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CD: Im Schatten des großen Bach: Johann Ludwig und die Leipziger Kantaten von 1726: Capella Sollertia, Johanna Soller, musikalische Leitung Ricercar, RIC482

07.02.2026 | Allgemein, cd

Im Schatten des großen Bach: Johann Ludwig und die Leipziger Kantaten von 1726

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Leipzig, 1726. Johann Sebastian Bach war seit drei Jahren Thomaskantor, doch der große Motor seiner wöchentlichen Kantatenproduktion begann hörbar zu stocken. Erschöpfung spielte eine Rolle, sicher auch wachsende Ernüchterung über die Leipziger Arbeitsbedingungen. In dieser Phase trifft Bach eine Entscheidung, die mehr ist als bloße Notlösung: Er unterbricht seine eigene Kantatenarbeit und führt über mehrere Monate hinweg in den Hauptkirchen der Stadt eine geschlossene Serie von Werken eines anderen auf. Achtzehn Kantaten seines entfernten Cousins Johann Ludwig Bach, Kapellmeister am Hof von Meiningen, gelangen so zwischen Februar und September 1726 zur Aufführung.

Dass wir diese Musik heute kennen, verdanken wir allein Johann Sebastian. Er fertigte die Partituren größtenteils eigenhändig an und ließ umfangreiche Stimmensätze kopieren. Ohne diese Sorgfalt wäre Johann Ludwig Bach wohl weitgehend verloren. Die Leipziger Aufführungen waren kein beiläufiges Experiment, sondern ein bewusst zusammengestelltes Programm. Bach griff tief in einen ursprünglich wesentlich umfangreicheren Kantatenjahrgang seines Cousins und präsentierte ihn als zusammenhängende musikalisch-theologische Erzählung durch das Kirchenjahr. Es war zudem ein kirchenmusikalisches Statement: Indem Bach die Werke seines Cousins wählte, demonstrierte er dem Leipziger Konsistorium, dass Qualität nicht zwangsläufig in jener Überkomplexität liegen muss, an der seine Kritiker oft Anstoß nahmen. Die Aufführung dieses Jahrgangs war somit auch eine Demonstration ästhetischer Solidarität innerhalb der Bach-Familie – ein kollektives Zeugnis für einen Kompositionsstil, der die göttliche Ordnung in musikalischer Klarheit spiegelt.

Capella Sollertia legt nun bei Ricercar die erste Gesamteinspielung dieser Leipziger Kantaten vor: vier CDs, rund fünf Stunden Musik. Es ist ein Projekt von grundsätzlicher Bedeutung, nicht nur für das Repertoire, sondern für unser Bild der Bach-Familie insgesamt. Was hier erklingt, ist keine musikgeschichtliche Randerscheinung, sondern ein geschlossenes, reifes Œuvre.

Johann Ludwig Bach erweist sich als Komponist von Maß und Balance. Seine Musik ist klar disponiert, textnah und von bemerkenswerter Affektsicherheit. Er denkt in überschaubaren musikalischen Einheiten, meidet Überfrachtung und sucht nicht die große demonstrative Geste. Virtuosität ist vorhanden, aber nie Selbstzweck. Das dürfte Johann Sebastian gefallen haben. Diese Kantaten sind unmittelbar verständlich, zugleich handwerklich sauber gearbeitet und formal souverän. Ihre Stärke liegt weniger in ausgeklügelter motivischer Entwicklung als in der präzisen Setzung musikalischer Bedeutungen.

Dabei ist es faszinierend zu beobachten, wie Johann Ludwig Bach die Anforderungen des Meininger Hofes – der eine gewisse Vorliebe für italienische Klarheit pflegte – mit dem lutherischen Tiefgang kreuzt. Er ist kein Neuerer um jeden Preis, sondern ein Perfektionist der Form. Während Johann Sebastian oft die Grenzen des klanglich Machbaren austastete und seine Hörer (und Musiker) forderte, bietet Johann Ludwig eine Musik der „goldenen Mitte“, die in ihrer strukturellen Transparenz fast schon eine Vorahnung auf den galanten Stil des späteren 18. Jahrhunderts in sich trägt, ohne jemals das barocke Fundament zu verlassen.

Stilistisch bewegt sich Johann Ludwig Bach sicher zwischen italienischer Kantabilität, französischer Eleganz und einer klar protestantischen deutschen Tradition. Alles wirkt selbstverständlich integriert, nichts aufgesetzt. Die Musik „klingt Bach“, ohne epigonal zu sein. Als liefe eine gemeinsame ästhetische Haltung durch den Stammbaum. Peter Wollny weist darauf hin, dass sich Johann Sebastian und Johann Ludwig möglicherweise nie persönlich begegnet sind. Und doch hört man eine tiefe Verwandtschaft im Denken über Text, Klang und Verantwortung gegenüber der liturgischen Aufgabe.

Besonders eindrucksvoll ist Johann Ludwigs Sinn für rhetorische Zuspitzung. Der Schluss von Ja, mir hast du Arbeit gemacht (JLB 5) ist ein eindringliches Klagelamento, in dem sich Trauergestus, chromatische Spannung und formale Geschlossenheit zu einer schmerzhaften Intensität verbinden. In Denn du wirst meine Seele nicht in der Hölle lassen (JLB 21), einer festlichen Osterkantate mit Trompeten und Pauken, wird der Sieg über Tod und Teufel mit geradezu bildhafter Klarheit gezeichnet. Dass dieses Werk lange Zeit Johann Sebastian zugeschrieben wurde, ist weniger ein Irrtum als ein Kompliment. Die folgende Kantate Er ist aus der Angst und Gericht genommen (JLB 10) für den Ostermontag gehört zu den stillen Höhepunkten der Sammlung: eine weit gespannte, kontemplative Musik.

