CD ANTONIO SALIERI: CUBLAI, GRAN KAN DE‘ TARTARI – Weltersteinspielung der Opera eroicomico in zwei Akten; aparte
Hommage zum 200. Todestag (7.5.2025) und 275. Geburtstag (18.8.2025) des Komponisten

Geboren in Italien und dort auch im Spiel der Violine, des Cembalos und als Sänger unterrichtet, folgte der 16-jährige Musikus Antonio Florian Leopold Gassmann nach Wien. Bei ihm erwarb er sich ebenda sein Grundwissen in Komposition. In Wien traf Salieri bald auf Metastasio und Gluck, einflussreiche Persönlichkeiten im Wiener Musikleben. Nach Gassmanns Tod 1774 übernahm Antonio Salieri dessen Funktionen als kaiserlicher Kammerkomponist und Kapellmeister der italienischen Oper. Nach weiteren Aufenthalten in Italien und München wurde Salieri 1788 als Nachfolger von Giuseppe Bonno zum Kapellmeister der kaiserlichen Hofmusikkapelle ernannt, eine prestigeträchtige wie fordernde Anstellung, die Salieri bis zum Jahr 1824 behalten sollte.
Ein energiesprühender „Gschaftlhuber“ war er schon, dieser Salieri. Der Kapellmeisterposten als auch seine Tätigkeit als Komponist reichten offenbar nicht aus, um den Künstler voll auszulasten. Daher war Salieri zeitweise parallel Präsident der Tonkünstler-Societät, Oberleiter der Wiener Singschule und als i-Tüpfelchen engagierte er sich noch im Gründungskomitee des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde. Zudem trat Salieri als Pädagoge vieler großer Musiker von Mozart über Beethoven bis zu Schubert in Erscheinung.
Die 1788 vollendete parodistische Opera eroicomico „Cublai, gran kan de’ Tartari“ schrieb Antonio Salieri auf ein Libretto des Giambattista Casti. Nachdem die erste Zusammenarbeit Salieris mit Lorenzo da Ponte künstlerischen scheiterte, funktionierte die Chemie zwischen dem Tonsetzer und Casti offenbar besser. Der wortbissige Casti, deklarierter Anhänger der Aufklärung, holte sich die Inspiration zu dem politsatirischen Textbuch bei einem Aufenthalt am russischen Hof von Katharina II. Die deutsche Prinzessin auf dem russischen Zarenthron, Reformerin, aber auch erotisches Monster, ehrgeizig und grausam, herrschte sichtlich nicht so, dass es dem politisch fortschrittlichen Casti konvenierte. Als er die geografisch in China angesiedelte, offenkundig politisch aufrührerische „Poema tartaro“ Kaiser Joseph II. zeigte, war jede weitere Hoffnung auf den Posten eines Hofpoeten dahin.
Salieri zeigte schließlich Interesse an dem Text, der mit säuresaurem Spott dem Adel und Klerus gegenüber nicht zimperlich war. Mit Cublai, Imperator de‘ Mongoli, einem versoffenen, mieselsüchtigen Potentaten mit schlechten Manieren, war wohl Peter der Große gemeint. Der Zeremonienmeister Orcano wiederum war Kristallisationspunkt der Häme auf ein verkrustetes Hofzeremoniells, während für die italienischen Abenteurer Memma und ihren Lover Bozzone die historischen Persönlichkeiten Anna Mons und Franz Lefort als Blaupause dienten.
Die Disharmonie Zar Peters I. mit dessen Sohn Alexei übersetzte sich in Castis Libretto in die Geschicke des geistig minder bemittelten und an Frauen wenig interessierten Cublai-Sprosses Lipi. Im Sinne der machtpolitisch motivierten Hochzeiten von Vertretern europäischer Herrscherhäuser soll er die bengalische Prinzessin Alzima ehelichen, war ihr aber zu blöd. Nach Memmas – mittlerweile zur Mätresse des Cublai Kan avanciert – Intervention zugunsten des Cublai Kan Neffen Timur kommen alsbald Lipi samt seinem klerikal intriganten Lehrer Posega in Schwierigkeiten. Am Ende wird Timur Nachfolger auf den Thron von Catai und Ehegespons von Alzima. Lipi kann sich weiter seinen geistlichen Genüssen mit Posega hingeben. Happy End.
Die Oper fiel trotz ihrer musikalischen Reize dem Zeitgeist und den gerade herrschenden politischen Verhältnissen zum Opfer, als Joseph II. laut eines Beistandspaktes Katharina II. im 1887 ausgebrochenen Krieg Russlands gegen das Osmanische Reich beistehen musste. Fakt ist, dass die Oper zu Lebzeiten von Librettisten und Komponist dieser Türkenkriege wegen nie aufgeführt wurde. Die Uraufführung fand erst – kaum zu glauben – am 5.4.2024 im MusikTheater an der Wien statt.
Die Uraufführung als auch die vorliegende Einspielung ist dem französischen Dirigenten und Cembalisten Christophe Rousset, der sich seit Jahren nachhaltig für das kompositorische Schaffen Salieris ins Zeug legt, zu verdanken. Die von ihm musikalisch geleiteten Aufnahmen der Salieri-Opern „Armida“, „Les Danaides“, „Les Horaces“ und „Tarare“ sind veritable diskografische Großtaten, weil sie die eingefleischten Vorurteile gegenüber Salieris Musik endgültig ad absurdum führen.
Der nun in einer instrumental spritzigen und sängerisch frech-frisch-kecken musikalischen Umsetzung vorliegender „Cublai, Gran Kann de’ Tartari“ ist ein weiterer Beleg für die innovative Herangehensweise Salieris an ein satirisches Sujet. Die im Juli 2924 in Studi RIFFX1 Boulogne-Billancourt entstandene Einspielung in der italienischen Originalfassung mit Mirco Palazzi (Cublai), Anicio Zorzi Giustiniani (Timur), Marie Lys (Alzima), Äneas Humm (Posega), Fabio Capitanucci (Orcano); Giorgio Caoduro (Bozzone), Ana Quintans (Memma) sowie Lauranne Oliva (Lipi) als Solisten, dem Choeur de Chambre de Namur und dem von Rousset gegründeten, historisch informiert aufspielenden Ensemble Les Talens Lyriques lässt alle drastisch humorigen Effekte bis skurrilen vokalen Einfalle köstliche Urständ feiern.
Als besonders kunstvoll und virtuos bleiben die Arien der Alzima ‚D’un insultante orgoglio‘ und ‚Fra, barbari sospetti‘ in Erinnerung, die die Schweizer Sopranistin Marie Lys mit derselben Intensität und glockigen Bravour interpretiert, wie das einst Diana Damrau auf ihrem Album ‚Arie di bravura‘, 2008 bei Virgin Classics erschienen, getan hat. Aber auch dem auf Mozart und Belcantorollen spezialisierten Bassbuffo Mirco Palazzi gelingt ein witziges, dennoch bitterböse gezeichnetes Porträt der eigentlich nichts vertragenden Saufnase Cublai Kan. Wie passgenau die Besetzung gewählt ist, erweist sich besonders in den flotten, kunstvoll arrangierten Ensembleszenen (große Finali von Akt I und II, in den Terzetten und Quartetten).
Fazit: Eine höchst amüsante wie unterhaltsame Oper, die mit einer funkensprühenden musikalischen Umsetzung uneingeschränkt für sich einnimmt. Christophe Rousset und die Seinen bewähren sich ein weiteres Mal als neugierige und leidenschaftliche Erkunder des Opernschaffens Salieris. Ein würdiges Jubiläumspräsent!
Dr. Ingobert Waltenberger

