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Caroline WENBORNE: „Man darf die Freude an dem, was man macht, nicht verlieren!“

23.12.2011 | INTERVIEWS, Sänger

„Man darf die Freude an dem, was man macht, nicht verlieren!“

Caroline Wenborne im Gespräch mit Kurt Vlach (2011)

Für viele Künstlerinnen und Künstler ist es, nach Jahren in der Opernprovinz, ein Traum an die Wiener Staatsoper zu kommen. Die Australierin Caroline Wenborne brauchte diese Umwege nicht zu machen, sondern fing nach einem Stipendiat, das sie ins Haus am Ring führte, sofort im Ensemble an. Mit der jungen, aufstrebenden Sopranistin sprach Kurt Vlach.

 

Frau Wenborne, Sie wurden in Australien geboren, allerdings haben Sie einen wirklich kosmopolitischen Familienhintergrund.

 Ja, meine Eltern sind zu Ende der Sechzigerjahre aus Chile nach Australien ausgewandert. Zu dieser Zeit waren Kanada und Australien für viele Südamerikaner die Länder der „unbegrenzten Möglichkeiten“ und so ist meine Familie schlussendlich am fünften Kontinent gelandet. Ich verbrachte meine ersten sieben Jahre in Australien, ehe meine Familie dann wieder für vier Jahre nach Chile ging, wo ich in Santiago de Chile die Schule besuchte.

Ihre Muttersprache ist also Spanisch – wird bei Ihnen zu Hause noch immer in dieser Sprache kommuniziert?

 Ja, wir sprechen untereinander Spanisch und Englisch.

Haben Sie Geschwister?

 Es gibt einen älteren Bruder, der aber nicht im Musik-Business ist, sondern bei Apple arbeitet.

Sie sind Doppelstaatsbürgerin?

 Neben der australischen besitze ich noch die französische Staatsbürgerschaft. Mein Vater hat auch diese Staatsbürgerschaft (er hat französische, englische und irische Vorfahren. Mütterlicherseits habe ich spanische, deutsche und auch österreichische Vorfahren. Meine Urgroßmutter stammt aus der von Graz und hieß Karoline. Ich wurde nach ihr benannt. Ein Kollege an der Staatsoper grüßt mich immer mit „Karoline, das steirische Mädel! J

Ich nehme an, dass Sie mit lateinamerikanischen Rhythmen aufgewachsen sind?

 Selbstverständlich! Am chilenischen Unabhängigkeitstag, der am 18.September gefeiert wird, versammelte sich dann immer die chilenische und auch die argentinische Gemeinschaft von Sydney und es wurde bis in den Morgen hinein musiziert.

Wie ist dann Ihre Liebe zur klassischen Musik entstanden?

 In der Highschool begann ich meine musikalische Ausbildung, allerdings wurden da sämtliche Musikrichtungen unterwiesen. Ich nahm an Musical-Aufführungen, Schultheater, Schauspielklassen und Tanzfestivals teil und ich habe auch in einer Jazz-Band gesungen. Später hatte ich dann eine Privatlehrerin, von der ich sehr profitierte. Ich war sehr inspiriert und beeinflusst von Aufnahmen von Callas, Tebaldi, De los Angeles, Dame Joan Sutherland und Te Kanawa.

Ich war neugierig darauf, dieses Genre weiter zu verfolgen, das für mich die Spitze der Gesangskunst darstellte. Mein Vater, der sehr musikalisch ist und einige Instrumente beherrscht hat mir diese Karriere einmal vorgeschlagen. Meine Eltern und meine Familie waren für meine Karriere eine wichtige und entscheidende Macht im Hintergrund.

Die Sache mit der Privatlehrerin war sehr witzig. Durch Zufall und über drei Ecken bekam ich den Namen und die Telefonnummer der Dame. Ich rief sie an und sagte zu ihr, „Ich möchte Opernsängerin werden. Werden Sie mich unterrichten?“ Nun, es funktionierte..

Ich studierte dann am Sydney Conservatorium of Music bei Maree Ryan. Meine Lehrerin war auch diejenige, die mich ermutigte, an vielen Wettbewerben teilzunehmen.

Und da schnitten Sie ja sehr gut ab!

