Anton Bruckners neunte Sinfonie mit den Wiener Philharmonikern unter Christian Thielemann bei Sony Classical
Mit großer Strahlkraft
Von 1891 bis 1894 schrieb Bruckner an seiner Sinfonie Nr. 9 in d-Moll, die er unvollendet hinterließ und „dem lieben Gott“ widmete. Er äusserte vor seinem Tode den Wunsch, als Finale möge man sein Tedeum aufführen. Diese Idee wurde jedoch kaum umgesetzt. Heute spielt man in der Regel nur die drei vollendeten Sätze. Oktav- und Quint-Intervall sind hier von zentraler Bedeutung und wecken auch Assoziationen zu Beethovens neunter Sinfonie. Christian Thielemann ist es bei seiner konzentrierten Einspielung mit den Wiener Philharmonikern gelungen, die geistigen Zusammenhänge dieser gewaltigen Komposition konsequent auszuloten. Das zeigt sich schon bei der aus dunklem, raunendem Nichts aufsteigenden Misterioso-Einleitung des ersten Satzes. Acht Hörner tasten hier den Akkord der Grundtonart ab. Und nach der feierlichen Fanfare werden noch weit mehr Energien gesammelt. In schroffen Oktaven stürzt dann das Hauptthema herab. Dieser übermächtige Ausbruch erinnert dabei tatsächlich an eine Auseinandersetzung mit Gott. Das zweite Thema wird bei dieser Interpretation von einer sehr klangschön gestalteten Streichermelodie beherrscht. Aus der Umkehrung des Themas erwächst die bewegende Steigerung dabei sehr konsequent. Und aus wogenden Quinten taucht dann das dritte Thema in ergreifender Weise ans Licht. Nach der Durchführung meldet sich die Einleitungfanfare wieder, die wuchtig gegen den Granitblock des Hauptthemas prallt. Leere Quinten schaffen bei diesen Passagen eine dynamisch überaus aufregende Atmosphäre. Gerade diese Strukturen legt diese Interpretation konsequent offen. Der sonderbare Übermut eines Greises behauptet sich im überaus vital und forsch musizierten Scherzo, dessen bemerkenswertes Kopfthema hier eine unglaubliche Intensität und Leuchtkraft besitzt. Der Rhythmus stampft allerdings nicht monoton daher, sondern untermauert mit felsenfester Emphase diese erregende rhythmische Offenbarung. Gespenstische Schatten huschen über das zarter gespielte Trio. Gerade die besondere poetische Stimmung erfasst Thielemann mit den Wiener Philharmonikern in feingetönten Harmonien. „Abschied vom Leben“ soll Anton Bruckner selbst eine Stelle des abschließenden Adagio bezeichnet haben. Die Geigen tragen jenen Gedanken in bewegende Höhe, die an einen schmerzlichen Abgesang erinnert. Hörner und Tuben stimmen dann den „Abschied vom Leben“ an, der dabei aber auch optimistisch wirkt. Tröstlich erscheint das zweite Thema. Eine kämpferische Themenumkehrung macht sich bei dieser Wiedergabe sehr stark bei der Streichermelodie bemerkbar. Die Streicher enthüllen suggestiv eine Vision des Jenseits, die die Wiener Philharmoniker in ausgezeichneter Weise hervorheben. Sanfte Klänge der Verklärung und Erlösung beschwören eine versunkene Welt. Christian Thielemann glückt dabei mit den Wiener Philharmonikern eine Art Schwanengesang, dessen unglaubliche Strahlkraft man nicht vergisst.
Alexander Walther

