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CD Franz Schubert: Mercy Seat – Winterreise D 911 Eine Seance zwischen Franz Schubert & Nick Cave; Resonanzraum.records

29.09.2020 | Allgemein, cd

CD Franz Schubert: Mercy Seat – Winterreise D 911 Eine Seance zwischen Franz Schubert & Nick Cave; Resonanzraum.records

 

Ein Polizeiruf 110-Star, ein Mann auf dem Gnadenstuhl  goes Schubert. Charly Hübner, wir lieben ihn nicht nur als knorrigen Rostocker Kommissar Bukow mit bereits erschossenem Gangsterpapa und der genialen Anneke Kim Sarnau als sensitiver wie störrischer Königin-Partnerin, nein, Hübner ist auch ein Stimmvirtuose, der Hörbücher und Hörspiele wie kaum ein anderer lebendig und unmittelbar zu gestalten weiß.

 

Gemeinsam  mit dem Ensemble Resonanz begibt er sich mit dem Album „Mercy Seat/Winterreise“ nun auf winterliches Eis. Tobias Schwencke, Komponist, Pianist und Arrangeur, hat Texte von Nick Cave, Wilhelm  Müller und Boris Sawinkow  mit Musik von Nick Cave und Franz Schubert zu einer musikalischen Reise montiert, dessen unglücklicher Held an mangelndem Widerhall seiner Gefühle und wohl auch seiner quasi-autistischen Selbstbezogenheit gewaltig scheitert. 

 

Charly Hübner ist kein Sänger, sondern ein Mime, das heißt, wir haben es nicht  mit gesungenen Liedern, sondern melodramatisch zu Musik gesprochenen Texten zu tun. Christian Tschirner nennt das Geisterbeschwörung: Unglückliche Liebe, Schmerz, Schuld, Tod.   

 

Das Glück an dem Projekt ist für den Hörer das Zusammenwirken des intensivst, ruppig und schonungslos aufspielenden Kammerorchesters Ensemble Resonanz mit einem Charly Hübner, der in seiner ungeschminkten Unbedingtheit und seinem artistisch gelebten Grenzgängertum wohl den Schubert’schen Ton und die Ambivalenz einer emotional scheinbar nur von außen geknechteten Seele im Herzen trifft. Musik prallt auf Text, der in seiner Roh- und Rauheit auf Samt gebettet sein will. Freilich ist Schubert in jeder kleinsten melodischen Eingebung ein übermächtiger Partner, ein Mount Everest, der nicht übergangen oder überflogen werden kann. Das ist vielleicht die Krux des gut gedachten, aber in der Realisierung wohl schlagseitig schubertisch und Musik im engeren Sinn gebliebenen Resultats.

 

Christian Tschirner, Leitender Dramaturg an der Schaubühne Berlin, fordert das Publikum auf, Platz zu nehmen. „Lassen Sie sich elektrisieren. Träumen Sie, was sie nicht haben, im Guten und im Argen. Das Anschnallen übernehmen wir.“ Bevor es losgeht noch ein kleines, im Anbetracht der Größe der Kunst wie immer schwaches Wort:

 

Wenn das Ganze ein poetischer Rehabilitierungsversuch für Müller, Cave & Co  sein soll, ist er eine halbe Sache geblieben. Falls wir diese Interpretation jedoch als völlig naiv-neu-ehrliche Annäherung an die unsichtbaren Bande der künstlerischen Brüder Cave und Schubert sehen wollen, dann kommt auch von der Klassik Seite her (von einer anderen Musik versteh ich nix) eine ganz große Empfehlung für diese wunderbare Album.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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