 Ja, unter anderem gewann ich das „International Opera Plus Summer School Scholarship“, das mich nach Belgien brachte. Dort verbrachte ich dann 2 Wochen. Anschließend besuchte ich Sprachkurse in Italien, damit ich die italienische Sprache besser beherrschte.

Ein sehr wichtiger Wettbewerb war auch die Teilnahme am „German Operatic Award“ im Jahr 2004.

 An diesem Wettbewerb nahmen Sänger aus ganz Australien teil, der Sieger oder die Siegerin erhielten dann ein Stipendium für ein Jahr, um beim Young Artists Studio der Oper Köln teilzunehmen. Für Australier ist es unheimlich schwierig, eine Karriere zu entwickeln, wenn man nicht in Europa Fuß fassen kann, da es bei uns nicht so viele Opernhäuser gibt.

Oftmals wurde ich bei Wettbewerben Zweite. Auf Englisch lautet das Sprichwort „Always the bridesmaid, never the bride“. So war ich auch dieses Mal unter den sechs Finalisten. Parallel zum Wettbewerb sang auch bei einer Aufführung für das Konservatorium die Rolle der Fiordiligi in Cosi Fan Tutte. Ich hatte mir für das Finale nicht viel ausgerechnet, war von der Aufführung etwas müde. Vielleicht kam ich aus diesen Gründen sehr entspannt zum Finale – und ich gewann den Bewerb und das Stipendium!

So kamen Sie also nach Köln. Welche Rollen haben Sie dort gesungen – und haben Sie auch Meisterklassen besucht?

 In Köln sang ich kleine Rollen wie die Diana in „Orpheus in der Unterwelt“ oder den Hahn im „Schlauen Füchslein“. Ich konnte auch einen ersten Eindruck davon gewinnen, was sich – neben Gesangsunterricht – hinter den Kulissen eines Opernhauses so abspielt, wie ein Vorsingen funktioniert, welche Rolle Agenten spielen. Als ich noch am Sydney Conservatory of Music studierte besuchte ich unter anderem Meisterklassen bei Dame Joan Sutherland und Richard Bonynge. Frau Sutherland legte viel Wert auf „pianissimi“, zeigt mir, wie ich „soft“ singen kann, Herr Bonynge übte mit mir die Arie der Donna Anna, „non mi dir“ ein und gab mir Tipps in Bezug auf Belcanto-Gesang und auf Farben bei der Interpretation. Bei einer Meisterklasse mit Sir Donald McIntyre feilten wir an der „Elsa“.

War es für Sie leicht, die deutsche Sprache zu erlernen?

 Deutsch ist wirklich sehr schwer. Ich besuchte das Goethe-Institut in Düsseldorf. Das war ein guter Beginn, aber ich brauchte mehr Zeit und Übung. Das war dann möglich, sobald ich dann in Köln zu arbeiten begann, als die Proben begannen und ich meine neuen Kollegen kennen lernte. Das hat mich dazu gebracht auf einer täglichen Basis zu sprechen. Ich lerne noch immer jeden Tag neue Worte!

2006 erhielten Sie dann das Stipendium der „Opera Foundation Australia“ für die Wiener Staatsoper. War das auch im Rahmen eines Wettbewerbs?

 Nein, für dieses Stipendium wird man nominiert und eine Jury wählt dann die Begünstigten aus. In meinem Fall wurde ich vom australischen Bariton Robert Allman vorgeschlagen und die Jury hat sich für mich entschieden. Das Wiener Stipendium war auf vier Monate lang ausgelegt – mein Lebensunterhalt und die Gesangsstunden wurden übernommen. Ich sollte Rollen „covern“, wurde beim Lernen gecoacht und es waren auch kleine Rollen vorgesehen.

 Und dann kam der berühmte Anruf…

 Ja, ich wurde von Jendrik Springer angerufen, ob ich nicht innerhalb von 48 Stunden die Rolle der Gianetta im „L’elisir d’amore“ lernen könnte. Eine Sängerin war krank geworden. Ich sagte spontan zu und die nächsten 2 Tage waren SEHR arbeitsintensiv. Nun, mein Auftritt war in Ordnung und schon einen Tag später wurde mir – ebenfalls in ganz kurzer Zeit – die Rolle der Barbarina angeboten, eine Chance, die ich natürlich auch annehmen musste. Da war das Schwierige für mich, die Rezitative so einzulernen, dass der musikalische Fluss nicht litt.

