Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD HANS ROTT „ORCHESTERWERKE“ VOL. 2, GÜRZENICH ORCHESTER KÖLN unter CHRISTOPHER WARD; Capriccio

12.07.2021 | cd

CD HANS ROTT „ORCHESTERWERKE“ VOL. 2, GÜRZENICH ORCHESTER KÖLN unter CHRISTOPHER WARD; Capriccio

Symphonie Nr. 1, Symphonie für Streichorchester, Weltersteinspielung des Symphoniesatzes in E-Dur

0845221054148

Biographie und kompositorisches Schaffen des mit 26 Jahren früh verstorbenen Hans Rott sind dermaßen aufwühlend, dass jede Neuaufnahme eines seiner raren vollendeten und erhaltenen Werke unsere volle Aufmerksamkeit verdient. Das Label Capriccio, das eben erst mit einer gediegenen Wiederauflage seiner umfangreichen Zemlinsky-Diskographie aus Anlass des 150. Geburtstages des Komponisten in diesem Herbst beeindruckt, erweist sich auch in Sachen Hans Rott als unermüdlich „guter Geist“. Es nahm sich zum Ziel, auf zwei CDs das leider noch zu wenige Instrumental-Bekannte ein klein bisschen bekannter zu machen, aber auch, um wie hier, mit der Erst-Edition des ursprünglich ersten Satzes der ersten Symphonie des Hans Rott Schallplattengeschichte zu schreiben.

Die fassungslos machenden Lebensumstände von Hans Rott sind schnell skizziert: Nach dem frühen Tod der Eltern studierte Rott am Wiener Konservatorium. Anton Bruckner unterrichtete und förderte den ohne finanzielle Unterstützung da stehenden Schüler. Seiner Kompositionsklasse gehörte auch ein gewisser Gustav Mahler an, der Rotts Symphonie in E-Dur nicht nur kannte und schätzte, sondern sich auch so manche Idee insbesondere des dritten Satzes für seine Wunderhorn-Symphonien anverwandte. Bei einem Kompositionswettbewerb 1878 blieb Rotts Arbeit, der auf der CD zu hörende Satz in E-Dur, jedoch als einziges eingereichtes Werk unprämiert. Was für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit der Musikgeschichte! Rott verließ ohne Diplom und Medaille das Konservatorium, obwohl er die Prüfung in Komposition mit vorzüglichem Erfolg absolviert hatte. Zum Broterwerb arbeitete Rott als Organist an der Piaristenkirche in Wien.

Zum Verhängnis wurde dem jungen, noch ungefestigten Mann allerdings die Ablehnung seiner ersten Symphonie in E-Dur durch Johannes Brahms. Infolgedessen hatte es auch Hans Richter nicht mehr mit einer Aufführung dieses Opus Summum des knapp Zwanzigjährigen sonderlich eilig. Das dritte Unglück traf den jungen Künstler, als auch sein Antrag auf ein Stipendium abgelehnt wurde. Von diesem Triple- Schock erholte sich Rott nie wieder. Er erkrankte psychisch und physisch, litt unter „halluzinatorischem Irrsinn und Verfolgungswahn“. Es folgten Aufenthalte in der Psychiatrischen Klinik, 1881 die Einweisung in die Niederösterreichische Landes-Irrenanstalt. 1884 verstarb er dort offiziell an Tuberkulose, am Ende wohl an gebrochenem Herzen.

An uns bleibt es nun, sein Werk zu hören, wertzuschätzen und von einer Fortentwicklung seines Schaffens, wäre er am Leben und gesund geblieben, zu träumen. Die Symphonie in E-Dur jedoch ist ein Meisterwerk, das trotz manch epigonalen Zuschnitts in der humorvollen und lebensjauchzenden Verwendung kontrapunktischer Techniken ähnlich wie in Wagners „Meistersinger“, mit „Zukunftsmusik“ glänzt wie kaum ein anderes mir bekanntes Werk der 80-er Jahre des 19. Jahrhunderts. 

Das Vol. 2 der Edition startet genau mit diesem Hauptwerk Rotts. Das gewaltige viersätzige Werk mit über 50 Minuten Spieldauer baut auf die harmonischen Universen eines Bruckner und Wagner, weist final aber den Weg hin zu Mahler auf. Die ganze Symphonie ist Ausdruck einer lebensbejahenden Energie und eines spirituellen Überschwangs, wie wir ihn später nur eben bei Mahler wieder finden. Unglaublich, aber wahr: Die Symphonie wurde erst 1989 uraufgeführt. 

Mit dem Gürzenich Orchester Köln steht ein erstklassiger Klangkörper zur Verfügung, der sowohl das hochromantische Sehnen und Wähnen, als auch die funkelnd eingestreuten Fugen sowie die volkstümlichen zu purem symphonischen Gold gewandelten Themen mit Bravour und frappierender Klangschönheit bewältigt. Entgegen der Anmerkung in meiner Besprechung zu Vol. 1 (Link https://onlinemerker.com/cd-hans-rott-saemtliche-orchesterwerke-vol-1-guerzenich-orchester-koeln-christopher-ward-capriccio/), erweist sich Dirigent Christopher Ward hier als sorgfältiger und begeisternder Mittelsmann zwischen Partitur und Hörer. Das Album ist in jedem Fall eine kniefällige Liebeserklärung an einen – im Gegensatz zur Leichtigkeit und Duftigkeit seiner Musik – tragischen musikalischen Genius. Gerade aber weil es von der Symphonie in E-Dur eine reichhaltige Diskographie gibt, etwa mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt (Paavo Järvi), dem Norrköping Symphony Orchestra (Leif Segerstam), dem Radio-Symphonieorchester Wien (Dennis Russell Davies) oder dem Mozarteumorchester Salzburg (Constantin Trinks), kann der Hörer nach Lust und Laune wählen. 

Ich empfehle diese neue CD, weil sie eine Brücke im Schaffen des Hans Rott zur früheren „Symphonie für Streichorchester“ in As-Dur schlägt, die eher an frühromantische Vorbilder, etwa diejenigen eines Mendelssohn-Bartholdy oder Schubert, anknüpft. Diese wunderbar transparent instrumentierte  „Symphonie“ sprüht vor lauter Schabernack und mitreissenden Rhythmen, der erste Satz ist eine Vorwegnahme der klassizistischen Novitäten eines Stravinsky. Im „Grave e largo“  finden sich melodienselige Anklänge an Dvořák, bevor das Scherzo lustvoll und erfinderisch mit Streicherklängen experimentiert.

Fazit: Nicht nur für alle Freunde der Musik von Wagner, Bruckner und Mahler  absolut unverzichtbar! 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken