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CD DMITRI SHOSTAKOVICH: Das CUARTETO CASALS spielt die letzten drei Streichquartette Nr. 13-15; harmonia mundi

22.01.2026 | Allgemein, cd

CD DMITRI SHOSTAKOVICH: Das CUARTETO CASALS spielt die letzten drei Streichquartette Nr. 13-15; harmonia mundi

Vol. 3 markiert die Vollendung der atmosphärisch tiefe Wunden freilegenden Gesamteinspielung

harmo

Dem Beethoven-Quartett Bratschisten Vadim Borisovsky gewidmet, umfasst das 1970 entstandene 13. Quartett in b-Moll, Op. 138, nur einen einzigen Satz, unterteilt in die Abschnitte Adagio, doppio movimento und tempo primo. In eine Zeit der eigenen zunehmenden Gebrechlichkeit und vermehrt um Shostakovich einschlagenden Todesnachrichten nahestehender Menschen geworfen, herrscht ein wehklagender Tonus vor. Die erst am Ende expressiv aufheulende Musik scheint sich wie nach einem katastrophalen Naturereignis aus Stummheit, einem erschöpft gefühlten Nichts zu so etwas wie einem diaphanen Schmerz in langsamen Kreisen zu materialisieren. Aus mysteriösen, namenlosen Abgründen lässt das Cuarteto Casals pochende Motive, Schlägen gleich, einen Choral und ein bedrückendes Staccato-Keuchen an die Oberfläche blubbern, Trillerketten Raum gewinnen. Cello und die – das dem Bratschisten Vadim Borisovsky (1972 verstorbenes Mitglied des Beethoven Quartetts) gewidmete Werk klanglich bestimmende – Bratsche duettieren sich ins Nirwana des Unsagbaren.

Vibratoarm und unsentimental besingt das Cello im dreisätzigen 14. Quartett in Fis-Dur, Op. 142 Reminiszenzen an Sergej Schirinski. Dieser famose, liebevoll Seryosha genannte Cellist des Beethoven-Quartetts und Widmungsträger des Stücks, gibt der emotional wesentlich weiter gespannten Musik ihre Gestalt. Das Cuarteto Casals formt ein Klangbildnis, in das Shostakovich Anspielungen an Brittens „Cello-Symphonie“ und die in die Regionen des Basses verlegte Sopranarie ‚Seryosha, mein Liebster‘,aus der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ eingebaut hat. Überhaupt scheint der Komponist bei aller Symbolkraft der Motive und eingesetzten Instrumente in eine vorwiegend wenig glückliche Vergangenheit zu blicken, Himmel und Hölle gleichermaßen durchschreitend.

Der schon schwer von Herzkrankheit gezeichnete Komponist schuf in einem zweiwöchigen kreativen Schub im Mai 1974 sein 15. und letztes Streichquartett in es-Moll, Op. 144. Sechs Adagio-Sätze bilden die Struktur, innerhalb derer Shostakovich ähnlich den Monologen des sterbenden Vergil in Hermann Brochs Roman „Der Tod des Vergil“ in beinahe schon jenseitigen Traumvisionen über das Thema Sterblichkeit klangphilosophiert. Nach letztem Empörungsaufbäumen kündigt das Nocturno ein versöhnlicheres Ausklingen und damit das sich abzeichnende Verstummen an.

Fazit: Große Bekenntnismusik, in der das Cuarteto Casals nachschöpferisch und mit immenser Einfühlung die Grenzen des musikalisch Mitteilsamen, grosso modo das Sterben, ungeschminkt transzendental auslotet.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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