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CD CHARLES-VALENTIN ALKAN – Klaviermusik mit SCHAGHAJEGH NOSRATI, CAvi music

30.10.2019 | Allgemein, cd

CD CHARLES-VALENTIN ALKAN – Klaviermusik mit SCHAGHAJEGH NOSRATI, CAvi music

Paganini, Chopin, Liszt – fehlt da nicht noch ein Name, da war doch noch jemand von Bedeutung? Spätestens seit den meisterlichen Alkan-Aufnahmen von Marc-André Hamelin für Hyperion oder von Pascal Amoyel für LDV dürfte für Klaviermusikinteressierte Charles-Valentin Alkan, der französische Klaviervirtuose und Komponist sowie das eine oder andere seiner Werk ein Begriff sein. Mit Bach verbinden ihn nicht nur die Vorliebe für Orgel und Kontrapunkt, sondern Alkan ließ sich etwa von Bachs Modellen des Wohltemperierten Klaviers oder seines Italienischen Konzerts BWV 971 zu eigenen faszinierenden Tonschöpfungen hinreißen. So wie Chopin in seinen Études Op. 12 und Op. 25 oder den Préludes Op. 28 orientiert sich Alkan in seinen 24 Dur- und Moll-Etüden Op. 35 und Op.39 am Modell des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach, indem er systematisch alle Tonarten des Quintenzirkels durchläuft. Mit Beethoven oder Liszt hat Alkan gemein, bis an die Grenzen des damals technisch Möglichen und in Grenzbereiche des romantischen Ausdrucks vorgedrungen zu sein, mit Liszt teilt Alkan der Hang zu religiöser Transzendenz.

Die in Bochum geborene Pianistin Schaghajegh Nosrati interessierte sich schon sehr früh für das noch immer am Rande stehende Repertoire Alkans, nicht zuletzt auf Anregung ihres Lehrers Rainer M. Klaas. Auf ihrer neuen CD stellt sie vor allem das gewaltige Concerto pour Piano Seul vor. Bei diesem 55 Minuten langen Stück werden sowohl der Solo- als auch der „Orchesterpart“ vom Klavier übernommen. Alkan hat hier drei Konzertetüden aus seinen „Douze Etudes dans les tons mineurs“ Op. 39 (1857) zu diesem raumsprengenden Concerto zusammengefasst. Die Lehrstücke bilden natürlich nicht nur jeweils eine, sondern ganze Kompendien verschiedenster Spieltechniken ab.

Nosrati nähert sich mit federnd leichtem Anschlag, Temperament und flotten Tempi diesen Skizzen und Übungsstücken, nicht ohne ihrer exzentrisch musikalischen Zier trefflich Kontur gegeben zu haben. Aus dem 1861 veröffentlichten Zyklus Esquisses Op. 63 hat Nosrati von den 49 kleinen hingepinselten Szenen acht gewählt. Die ruhig gedankenverlorene „La Vision“, den wie in die Luft genagelten „Le Staccatissimo“, ein abrupt endender Wachtraum „En Songe“, „Début De Quatuor“, „Notturnino -Innamorato“, die mit Kirchentonarten experimentierende „Petit Air, Genre Ancien“, die impressionistisch anmutende Studie „Les Soupirs“ und „Barcarollette“. 

Alkan ist wie Joseph Haydn oder sein Landsmann Berlioz ein Meister der unerwartet humorigen Wendung, der harmonischen Erprobung, der auch Groteskes, Exotisches in artistischer Überhöhung wie vom Wolken gefallen in seine Schöpfungen integrieren konnte. Seine Musik sagt aber nicht viel Explizites über das schwierige Innenleben des an sich introvertierten Menschen Alkan aus, der sich oftmals auch beruflich enttäuscht über ganze Phasen hinweg  komplett zurückzog. Über sein Ende weiß Wikipedia folgendes zu berichten: „Alkan starb 1888 in fast völliger Vergessenheit und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Cimetière de Montmartre (Division 3). Über die Umstände seines Todes sind nur Gerüchte bekannt; so hält sich etwa in der musikalischen Legendenbildung, er sei von einem umstürzenden Bücherregal erschlagen worden. Ein Nachruf in der Zeitschrift Le Ménestrel stellte makaber fest, durch die Todesnachricht wisse man überhaupt erst, dass es ihn noch gegeben habe.“

Umso berührender und wichtiger ist der Einsatz, den Nosrati vor allem im Allegro assai (Étude Op. 39, Nr. 8) so überzeugend in Anschlag bringt. Die fabelhafte Pianistin hat die einander überlappenden komplexen Farbschichten der Komposition genau ins Licht gehoben. Hinter all den virtuosen Läufen und vertrackten rhythmischen Vorgaben legt sie das Innerste, die Seele des bei allem intellektuellen Rüstzeugs so ungemein rauschhaften und sinnlichen Stücks und damit wohl auch einen Teil der unnennbaren Sehnsucht des Komponisten frei. Und das im Sinne einer metaphysischen Aneignung  eines faszinierend reich imaginierten Universums, das die harte Realität lediglich als Absprungfeder in eine Fata Morgana an üppigen Klanggärten braucht. 

Entdecken wir doch endlich diesen Universalisten Alkan, der nicht  nur blühende Zaubergärten in irisierenden Tönen wachsen lassen konnte, sondern mit seiner pianistischen Kunst Sänger, Streicher und ganze Orchester zu imitieren vermag. Nosrati ist die bestmögliche Anwältin dieser Musik, in jedem Ton ihres Spiels ist neben den hell ausgeleuchteten formalen Strukturen vor allem die unbedingte Ausdruckskünstlerin mit all ihrem fein dynamischen Gespür zu bewundern. Welch ein Erlebnis. Hoher Repertoirewert und eine packende Interpretation: Eine Empfehlung. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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