühmten Vorgänger Nikolaus Harnoncourt, Helmuth Rilling, Ton Koopman, John Eliot Gardiner oder Philippe Herreweghe schuf Pichon mit dem 2006 als 22-Jähriger gegründeten Vokal- und Instrumentalensemble Pygmalion einen spezifisch eigenen Bach-Ton. Als Countertenor arbeitete er mit einigen der größten historisch informierten Dirigenten zusammen, u.a. mit Jordi Savall oder Gustav Leonhardt.
Pichons Schlüsselerlebnis als Sänger sei Bachs „Johannespassion“ gewesen. Mit dieser im April 2025 in der Grand Manège im belgischen Namur aufgenommenen Passion BWV 245 schließt er die großen drei Chor- Orchesterwerke Bachs auf Tonträgern ab. Nach seinen epochalen Alben “Matthäuspassion“, BWV 244 (2021/22) und „h-Moll Messe“, BWV 232 (2024/25) darf die „Johannes Passion“ als bisherige Krönung von Pichons Bach-Arbeit betrachtet werden.
Wer ihn live als Dirigent erlebt hat, biegsam wie ein Schilfrohr im Unwetter, mit erdiger Bodenhaftung und einem unbedingten Ausdruckswillen aus dem Augenblick geboren, wird das nicht so schnell vergessen. Nicht zuletzt, weil der Zuhörer jeden Moment das Gefühl hat, der Dirigent bildet mit seinen Musikern und Musikerinnen, insbesondere mit seinen Solisten, eine eingeschworene Gemeinschaft in den Diensten eines der größten Komponisten der Menschheitsgeschichte. Man atmet miteinander, erklimmt als Team die höchsten Gebirge in Technik, Dramatik, Verinnerlichung und Hingabe Schritt für Schritt, auf jedes kleinste Detail bedacht und dennoch mit Mut alle Klippen bravourös ansteuernd.
Dass Pichons Art, Bachs Johannes-Passion zu entschlüsseln, in ihrer theatralisch figurativen Grausamkeit, ihrer schmerzvollen emotionalen Direktheit bis zum tröstenden Ende (Chor „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“) mit prallem Leben und erschütterndem Mitgefühl zu erfüllen, und doch bei aller rätselumwobenen Mystik und religiösen Identifikation als sinnlich atemberaubendes Hochamt zu feiern, nicht unbemerkt geblieben ist, lässt sich schon daran ermessen, dass der Franzose von den Berliner Philharmonikern eingeladen wurde, mit ihnen Bachs „h-Moll Messe“ zu erarbeiten. Die einzigartigen Konzerte fanden vom 18. bis 20.12.2025 in Berlin statt.
Pichon bringt das einmalige Kunststück zustande, diese Passion aus der Sicht des direkten Zeugen Johannes in den Rezitativen mit aufrührerischer erzählerischer Unmittelbarkeit, den Orchesterpart als die Handlung farbenschillernd begleitende Brandung und die Chöre, Choräle als auch Arien lautmalend unter gleichzeitiger Involvierung des Publikums zu porträtieren.
Die einzelnen Kapitel der Leidensgeschichte Christi von Verrat und Gefangennahme, Verleugnung, Verhör und Geißelung, Verurteilung und Kreuzigung, Tod Jesu bis zur Grablegung erzeugen laut Pichon „eine Botschaft von ungeheurer Kraft und Form einer einzigartigen Verschmelzung von Bericht und Reflexion, Exegese und Drama, Vergangenheit und Gegenwart.“
Dabei stehen ihm mit dem langjährigen Partner Pygmalion und den großartigen Solisten, die es mit den besten der Vergangenheit aufnehmen können, vertraute und erfahrene Spitzenkräfte zur Verfügung, die einmal mehr belegen, dass es in der Welt der „Alten Musik“ keinerlei Krise des Gesangs, der Tiefe der Interpretation oder was auch immer im hochromantischen (Opern)Repertoire als Niedergang beklagt wird, gibt.
Mit dem fantastischen lyrischen Tenor Julian Prégardien als Evangelist, Huw Montague Rendall als herzergreifendem Jesus, Ying Fang (Sopran, Ancilla), Lucile Richardot (Alt), Laurence Kilsby (Tenor, Servus), Christian Immler (Bass, Pilatus) und Étienne Bazola (Bass, Petrus) ist eine Sängerschar aufgeboten, die in ihrer beispiellosen Intensität nach allem drastisch geschilderten Handlungsfortgang, inneren Konflikten sowie spirituellen Betrachtungen kathartisch bewirkt, dass wir am Ende den Triumph der Freude und des Trostes voll auskosten können.
Fazit: Eine der besten, schönsten und wichtigsten Bach-Publikationen der letzten Jahre.
Dr. Ingobert Waltenberger