Nachdem ich  beide Auftritte absolviert hatte fragte mich Direktor Holender „Wollen Sie hier gerne arbeiten?“ Klar, dass ich das sofort zusagte – ein Traum war für mich wahr geworden, ich hatte mein erstes Fixengagement – und das gleich an der Wiener Staatsoper, einem der wichtigsten Opernhäuser der Welt!. Später in dieser Saison kam ich dann noch zu einem Auftritt in „Moses und Aron“, als wieder einmal eine Kollegin erkrankte. Da stieß ich erst bei der Kostümprobe dazu. In diesem Jahr erhielt ich auch die „Eberhard Waechter-Medaille“ und den damit verbundenen Förderpreis, was ich als große Ehre empfunden habe.

Mussten Sie dann Direktor Meyer vorsingen?

 Ja. Mein Vertrag wurde von Direktor Holender drei Mal um je ein Jahr verlängert, aktuell habe ich einen Vertrag bis 2013. Direktor Meyer hatte mich auf der Bühne nicht so oft gesehen, deswegen wollte er mehr von mir hören.

Gibt es schon Pläne für danach?

 Ich möchte weiterhin Mozart-Rollen singen, aber zur selben Zeit auch „schwerere“ Rollen in mein Repertoire aufnehmen. Ich denke da zum Beispiel an Desdemona, Amelia, Mimi, Micaela, Nedda etc. Wenn sich meine Stimme weiterhin in diese Richtung entwickelt wäre dann auch der Weg zu Strauss und Wagner für mich offen.

Haben Sie manchmal Heimweh nach Australien?

 Ich versuche jedes Jahr im Sommer nach Australien zu fliegen und dort Zeit mit meiner Familie zu verbringen. 2009 konnte ich diesen Urlaub sogar mit einem Engagement an der Victoria Opera kombinieren. Ich sang dort sechs Aufführungen als Donna Anna in einer Neuproduktion.

Was viele nicht wissen – Sie sind auch eine Olympionikin?

 2008 wurde im Rahmen der Olympischen Spiele in Beijing auch eine Art „kulturelle Olympiade“, der „Musicathlon“ abgehalten. Ich war die einzige Sängerin, die das Sydney Conservatory of Music nominierte und so verbrachte ich mit meinen Kollegen einige Zeit in China. Mit von der Partie waren unter anderem auch ein Streichquartett und ein Didgeridoo-Spieler! Ich sang dort unter anderem die Arien aus Le Nozze di Figaro, La Boheme und „Vissi d’arte“ aus Tosca. Ein wirklich interessantes Erlebnis, allerdings war der Zeitplan derartig straff organisiert, dass wir eigentlich kaum Gelegenheit hatten, mit Künstlern aus anderen Nationen zusammenzutreffen.

Neben Ihren „regulären“ Auftritten an der Staatsoper haben Sie auch Auftritte beim „Kinder-Ring“. Wie stehen Sie zu diesem Projekt?

 Die Produktion ist einfach phantastisch und sie macht viel Spaß. Die Geschichte wird den Kindern als Märchen dargeboten. Obwohl – man muss sehr konzentriert bei der Arbeit sein, um nicht aus dem Konzept zu kommen. Immer wieder kommt es zu Zwischenrufen wie „Jetzt küsse Sie doch endlich“ bei Szenen zwischen Siegfried und Brünnhilde! Ich finde die Idee großartig, damit Kinder an die Oper heranzuführen – es ist ja auch ein Weg, um die Zukunft dieser Sparte zu sichern!


Caroline Wenborne als Gutrune. Foto: Wiener Staatsoper/ Pöhn

Was waren aus Ihrer Sicht die bisher größten Erlebnisse Ihrer Laufbahn?

