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CD GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: THEODORA HWV 68, Gesamtaufnahme mit dem Millenium Orchestra, dem Choeur de chambre de Namur unter LEONARDO GARCÍA ALARCÓN; Ricercar

23.03.2026 | Allgemein, cd

CD GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: THEODORA HWV 68, Gesamtaufnahme mit dem Millenium Orchestra, dem Choeur de chambre de Namur unter LEONARDO GARCÍA ALARCÓN; Ricercar

Veröffentlichung: 10. April 2026

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Wie viele andere pflege ich ein liebendes Näheverhältnis zur Musik von G. F. Händel. Die Renaissance Alter Musik der letzten 50 Jahre hat eine Fülle von Opern und Oratorien Händels auf Tonträgern zugänglich gemacht, die die intensive akademische wie künstlerische Beschäftigung mit dem unglaublich reichhaltigen Schaffen des vielleicht vielseitigsten und bis heute populärsten Barockkomponisten widerspiegeln.

Nachdem Händel in seinen ca. 40 italienischen Opern mit einem unvorstellbaren Melodienreichtum in da capo Form ein immenses Füllhorn an vokalen Wonnen über die nach Schönheit und Ablenkung vom Alltag dürstende Menschheit geschüttet hatte, war die Zeit reif für einen Wechsel im künstlerischen Ausdruck. Ab da an schrieb Händel Oratorien in englischer Sprache, wo er für die überwiegend alttestamentarischen Sujets nicht nur herzerweichende Arien ersann, sondern die Kunst der (dramatischen) Chormusik zu neuen Höhepunkten trieb.

„Theodora“ nach einem Libretto von Reverend Thomas Morell (der auch verantwortlich für die Textbücher von „Judas Maccabaeus“ und „Jephta“ zeichnete), basierend auf der Geschichte „The Martyrdom of Theodora and of Didymus“ von Robert Boyle und Pierre Corneilles Tragödie „Théodore“, wurde am 16.3.1750 im Covent Garden Theatre mit überschaubarem Erfolg aus der Taufe gehoben. Händel selbst verschlimmerte die Lage für dieses wenig geschätzte „Sorgenkind“ einer christlichen Märtyrerin, die im Jahr 304 während der Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian starb, noch, als bei der einzigen Wiederaufnahme 1755 unter der Leitung von Händels Assistent John Christopher Smith nur eine arg verstümmelte Fassung zur Aufführung kam. Dann war zu Händels Lebzeiten Schluss mit „Theodora“. Einen weiteren Tiefschlag erlitt die christliche Parabel, als die erste moderne Edition aus dem Jahr 1874 sich auf die gekürzte Version von 1755 stützte. Erst 1984 fand nicht zuletzt dank der Bemühungen des britischen Musikwissenschaftlers und Herausgebers Watkins Shaw die komplette Partitur den Weg in die Öffentlichkeit.

In dem um Fragen von Glaubensfreiheit und Haltung kreisenden Stück soll jeder und jede in Antiochien mit Kerker oder mit dem Tod bestraft werden, der sich entgegen den kaiserlichen Anordnungen, den Opfergaben für Jupiter am Geburtstag Diokletians Folge zu leisten, widersetzt. Theodora und die Christen werden geheimer Bräuche angeklagt und die Titelheldin durch Septimius sogar im Freudentempel zur Prostitution gezwungen. Im Gefängnis wird ihr nahegelegt, den römischen Gottheiten zu dienen. Natürlich lehnt sie ab und geht auf Didymus‘ Fluchtangebot widerwillig ein. Der wird alsbald gefangen genommen. Theodora bietet dem römischen Gouverneur Valens an, an Didymus’ Stelle zu sterben. Da beide füreinander in den Tod zu gehen bereit sind, lässt Valens beide ermorden.

Auf einer Metabene – und deren Glaubwürdigkeit ist das Verdienst der herrlichen Musik Händels – geht es in „Theodora“ weit über eine Märtyrerlegende hinaus um Allgemeingültiges wie gegenseitige Treue, Loyalität, unverbrüchliche Überzeugungen und Standhaftigkeit bis zum Tod. Also das komplette Gegenteil von billigem Opportunismus, Erpressbarkeit und persönlicher Korrumpiertheit.

Weder Schlachtengetümmel noch klangliches Cinemascope-Spektakel, verherrlicht die Musik von „Theodora“ vielmehr in sublimer melodischer Noblesse subtilste Seelenregungen des Zueinander, selbstlose Liebe und intimste Zartheit bei übelster äußerlicher Aggression. Und ist daher eine der zeitlosesten und modernsten Kompositionen des reifen Meisters. Dementsprechend umfangreich und qualitativ hochwertig stellt sich die Diskografie dar. Als starträchtigste darf die 2022 erschienene Aufnahme unter Maxim Emelyanychev mit Joyce DiDonato, Lisette Oropesa, Michael Spyres, Paul-Antoine Benos-Dijan und John Chest gelten.

Aber auch die im Juli 2023 in der Namur Concert Hall aufgenommene, hier vorzustellende Einspielung wartet mit vokalen Leistungen vom Feinsten, einem wunderbar duftig federnden Instrumentalpart und eindrücklicher chorischer Disziplin auf. Besonders begeistern die traumhaft timbrierte belgische Sopranistin Sophie Junker als innig hinreißende Theodora, die am Salzburger Mozarteum ausgebildete estnische Mezzosopranistin Dara Savinova als glorios orgelnde Irene sowie der deutsche Bassbariton Andreas Wolf als autoritärer Valens. Aber auch der Tenor Matthew Newlin als Septimius, der US-amerikanische Countertenor Christopher Lowrey als Didymus und Frederico Projecto als Bote bieten profilierte Porträts der von ihnen verkörperten Figuren.

Der argentinische Dirigent, Cembalist und Organist Leonardo García Alarcón beweist als musikalischer Leiter des Millennium Orchestra und des Choeur de chambre de Namur ein weiteres Mal nach „Samson“, „Semele“ und „Solomon“, dass er mit dem „Idiom“ Händelscher Oratorien nicht nur bestens vertraut ist, sondern ein begnadeter musikalischer Geschichtenerzähler ist. García Alarcóns speziell im Barocken so schlafwandlerisches Feeling für Timing, sein Gespür für Phrasierung und Agogik machen die vorliegende Neuerscheinung zusätzlich zum so berührend die Emotionen in Klang wandelnden Cast zum absoluten Ereignis. Überzeugen Sie sich selbst:

https://www.facebook.com/OuthereMusic/videos/handel-theodora-out-april-3rd/1661954354980633/

Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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