CD ERIC LU spielt CHOPIN – Live aus Philharmonic Concert Hall Warschau Oktober 2025; Deutsche Grammophon
Gewinner des 19. Internationalen Chopin-Klavierwettbewerbs 2025

„Ein riesiger schwarzer Trauerzug. Eine lange Kette von Menschen. Und plötzlich reißt der Nebel auf. Ein Sonnenstrahl zwischen den dunklen Wolken! Und etwas entflammt in den ausgebrannten Herzen. Man beginnt an etwas zu glauben. Jemand singt, traurig und einfach. Dieses Lied verspricht nichts – und tröstet trotzdem…“
Anatoly Lunatscharskij über den Trauermarsch aus Chopins b-Moll-Sonate
Am Curtis Institute in Philadelphia musikalisch ausgebildet, ist für den 1997 in Massachusetts geborenen Pianisten mit taiwanesisch-chinesischen Wurzeln der nun in Warschau gewonnene Chopin Wettbewerb so etwas wie ein pianistischer Adelsschlag und der endgültige Türöffner zu den bedeutendsten internationalen Konzertsälen. Schon 2015 versuchte sich Lu erstmals beim Chopin-Wettbewerb und ergatterte damals immerhin den vierten Platz.
Nun setzte er sich gegenüber 83 Mitbewerbern aus aller Welt durch und überzeugte die Jury. Was in Anbetracht der unter den Händen Lus ihres funebre unheimlichen Charakters ungeachtet in irisierenden Farben leuchtenden, jegliche Vergänglichkeit feiernden und gleichzeitig zornig auffahrenden Klaviersonate in b-Moll nicht weiter verwundert. Hören Sie sich das kurze finale Presto an, dem Lu allen gespenstischen Dissonanzen zum Trotz ein kosmisch erhabenes Gepränge abringt. Dazu Schumann: „Und doch gestehe man es sich, auch aus diesem melodie- und freudlosen Satze weht uns ein eigener grausiger Geist an, der, was sich gegen ihn auflehnen möchte, mit überlegener Faust niederhält, dass wir gebannt und ohne zu murren bis zum Schlusse zuhorchen.“
Mit Bedacht und Ruhe durchschreitet dieser vor allem klangzeichnerisch brillierende Aquarellist den Chopinschen Kosmos. Er setzt mit dem Fazioli-Flügel auf einen durchwegs hellen, transparenten, dennoch in kräftigen Untertönen fundierten Klang.
Der ausgiebige Gebrauch von Rubato und den vier Pedalen bleibt wohl Geschmackssache, wobei Lu den musikalischen Fluss manchmal wie einen Herzschlag komplett auszusetzen scheint. Manieriert? Vielleicht. Doch steigert Lu mit einem raffiniert klangschichtig im Piano sich verwebendem Legato und klarer Fortekante abseits von banalisierendem Chiaroscuro das Gefühl der Anwesenheit von Feen, Kobolden, Waldgeistern und manch dunklem Dämon, die Chopin abseits jeglicher salonhaften Gefälligkeit allesamt in seinem verschrobenen Universum Gestalt gewinnen ließ.
Lu reizt die Kontraste der hier vorgestellten Stücke – der Nocturne in cis-Moll, Op. 27/1, den drei Mazurken Op. 58 und der Barcarole in Fis-Dur; Op. 60 im Besonderen – vor allem durch eine gezielt eingesetzte Farbenpalette in dynamischer Ratio aus. Was er zu Chopin zu sagen hat, tut er auf seine persönliche, emotional (noch) zurückhaltende Art mit bestechend jugendlichem Charme und einem untrüglichen Stilempfinden.
Technisch untadelig, wartet der Meister introspektiver Klangwelten in den so heiklen Piècen bis zur zweiten Klaviersonate in b-Moll, Op. 35, zudem mit spritziger Bravour und delikat abgestuften Anschlagsnuancen (Polonaise in B-Dur, Op. 71/2) auf. Man mag Teile seiner Interpretationen als allzu reflektiert und kalkuliert wahrnehmen, und ist dennoch immer wieder hin- und weggerissen von all den erzählerischen Qualitäten seines expressiv klug ausgeloteten und niemals showartistisch wahrgenommenen Spiels. Besonders faszinierend gerät – nochmals sei darauf verwiesen – die zweite Klaviersonate, der Lu ihr Geheimnis belässt und sie uns trotzdem mit vehementer Überzeugung und unsentimentaler Klangrede verständlich aufzuschlüsseln vermag. Über die weitere musikalische Entwicklung dieses eigentlich bei Warner unter Vertrag stehenden Künstlers darf man gespannt sein.
Dr. Ingobert Waltenberger