 Das waren sicherlich die Vorstellungen, als ich in zwei großen Mozart-Rollen einspringen durfte. Einerseits als Fiordiligi, andererseits als Donna Anna in der Neuproduktion. GMD Welser-Möst hat mich da sehr unterstützt. Herr Direktor Meyer war auch sehr hilfreich und er stand an diesem Abend die meiste Zeit hinter der Bühne in den Seitenflügeln um mich zu ermuntern und zu unterstützen, als ich von der Bühne abging bzw. aufgetreten bin. Als ich zum ersten Mal in der Garderobe der „Prima Donna“ gesessen bin, war das ein überwältigendes Gefühl, denn die letzte Australierin, die Donna Anna auf dieser Weltbühne gesungen hatte, war niemand geringerer als Dame Joan Sutherland! Diese Rollen zu singen gab mir die Bestätigung, dass das ein gutes Repertoire für mich ist. Es machte mir derartig viel Spaß diese Rollen zu verkörpern, dass mir ein guter Freund die Spitznamen  „Donna Carolina“ und „Fiordiwenborne“ gab. (lacht) J

Worauf bereiten Sie sich zur Zeit vor?

 Ich bereite mich zur Zeit für einen Liederabend im Rahmen der Reihe „Das Ensemble stellt sich vor“ für den 15.Jänner, gemeinsam mit meiner Kollegin Chen Reiss, vor. Wir werden von Kathleen Kelly begleitet. Ich arbeite an der Rolle der Lora in „Die Feen“. Ebenfalls bereite ich mich als Cover für die Contessa (Figaro) vor. Ich singe auch bei der Premiere von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“.

 Welche Dirigenten haben Sie bisher beeindruckt?

 Da wären einmal GMD Franz Welser-Möst, dann ist die Arbeit mit Peter Schneider immer eine besondere Freude, dann konnte ich auch mit Seiji Ozawa und Marco Armiliato besonders gut arbeiten. Es war auch eine nette Abwechslung mit Marc Minkowsky zu arbeiten, als ich die Rolle der Alcina coverte. Ich habe selten die Gelegenheit, mit einem Barock-Spezialisten zu arbeiten.

Sie waren auch am schon jetzt legendären „Thielemann-Ring“ mitbeteiligt!

 Ich fand diese Erfahrung sehr lohnend, da er bestrebt ist, aus jedem das Beste in dieser Produktion herauszubekommen. Ich bin dankbar, dass mir die Gelegenheit gegeben wurde mit ihm zu arbeiten! Ganz tolle Kollegen waren auch Eric Halfvarson und Linda Watson.

Wie stehen Sie zu Kritiken?

 Ich denke, dass ich selbst meine härteste Kritikerin bin und genau weiß, wann ich einen guten oder nicht so guten Abend hatte. Ich lese die Kritiken, aber ich versuche immer, diese zu relativieren. Manchmal liest man für den gleichen Abend sehr gute Kritiken, aber auch solche, die nicht so gut sind. Aber zum Ende des Tages ist es eine sehr subjektive Form der Kunst. Manche werden das, was du machst, lieben – und andere nicht. Das ist das Leben!

Am wichtigsten ist es, die Freude an dem, was man macht, nicht zu verlieren.

Zum Abschluss noch die 10 Fragen des Bernard Pivot –

 1) Was ist Ihr Lieblingswort? 

Imagination

2) Welches Wort mögen Sie am wenigsten? 

Unmöglich

3) Was gibt Ihnen ein gutes Gefühl? 

Freiheit

4) Was gibt Ihnen ein schlechtes Gefühl? 

Mangel an Mitgefühl

5) Welches Geräusch oder welchen Lärm mögen Sie? 

Das Geräusch des Ozeans

6) Welches Geräusch oder welchen Lärm mögen Sie nicht? 

Sirenen – sie bedeuten immer etwas Schlimmes

7) Was ist Ihr Lieblings-Schimpfwort? 

Alles in Spanisch!

8) Welchen Beruf außer Ihrem jetzigen hätten Sie sonst gerne ergriffen? 

Ich hätte gerne an Reisedokumentationen mitgearbeitet

9) Welchen Beruf mögen Sie überhaupt nicht ausüben? 

Jeden Beruf, wo ich früh aufstehen muss J

10) Wenn der Himmel existieren sollte, was würden Sie gerne von Gott hören, wenn er Sie am Himmelstor empfängt?

Oops – wir haben einen Fehler gemacht – und um Sie für diese Unannehmlichkeit zu entschädigen schicken wir Sie wieder auf die Erde zurück, als 20jährige und mit 20 Millionen Euro auf ihrem Konto!

Liebe Frau Wenborne, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen, dass sich Ihre Karriereträume erfüllen werden!!

Kurt Vlach

 

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