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CD Hans Rott: Sämtliche Orchesterwerke Vol. 1 Gürzenich-Orchester Köln, Christopher Ward; Capriccio

02.10.2020 | cd

CD Hans Rott: Sämtliche Orchesterwerke Vol. 1 Gürzenich-Orchester Köln, Christopher Ward; Capriccio

„Was die Musik an ihm verloren hat, ist gar nicht zu ermessen.“ Gustav Mahler

Er hatte so wenig Zeit für sein Gesamtwerk. Waren es vier Jahre oder noch ein paar Monate dazu? Der Wiener Schauspielersohn, in derselben Kompositionsklasse – und zwar bei Franz Krenn – wie Gustav Mahler ausgebildet, ist wohl eine der tragischsten Figuren der österreichischen Musikgeschichte. Die letzten Jahre seines kurzen Lebens verbrachte der erst jetzt halbwegs angemessen beachtete Musiker Hans Rott im „halluzinatorischen Irrsinn und Verfolgungswahn“ in geschlossenen Anstalten.

Hans Rott, früh eltern- und mittellos, schlug sich zuerst als Organist an der Piaristenkirche  in Wien durch, um sich seiner Leidenschaft, der Komposition, widmen zu können. Er war der Lieblingsschüler von Anton Bruckner. Sonst hatte er aber wahrlich kein Glück: Für seine Concours-Arbeit, es war der erste Satz seiner großen Symphonie in E-Dur, an der Rott insgesamt drei Jahre arbeiten sollte, bekam er keinen Preis. Nach Bruckners Erzählung soll die Prüfungskommission bei Anhörung der Symphonie über die Musik gehöhnt haben. Die Heirat mit seiner Louise wird von ihrem Vater hintertrieben. Aus der Universität schied Hans als einziger ohne Diplom. Die Zuerkennung eines Stipendiums schlug fehl und Hans Richter weigerte sich, die Symphonie in E-Dur aufzuführen. Rott musste daher 1880 aus dem geliebten Wien weggehen, um eine Stelle als Chorleiter in Mülhausen anzutreten. 

Das ging aber gründlich schief. Schon auf der Bahnfahrt dorthin hielt Rott einen Mitreisenden mit dem Revolver in Schach, weil der sich eine Zigarre anzünden wollte. Rott vermutete wahnhaft, Brahms habe im Zug Dynamit versteckt, um Rott in die Luft zu jagen. Rott wurde nach Wien zurückgebracht und dort zunächst in die Psychiatrische Klinik gebracht. Nach einem Selbstmordversuch wird er 1881 in die Niederösterreichische Landes-Irrenanstalt eingewiesen, aus der er bis zu seinem Tod 1884 nicht mehr herauskommt. Dort schreibt Rott zwar noch hie und da, vernichtet aber auch anfallartig bedeutende Teile seines Schaffens.

Wer mehr über das tragische Leben dieses jung mit 25 Jahren an Tuberkulose verstorbenen Künstlers erfahren will, dem sei der erschütternde Roman „Wie man ein Genie tötet“ von Ingvar Hellsing ans Herz gelegt. Das Buch handelt von einem Kulturkampf, von Hass und gnadenlosen Glaubenskriegen in der Musik. Anton Bruckner fördert und unterstützt den Wagner Verehrer Rott, Johannes Brahms lehnt Rott als musikalischen Neuerer ab und vernichtet ihn so. In Wahrheit zerbricht der junge Außenseiter ähnlich wie Hugo Wolf an den Stahlmauern der Gesellschaft. Wie Rotts Gemüt langsam klein gerieben und sein Mut verbrannt wird, ist spannungsgeladene Literatur, die mit dem Messer direkt ins Gemüt des Lesers trifft.

Zu Lebzeiten Rotts wurde kein einziges seiner Werke des Albums veröffentlicht. Abgesehen von Präsentationen im Rahmen des Konservatoriums gab es auch keine Aufführungen seiner Musik. Sein Hauptwerk, die Symphonie in E-Dur, wurde erst 1989 in Cincinnati, Ohio, uraufgeführt! Mittlerweile gibt es zumindest von dieser Symphonie eines 21-jährigen an die zehn, meist hoch qualitative CD-Einspielungen.

Capriccio will nun mit seiner neuen Reihe alle Orchesterwerke des Hochromantikers Hans Rott vorstellen. Den Start machen das Gürzenich Orchester Köln unter der musikalischen Leitung des Briten Christopher Ward mit der Hamlet-Ouvertüre, den Suiten in E-Dur & B-Dur, dem Julius Cäsar-Vorspiel, dem Orchestervorspiel in E-Dur und einem Pastoralen Vorspiel in F-Dur.

Es sind in ihrer harmonischen Eigenart überwiegend Werke in der Nachfolge von Richard Wagner. Insbesondere manche Motive und melodische Eingebung aus „Die Meistersinger von Nürnberg“ und den ersten beiden Teile der Ring-Tetralogie müssen es Hans Rott angetan haben. Mit großer Meisterschaft in den polyphonen Durchführungen nimmt manche Fuge nicht zuletzt in ihrer virtuosen Strenge Max Reger vorweg. Der Klangsinn kann es bisweilen mit seinem Idol Wagner aufnehmen. Die Instrumentierung wandelt in ihrer federnden Duftigkeit u.a. auf den Spuren von Mendelssohn-Bartholdy. Dennoch es ist Experimentiermaterial, nicht Vollendetes, mit dem wir es zu tun haben. Die „Hamlet-Ouvertüre“ ist gar eine Weltersteinspielung, die Partitur dazu hat der Musiker, Komponist und Rott-Forscher Johannes Volker Schmidt vervollständigt

Die Stärke der schon aus Repertoiregründen wichtigen Publikation liegt ganz in den Tugenden des Gürzenich Orchesters Köln. Es ist immer wieder umwerfend, über welche technische Meisterschaft sogenannte mittlere deutsche Sinfonieorchester verfügen. So ist gerade an den vorliegenden Beispielen die Bravour der Solisten zu bewundern, die Ausgewogenheit innerhalb der Instrumentengruppen und deren Vermögen, romantische Partituren zum Vibrieren zu bringen, zu beklatschen. Leider ist Herr Ward nur ein allzu zahmer Animator, der den musikalischen Fluss zwar in Bahnen hält, aber nicht befeuert noch aufregend zu gestalten weiß. Auf die definitive Einspielung werden wir also noch warten müssen. Bis dahin sei diese eine Kataloglücke schließende Aufnahme jedoch durchaus wärmstens empfohlen. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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