Cinema Memories – Eine Reise durch Klang und Erinnerung

Es gibt CDs, die mehr sind als eine lose Sammlung von Stücken. Cinema Memories gehört zu jener Sorte, die wie ein geöffnetes Fotoalbum funktioniert. Jede Spur löst ein Bild aus, jede Melodie eine Erinnerung. Marco Serino und Leandro Piccioni widmen sich hier Momenten aus der Filmgeschichte und formen daraus eine ganz persönliche Rückschau. Es wirkt, als wollten sie die emotionalen Kerne dieser Musik freilegen und zugleich zeigen, wie viel erzählerische Kraft in der Intimität eines Duos steckt. Zwei Instrumente reichen ihnen, um Innenräume und Landschaften, Figuren und Stimmungen entstehen zu lassen. Das ist die große Stärke dieser CD.
Die Reise beginnt mit der „Cinema Suite“ von Ennio Morricone. Gleich in „Lolita“ hebt Serino seine Kantilenen an, als würde er die Erinnerung selbst beschwören. Ein Ton mit Gewicht, aber ohne Schwere. Seine Geige trägt eine leise Schwermut, die nicht drückt, sondern zieht. Piccioni legt darunter ein Fundament aus feiner Zurückhaltung. Man spürt, wie beide die Balance suchen und sofort finden. „Deborah’s Theme“ entfaltet sich mit stiller Sinnlichkeit. Die Eleganz ist nicht geschmückt, sondern organisch. Die Melodie wirkt wie ein vertrauter Atemzug, den Serino in weiten Bögen formt. „Playing Love“ schwebt leichter. Hier klingt der Dialog zwischen Geige und Klavier wie ein kurzer Moment, der unbedingt festgehalten werden musste, bevor er wieder entgleiten könnte. „Nostalgia“ strahlt genau das aus, was der Titel verspricht. Serino phrasiert frei, beinahe improvisatorisch, während Piccioni nur dort eingreift, wo der Klang ein wenig Halt braucht. „Looking for You“ schließlich sucht wirklich. Die hohen, etwas gespannten Linien haben Dringlichkeit und wirken wie ein tastendes Vorwärts.
Mit der „Suite from West Side Story“ erscheint ein neuer Farbton. Der Wechsel zum Broadway-Universum wirkt dennoch stimmig, denn Serino und Piccioni betonen die musikalische Dramaturgie stärker als die stilistischen Gegensätze. Das „Prologue“ gerät wie ein kleiner Kraftakt. Kaum zu glauben, wie viel Orchesterfantasie die beiden mitbringen. In „Somewhere“ bleiben sie klar und direkt, ohne jede Patina aus Pathos. Die leicht erhöhte Gangart verleiht dem Stück eine ungewohnte Entschlossenheit. „Maria“ singt Serino mit einer Wärme, die sofort trägt. Er vermeidet jeden überzogenen Schmelz, lässt die Phrasen aber frei atmen. „America“ bringt dann spürbare Energie. Piccioni setzt rhythmische Akzente, die Serino aufnimmt und in Bewegungsdrang verwandelt. Das Stück lebt, vibriert, tanzt.
Danach gleitet das Album in die ernste Welt der drei Stücke aus Schindler’s List. Williams verlangt hier eine Zurückhaltung, die nicht schwächt, sondern schärft. Das „Theme“ gelingt durch die starke Präsenz des Klaviers, das Piccioni nicht als Begleiter, sondern als Stimme einsetzt. Die Geige erzählt, das Klavier ergänzt und widerspricht. Diese Wechselrede macht das Stück ernst und menschlich zugleich. „Jewish Town“ hat die winterliche Kälte, die es braucht. Die Melancholie entsteht nicht durch Gewicht, sondern durch Klarheit. Man merkt beiden Musikern an, dass sie den stillen Raum respektieren. „Remembrances“ klingt schlicht und scheu, doch die Innigkeit trifft unmittelbar. Die Töne wirken, als würden sie etwas Behutsames tragen, das nicht verloren gehen darf.
Nino Rotas „Un diavolo sentimentale“ bringt zurück, was die vorige Trilogie bewusst entzogen hat: Bewegung. Das Stück jagt voran, voller rhythmischer Energie. Serino und Piccioni treiben sich gegenseitig an, ohne je den Überblick zu verlieren. Es ist ein tänzerisches Spiel, durchzogen von einer leichten Ironie, wie man sie bei Rota oft spürt. Darauf folgt Myroslav Skoryks „Melody in A Minor“, ein stiller Ruhepunkt. Die Melodie hat etwas Heimatliches, einen Hauch von Folklore, und Serino trifft genau diesen Ton der sehnsuchtsvollen Klarheit. Piccioni hält den Puls, ohne die Linie zu beschweren.
Zum Abschluss öffnen sich noch einmal die Türen zu Morricones Welt, diesmal mit dem „Canone inverso“. Das erste Stück beginnt mit einem ruhig leuchtenden Klavier. Piccioni setzt die Harmonien so präzise, dass der Eintritt der Geige wie ein Erzählen wirkt, das schon lange darauf gewartet hat. Beide führen ein Gespräch, das nicht in Melodie und Begleitung zerfällt, sondern gleichberechtigt fließt. Das Finale bricht diese Ruhe sofort auf. Es stürzt vorwärts, rau, eher wütend, und Serino nimmt diese Energie freudig an. Die Linien brennen, das Klavier setzt kantige Impulse, und doch bleibt alles kontrolliert. Ein Abschluss, der die ganze Leidenschaft der beiden Musiker bündelt.
Was Cinema Memories so überzeugend macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Serino und Piccioni Filmthemen in eine kammermusikalische Sprache überführen. Sie machen aus bekannten Melodien keine wohlklingenden Miniaturen, sondern lebendige Szenen. Serinos Ton bleibt immer menschlich, voller Farbe, und Piccioni gestaltet jede Linie mit kluger Zurückhaltung und präzisem Ausdruck. Das Album, auch aufnahmetechnisch fein, gewinnt dadurch eine Geschlossenheit, die nicht konstruiert wirkt, sondern aus der Haltung der Musiker entsteht. Es lädt dazu ein, sich seinen Erinnerungen hinzugeben, aber auch neue zu schaffen. Ein Duoprojekt, das bleibt und das den Titel zu jeder Minute einlöst.
Dirk Schauß, im November 2025
Cinema Memories
Werke für Violine und Klavier
Marco Serino, Violine
Leandro Piccioni, Klavier
Arcana, A585

