CD: HENRY VIEUXTEMPS: WORKS FOR VIOLIN & ORCHESTRA – Reto Kuppel, Qatar Philharmonie Orchestra, Marcus Bosch
Am 17. Februar 1820 wurde Jean-François Vieuxtemps, ein Weber und Geigenbauer aus dem belgischen Verviers, Vater eines kleinen Sohnes. Mit vier Jahren erhielt Henry vom Vater seinen ersten Geigenunterricht. Es fand sich dann ein aristokratischer Gönner, der ihm die weitere Ausbildung bei dem Berufsgeiger Joseph Lecloux-Dejonc (1798-1850) ermöglichte. Charles-Auguste de Bériot (1802-1870), einer der führenden Virtuosen der Zeit, hörte ihn 1828, vermutlich bei einem Auftritt in den Räumlichkeiten der literarischen Gesellschaft im heimatlichen Verviers, und lud ihn ein, bei ihm in Brüssel zu studieren. Als Bériot dann 1828 nach Paris ging, nahm er seinen Schützling mit, der dann im Februar 1829 in der französischen Hauptstadt im Alter von neun Jahren sein Debüt gab.
Damit begann eine steile Karriere als Solist und Komponist. Im März 1834 spielte der Vierzehnjährige im Wiener Musikverein Beethovens Violinkonzert, das nach dem Tode des Komponisten erst ein einziges Mal öffentlich aufgeführt worden war. Robert Schumann schrieb seinerzeit in der Neuen Zeitschrift für Musik: „Bei Vieuxtemps sind es nicht die einzelnen Schönheiten, die wir festhalten könnten, noch ist es jenes allmähliche Verengen, wie bei Paganini, oder das Ausdehnen des Maßes, wie bei anderen hohen Künstlern.“ Vieuxtemps Leben war von nun an von Reisen und Auftritten geprägt. 1834 hörte er in London Niccolò Paganini (1782-1840), drei Reisen führten in nach Amerika, von 1846 bis 1852 war Hofgeiger des Zaren in St. Petersburg. Am 6. Juni 1881 starb Vieuxtemps nach seinem Vierten Schlaganfall im algerischen Mustapha Supérieur, wohin er sich zurückgezogen hatte.
Vieuxtemps gehört zur langen Reihe komponierender Geigenvirtuosen, die mit Viotti, Rode, Bériot und Paganini beginnt und über Wieniawski bis zu Kreisler und Ysaye führt. Vieuxtemps ist eine der herausragenden Figuren dieser Reihe, denn er war einer der ersten, die in ihren Konzerten und sonstigen Werken mit Orchesterbegleitung den vollen Klangkörper der Zeit benutzten und so jene volle romantische Palette erreichten, die auch in den hier aufgenommenen Stücken deutlich wird. In seinen Werken verlangte Vieuxtemps einerseits das komplette Arsenal der Virtuosen: Springbogenspiel jeglicher Art, Doppel- und Dreifachgriffe, Flageoletts, rasante Tempi und einen reinen, singenden Ton und legte andererseits sein Hauptaugenmerk auf die Geschlossenheit seiner Werke, die mehr sein sollten als simple Bravournummern.
Marcus Bosch hat mit dem Qatar Philharmonic Orchestra und den Solisten Reto Kuppel, Violine und Kirill Bogatyrev, Cello vom 28. Februar bis 3. März 2019 im er Auditorium 3 im Qatar National Convention Centre in Doha, Qatar einen Querschnitt durch das Schaffen für Violine und Orchester von Vieuxtemps aufgenommen:
- Fantaisie op. 21 „Souvenirs de Russie“ (Fassung für Violine und Orchester)
- Old England op. 42 (Fassung für Violine und Orchester)
- Duo brillant für Violine, Violoncello und Klavier (Orchester) in A-Dur op. 39 (Maestoso, Adagio, Finale. Allegretto)
- Andante und Rondo op. 28
- Air varié sur un thème du Pirate de Bellini op. 6
- Hommage à Paganini op. 9
Die Solisten überzeugen mit hochvirtuosem Spiel, das Orchester mit perfekt romantischem Klang.
Eine faszinierende Entdeckung!
14.06.2020, Jan Krobot/Zürich