Wie bei Johann Sebastian spielen Instrumente auch hier eine tragende semantische Rolle. Oboen, Streicher und Continuo sind nicht bloß Begleitung, sondern eigenständige Erzähler. Besonders berührend gelingt dies im Zusammenspiel mit dem warmen, weich geführten Bass von Sebastian Myrus. Selbst in der Perspektive der Auferstehung bleibt Raum für Zweifel, Erinnerung und leisen Schmerz. Diese Ambivalenz macht die Musik glaubwürdig.

Die Solistinnen und Solisten überzeugen insgesamt durch Stilsicherheit und textliche Präsenz. Kleine Grenzen in der Koloratur fallen kaum ins Gewicht gegenüber der durchgehenden Sensibilität. Anna-Lena Elbert, Carine Tinney, Flore Van Meerssche und Tabea Mitterbauer bilden ein klug abgestuftes Sopranquartett mit individuellen Farben. Tinney gestaltet etwa die Arie in Darum säet euch Gerechtigkeit (JLB 4) mit natürlichem Charme und ruhiger Überzeugung. Die Tenöre Richard Resch und Michael Mogl agieren mit einer bemerkenswerten rhetorischen Wendigkeit; besonders in den rezitativischen Abschnitten verleihen sie dem Text ein Profil, das weit über bloße Korrektheit hinausgeht. Die Countertenöre William Shelton und Tobias Knaus fügen sich nicht nur organisch in das Klangbild ein, sie setzen leuchtende Akzente in den Ensemblesätzen, wobei Shelton durch eine besonders kernige, obertonreiche Projektion besticht, die den oft ätherischen Beigeschmack dieses Stimmfachs wohltuend meidet.

Johanna Soller leitet Capella Sollertia mit sicherem Gespür für dramaturgische Bögen. Man spürt, dass sie diese Musik nicht als historische Kuriosität behandelt, sondern als lebendiges Repertoire. Besonders dann, wenn Chor und Orchester miteinander verzahnt agieren, entsteht eine Atmosphäre von Wärme und gelöster Konzentration. Der Chor übernimmt bei Johann Ludwig Bach eine zentrale theologische Funktion: Er kommentiert nicht nur, sondern trägt oft den Kern der Aussage. Capella Sollertia gestaltet diese Chorpartien mit genau der richtigen Mischung aus gemeinschaftlicher Kraft und klanglicher Differenzierung.

Johann Ludwig Bach weiß auch um die Wirkung drastischer Bilder. In Die mit Tränen säen (JLB 8) brodelt unter der Oberfläche ein fein austariertes Spannungsfeld aus Leid und Hoffnung. In Gott ist unser Zuversicht (JLB 1) wird das Evangelium vom schlafenden Christus im Sturm mit ausgeprägtem theatralischem Instinkt umgesetzt. Die See gerät in Unruhe, der Glaube schwankt, und die Musik reagiert unmittelbar darauf.

Formal bietet der Zyklus große Vielfalt: schlichte, elegante Arien, ausgearbeitete Da-capo-Formen, differenzierte Duette wie im Eingang von Ich will meinen Geist in euch geben (JLB 7), wo Sopran und Alt von rau timbrierten Hörnern begleitet werden. Hinzu kommen eindringliche Accompagnato-Rezitative und ein charakteristisches kompositorisches Verfahren: Bach greift gern das musikalische Material des Beginns auf und verwandelt es am Schluss in einen tragenden Chorsatz oder Choral. Diese Rückbezüge schaffen übergeordnete Zusammenhänge und verhindern, dass die kleinteilige Textstruktur zerfällt.

Zu den besonders eindrucksvollen Momenten zählt der Schlusschor von Darum will ich auch erwählen (JLB 3) über „Jesu, meine Freude“. Ebenso bemerkenswert ist Mache dich auf, werde Licht (JLB 9), die Eröffnungskantate der Leipziger Serie zum Fest Mariä Reinigung. Hier reagiert der Komponist mit kühner Fantasie auf den Text: Wenn von der Finsternis die Rede ist, kippt der zuvor strahlende Klang plötzlich in eine dunkle Welt tiefer Streicher. Für einen Moment fühlt man sich an die herbe Expressivität Johann Christoph Bachs erinnert. Das ist mehr als Illustration. Es ist musikalische Atmosphäre von eigenem Gewicht.

Diese Einspielung ist eine Entdeckung von Rang. Sie zeigt, wie viel erstklassige Bach-Musik bislang im Schatten geblieben ist. Capella Sollertia und Johanna Soller legen diese Werke mit Sorgfalt, Neugier und hörbarer Zuneigung vor. Johann Sebastian Bach erwies sich hier nicht nur als Komponist, sondern als Kurator fremder Qualität. Er bewahrte, ordnete und stellte Musik ins Licht, die ihm wesentlich erschien. Diese Aufnahme, in vorzüglicher Klangqualität, setzt diese Arbeit fort. Und man fragt sich unweigerlich einmal mehr, warum es so lange gedauert hat.

 

Dirk Schauß, im Februar 2026
Johann Ludwig Bach
The Leipzig Cantatas
Capella Sollertia
Johanna Soller, musikalische Leitung
Ricercar, RIC482

 

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