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CD FRANZ SCHUBERT: OKTETT in F-Dur D 803 – QUATUOR MODIGLIANI, SABINE MEYER, BRUNO SCHNEIDER, DAG JENSEN, KNUT ERIK SUNDQUIST; Mirare

05.07.2020 | Allgemein, cd

CD FRANZ SCHUBERT: OKTETT in F-Dur D 803 – QUATUOR MODIGLIANI, SABINE MEYER, BRUNO SCHNEIDER, DAG JENSEN, KNUT ERIK SUNDQUIST; Mirare

„Schmerz schärfet den Verstand und stärket das Gemüth.“ Franz Schubert

Ausufernde Kammermusik, eine Vorform der Symphonie, Identitätssuche im Fahrwasser von Beethovens Septett für Klarinette, Fagott, Horn, Violine, Viola Cello und Kontrabass? Alles das und doch ein ganz eigenständiger Handstreich, den der Amateurklarinettist Graf Ferdinand Troyer bei Schubert in Auftrag gab. Wie die Wechselfälle des Lebens den feinfühligen Wiener Komponisten in Form von Krankheit und Depression heimsuchten, so stellt Schubert 1824 mit seinem rasch notierten einstündigen Oktett dieser biographischen Düsternis ein überwiegend helles Divertimento entgegen. In einem Brief vom März 1824 an den Maler-Freund Leopold Kupelwieser sprach er von mehreren Streichquartetten und diesem Oktett, und „will mir auf diese Art den Weg zur großen Sinfonie bahnen.“

Auf jeden Fall entpuppt sich das wunderbar wienerisch beherzte sechssätzige Monumentalwerk als Experimentalbühne kammermusikalisch konzertierenden Wettstreits. Die Hauptakteure sind die erste Violine (grandios Amaury Coetaux), die Klarinette (ausdruckstark und dennoch stets unvergleichlich nobel im Klang Sabine Meyer) sowie das Horn (virtuos glänzend Bruno Schneider). Nicht nur eine Vielfalt an klanglichen Valeurs lotet Schubert als Erbe der klassischen Epoche auf das Subtilste aus, er blickt mit seinen Vorerkundungen hochromantischer Harmonien bis weit in die Zukunft. Wir stimmen mit Melissa Khong überein, wenn sie konstatiert, dass „Charakter und Form sich auf unvorhersehbare Weise ändern vom Scherz bis zur Vorahnung in den Variationen (Anm.: nach einem Thema aus Schuberts Oper „Die Freunde von Salamanca“) und vom Surrealen bis hin zum Spektakulären im Finale, dessen phantasievolle von dramatischen Tremolos angedeutete Einleitung Wagners Opern schon vorwegnimmt.“

Auch die gegensätzlichen Stimmungen, die atmosphärisch im Seelenwind sich drehende Wetterfahnen in allen Farben, samt deren kunstvollst modellierten Übergängen, sind erstaunlich. Da findet sich das Äußerste an unbeschwerter Leichtigkeit (Più allegro des ersten Satzes), das feine dicht verwobene Zwiegespräch von Violine und Klarinette im himmlisch langen Adagio, das Scherzo ganz im Geiste von Beethovens Vierter bis hin zum ausgelassen emotionalen, jedes kammermusikalische Korsett sprengenden Allegro molto im letzten Satz.

Das Quatuor Modigliani und ihr Freundeskleeblatt Sabine Meyer, Bruno Schneider, Dag Jensen (Fagott) und Knut Erik Sundquist (Kontrabass) sind einer spezifisch wienerischen Eleganz verpflichtet. Sie erhöhen den alle Bürde hinter sich lassenden trunken seligen Augenblich ebenso zum Sonnenlicht, wie sie den das Herz verdunkelnden Wolken in graphischer Klarheit Kontur geben oder das Schicksal mit gespannten Rhythmen an das Tor klopfen lassen. Die Balance zwischen der Schönheit des freudig federnden Tons, darunter schwelender Melancholie und ins Kosmische gesteigerten romantischen Sehnsucht gelingt vorzüglich. Wir erleben ein Maskenspiel voller intimer Andeutungen, aber auch ins sublim künstlerisch gesteigerte Camouflieren banaler Daeinszwänge. Dabei steigern sich die Musiker wahrlich in einen triumphalen Rausch, schreiben damit ein nachdrückliches Manifest (nach)schöpferischer Energie. Die große C-Dur Symphonie lässt grüßen.

Die erste öffentliche Aufführung fand am 16. April 1827 durch das Schuppanzigh-Quartett während eines Konzerts zu Ehren des kurz zuvor verstorbenen Beethoven statt. Die nun publizierte, sehr empfehlenswerte Aufnahme entstand im September 2018 im August Everding Saal in Grünwald.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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